Das Instrument
Sie kommt ins Abteil, packt einen kleinen Rucksack und ein Etui, wie es für Musikinstrumente verwendet wird, auf die Gepäckablage und setzt sich mir schräg gegenüber. Dann zieht sie eine Broschüre aus der Tasche ihrer Jeansjacke und blättert darin. Auf dem Umschlag schimmert der Name eines verfemten Russen. Als der Zug anfährt, steckte sie das Buch weg, legt den Kopf auf die Seite und schläft ein. Dabei wird ihr Gesicht noch kindlicher als im Wachsein.

Ich grüble. Heutzutage ist es schwer, aus der Form eines Instrumentenkastens auf den Inhalt zu schließen. Vor dreißig Jahren noch zeichnete die Hülle den Inhalt nach. Jetzt kann man nicht mehr erkennen, ob es eine Geige oder eine Klarinette, ein Violoncell oder eine Baßgitarre ist. Trotzdem beginne ich zu raten.

Nach Mund und Kinn zu urteilen, spielt sie Flöte. Um eine Violine zu halten, ist das Kinn zu klein, der Hals zu dick. Außerdem ist sie für Geigenspiel etwas zu mollig, das dämpft den Klang. Die Töne, die bei der Schulter erzeugt werden, müssen leicht schwingende Substanz treffen.

Aber in die Höhlung zwischen Kinn und Unterlippe paßt das Mundstück einer Flöte. Die Hülle ist zwar für dieses Instrument reichlich groß, aber vielleicht enthält sie auch Noten, ein Brötchen, Teile zum Wechseln, eine Bürste zum Säubern. Für Klarinette sind die Lippen nicht aufgeworfen genug, und weibliche Wesen spielen sie selten. Für Oboe ist der
Gesichtsausdruck zu wenig angestrengt. Auch habe ich eine Oboistin überhaupt noch nicht gesehen.

Ich sinniere vor mich hin, vermeide aber, sie anzustarren, damit sie nicht aufwacht. Sie ist hübsch, hat glatte Haut, ein ovales Gesicht mit hoher, leicht gewölbten Stirn. Die Haare sind straff nach hinten gekämmt, werden über der Stirn durch einen schmalen Metallreifen gehalten und im Nacken von einer fein gearbeiteten Spange zusammengefaßt. Wirklich, sie ist hübsch. Aber es geht nichts Wohlwollendes von ihr aus. Liegt das am Ehrgeiz, der notwendig für eine Virtuosin ist? An schlechten Erfahrungen mit den Menschen?

Plötzlich ist der Waggon voller Uniformierter. Pistolen richten sich auf die Musikantin. Einer der Männer hebt die Instrumententasche herunter und zieht den Reißverschluß auf. Eine Kalaschnikow kommt zum Vorschein, ein älteres Modell, noch mit blankpoliertem, braungemasertem Holzkolben. Der Mündungsschoner ist vorschriftsmäßig aufgesetzt. Drei Magazine sind da, von Schlaufen gehalten, gefüllt, wie ich erkennen kann. Das sind fast hundert Schuß. Das Bajonett fehlt.

Die Kleine ist nur wenig überrascht. Ohne große Umstände folgt sie den Staatsdienern. Sicher hat sie gehört und gelesen, wie mild und besorgt mit jugendlichen Räubern und Brandstiftern umgegangen wird. Sie vergaß dabei, daß keiner von denen verfemte Russen gelesen hat.