Der Wäßrige Foerster
Herr Oberstudienrat Dr. Hans Faßbinder saß in der S-Bahn und fuhr in den Ostsektor. So sagte er drei Jahre nach der Vereinnahmung immer noch. Gar zu kraß waren aber auch die Unterschiede des Straßenbildes, der Sinnesart und der Antiquariatspreise in den beiden Teilen dieser Stadt.

Die Menschen da drüben waren zurückhaltend bei der ersten Begegnung, bald aber teilnehmend und zugreifend. Die Rollenspieler seines Lebenskreises dagegen trafen auf den Unbekannten mit schäumender Freundlichkeit, aber sie gingen vorüber. Faßbinder hatte unter diesen Leuten viele Bekannte, aber keine Freunde. Eine Partnerin fand er auch nicht. So war die Fläche seiner Gedanken aufgespannt zwischen seinen Büchern, seinen Schülern und seiner Sucht nach Klarheit, einem Vermächtnis seines Vaters, Juristen in der Hamburger Senatsverwaltung. Diese Sucht hatte einst sein Studium belastet und ihm die Professoren verhaßt gemacht.

Der übelste von denen war Zephelius. Er las Physikalische Chemie, ein Gemisch aus chemischer Kochkunst, strengen Naturgesetzen und Differentialgleichungen. Der Professor war ein mäßiger Koch, der die Naturgesetze fließend auswendig gelernt hatte und Formeln vom Spickzettel an die Wandtafel schrieb.

Ausgerechnet dieser Zephelius aber legte den Grundstein zu Faßbinders geistigem Leben und beruflichem Erfolg. Jeder seiner Studenten mußte nämlich zu einem Thema des Faches vortragen. Auf Faßbinder war die Diffusion gefallen. Als er seinen Text ausarbeitete, fand er in den Berichten der
Bunsengesellschaft von neunzehnhundertfünf eine Arbeit von Einstein. Auf einer einzigen Seite war dort die Wanderung von Stoffen in Lösungen mit einfachen Worten deutlich und unvergeßlich erläutert. Nur zwei oder drei Formeln unterbrachen den Text.

Seither sammelte Faßbinder wissenschaftliche Veröffentlichungen, mit denen man Schwätzer auf den Mund schlagen konnte. Anfangs als Kopien. Jetzt, nach fünfundzwanzig Jahren Schuldienst, leistete er sich Originale. Zu solch einem war er heute unterwegs.

Er trat in das kleine Antiquariat am Prenzlauer Berg, wo er den Wäßrigen Förster bekommen sollte, die "Elektrochemie wässeriger Lösungen von Dr. Fritz Foerster, o. Professor an der Technischen Hochschule zu Dresden". Wirklich, sie legten ihm das Buch auf den Ladentisch. Es war die dritte Auflage von 1922, halb in graues Leinen gebunden, die Deckel mit marmoriertem Papier beklebt. "Dreißig Mark", sagte der Verkäufer. Faßbinder traten die Tränen in die Augen. Dreißig Mark für ein Ereignis in der Wissenschaft!

Er schob seinen Schatz behutsam in die Tasche, fuhr nach Hause ins Hansaviertel, fütterte die Fische und blätterte dann mit sanften Fingern in dem Buch, betrachtete die Zeichnungen und las den einen oder anderen Satz. Darüber verging der Abend.

Am Morgen dann hielten seine Schüler wie immer Physik und Chemie für die leichtesten und wichtigsten Fächer, die es gab.