Die richtige Schußlinie
"Wie vorteilhaft es ist, die Schußlinie genau vorherzusehen, ha- be ich hier in diesem Café gelernt", sagte Kriminalrat Kuschel- bär. "Ich hockte da drüben mit dem Rücken zur Wand und dem Gesicht zur Tür und wartete auf Matthäus, der Polizeischutz brauchte, denn er hatte gesungen. Hier neben dem Eingang saß eine junge Frau: schlank, kastanienbraunes Haar, dunkle, flinke Augen, erfahren, aber noch neugierig. Hätte ich schießen müssen, wäre sie in Gefahr geraten.

Ich hatte Zeit und spann mir ihre Geschichte zusammen. Das übt die Phantasie und schafft auf magische Weise Kontakt.

Also, dachte ich mir, Monique ist aus Oberbayern. Aus Tölz. Et- was größer muß der Ort sein, denn Vater hat eine florierende Autowerkstatt, einen richtigen Betrieb fast schon. Mutter putzte das Töchterchen immer hübsch heraus, sie war einzige Schwester ihrer drei älteren Brüder. Als Monique in die sechste Klasse ging, starb Mutter. Die Mannsbilder verhätschelten die Kleine weiter. Ergebnis: Sie will Model werden, Schauspielerin, die Welt erobern. Also: mittlere Reife, nach München, Manne- quin-Kursus, stumme Rollen im Film, jungen Schauspieler geheiratet. Dann möchte Vater ihr das Geschäft übertragen, denn die Brüder besaßen inzwischen eigene Firmen. Das Blut der zäh am Erworbenen hängenden Vorfahren aus dem Ober- land meldet sich. Von dem Schlawiner geschieden. Zurück nach Tölz, Vaters besten Mechaniker geheiratet." Das klang abfällig.

"An diesem Punkte des Lebenslaufes lächelte mir die Schöne bedeutsam zu. Jetzt hätte ich zu ihr an den Tisch gehen können. Aber gerade, als sie mit den Augen winkte, kam Matthäus. Das war schade. Denn manchmal fuhr Monique nach München, setzte sich in eine der Künstlerkneipen, träumte und hoffte auf eine Romanze. Malen war bei den Mittelständlerinnen Mode. Also malte sie. Tennis spielte sie ohnehin, wegen der ge- schäftlichen Kontakte. Insgeheim schwärmte sie für Rockmu- sik. Seit einem Monat hatte sie das erste Baby." Kuschelbär träumte und schwieg. Dann zuckte er zusammen:

"Ich sah durchs Fenster Ferdinand kommen. Er öffnete die Außentür, die Innentür ging automatisch auseinander. Dann trat er herein und zog sofort. Ich ebenfalls. Ehe ich abdrücken konnte, krachte ein Schuß. Ferdinand taumelte, seine Waffe flog in hohem Bogen durch den Raum und landete am Tresen weich in einem Stück Erdbeertorte. Ich stürzte auf ihn zu und konnte ihm die Handschellen anlegen, solange er noch benommen war, sah aber auch, wie die junge Frau lässig eine Pistole in ihre Handtasche schob und hinausging. Da stand auch schon mein Chef und hieb mir auf die Schulter: 'Herrlicher Schuß', brüllte er.

'Nicht meiner', stotterte ich. 'Die Frau hier am Tisch. Sie hatte seine Rechte direkt vor den Augen.'

'Frau Oberinspektor Bayerings-Flötenhübler vom Rauschgiftde- zernat', erklärte Matthäus. Alle fragten sich, warum ich das nicht gewußt hatte."