Bildersammlung James Ensor
Anmerkungen zu "Der Sturz der rebellischen Engel"
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"Der Sturz der rebellischen Engel" In dieser Farborgie zeigt sich Ensor als leidenschaftlicher Expressionist. Die Formen der Figuren und Gegenstände lösen sich in einem koloristischen Inferno nahezu auf. [A3]

Zur gleichen Zeit malt Ensor auch den Sturz der rebellischen Engel, ein sich von der Maske Wouse sowohl hinsichtlich der Thematik wie auch der Maltechnik stark unterscheidendes Werk. Ensor entwirft hier mittels eines entfesselt scheinenden Lichts eine geradezu apokalyptisch anmutende Vision, die alle Gegenständlichkeit aufzulösen scheint. Das Sujet der stürzenden Engel ist der Ausgangspunkt für eine regelrechte Farbexplosion, deren Gewalt an die expressive Malerei eines Hans Hartung (1904-1989) oder Jackson Pollock (1912-1956) erinnert. Ein Vergleich mit dem zwei Jahre vorher entstandenen Bild Die Versuchung des heiligen Antonius gibt Aufschluß über Ensors Entwicklung zu einer radikalsubjektiv bestimmten, allein dem Ausdruck verpflichteten und höchst emotionsgeladenen Malerei. Erscheint die Versuchung noch als ein Werk mit mehr oder weniger deutlich erkennbaren Figuren und grotesken Gestalten, in dem bei aller Dynamik der Komposition der Person des Heiligen die Funktion eines nahezu ruhenden Poles zukommt, erweisen sich die Rebellischen Engel als eine aus einem wilden Malgestus heraus entstandene ausdrucksstarke Farborgie, ein schieres Inferno. Wahrhaftig ein Weltuntergang, vom Künstler dramatisch und visionär inszeniert. [A3]

Bedeutsam sind Ensors formale Neuerungen, die in ihrer Vielfalt hier nicht erwähnt werden können. Im Fall der rebellischen Engel (1888) stößt er bis zum Verzicht auf den perspektivischen Raum, bis zur Entgegenständlichung im Sinne des späteren Tachismus oder abstrakten Expressionismus vor. Aus roten, spontan hingesetzten Farbsträngen fügt sich seine Vision. Auch gibt es von ihm fiktive Schlachtendarstellungen, meist Radierungen, Randvoll belebt von Myriaden insektenhaft winziger Figuren, die grausame Gefechte führen. Manches erinnert an den Linienstil naiver Kinderzeichnungen. Dann radierte er wieder großartig-einfache, meisterhafte Landschaften ohne jede Doppelbödigkeit, wie sie vor ihm nur noch Rembrandt gelangen. [A2]

Man kann an diesen beiden Bildern sozusagen üben, bevor man sich ernsthaft den beiden figurenübersäten Lichtexplosionen "Der sterbende Christus" (1888) und "Der Fall der rebellischen Engel" (1889) zuwendet. Auf dem ersten Bild steht Christus vor dem Hintergrund einer riesigen Palette, auf der alle Farben und Spachtelstriche das menschliche Durcheinander, für das er leidet, beinahe auswischen. Er leidet in Violett, hingestellt wie ein Verkehrspolizist; ein Hinweis, daß die Menge vor ihm in beiden Richtungen vorbeigehen kann. Ensors unbeschwerteste Mischungen deuten eine Welt von unendlicher chromatischer Komplexität an, einem König angemessen, doch die klare Wirkung der ausgestreckten Arme ist die, die Menschen von ihm fernzuhalten. Der Farbe ausgesetzt, wie auch anderswo bei Ensor in Wellen oder Wolken oder einem Gasmantel aus zischendem Licht, wirkt er beinahe so, als wollte er die Zerstörung der rebellischen Engel unterstützen, die hüpfen und springen in einem Streifengewirr von vertrocknet aussehendem Blut: fallend und stürzend natürlich, mit ihren Speeren durch den Raum sinkend. In beiden Gemälden bringt die zerrissene und verwilderte Anwendung der Farbe das zur Geltung, was Ensor mit sorgfältig abgegrenzten Umrissen nicht erreichen könnte. Er unterstreicht die Neigung des Lebendigen zum Zerfall, vielleicht sogar zum Zerfall als angestrebtem Ziel, und er scheint uns an das Fließende und Chaotische hinter jeder alltäglichen Erscheinung zu erinnern: ein Kopfsalat, eine Motte, eine Gehirnzelle, ein Automobil. Im Vergleich mit ihm erscheint der Impressionismus gesittet und niedlich. Er malt die Fähigkeit des Lichts, zu zerreißen und sich zu entzweien. [A4]