Abschied
Das Telefon meldete sich.

"Ich bin's", sagte sie wie früher auch.

"Ich freue mich sehr", sagte ich. "Ich habe erwartet, daß du anrufst. Du hast mich schnell gefunden nach diesen dreißig Jahren."

"Mein Schwiegersohn hat dich erwähnt."

"Dr. Haupt."

"Woher weißt du das?"

"Sofort wußte ich das. Es war wie ein Schlag. Die Ältere oder die Jüngere?"

"Die Ältere."

Sie dachte etwas nach.

"Warum schnell?" fragte sie dann.

"Seit wir uns auf dem Salzring gesehen haben, ist kaum ein Tag vergangen."

"Ich war viele Wochen nicht auf dem Salzring", sagte sie.

"Du standest an der Haltestelle gegenüber. Als du merktest, daß ich dich ansah, hast du mich erkannt."

"Das war ich nicht", sagte sie. "Aber laß mich beschreiben, wie ich aussah:

Noch immer nur knapp mittelgroß. Mager. Auch obenherum. Du weißt, das hat mich schon immer gestört. Enge Jeans. Helle Schuhe mit wenig Absatz. Kleine, schwarze, enge Stoffjacke. Eine gelbliche Bluse mit Rüschen. Das Haar nach oben gekämmt und in kleinen, krausen Locken wie bei einem Neger, aber ganz hellblond."

"Es überraschte mich. Auch deine Haut war ganz hell."

"Und sehr glatt?"

"Ja, sehr glatt."

Sie schwieg. Dann:

"Du hast mich nicht angesprochen."

"Damals habe ich gesagt, ich würde dich für immer lassen. Du wolltest es doch so. Du warst sehr weit weg."

Wieder dachte sie eine Weile nach.

"Geh nur manchmal auf den Salzring. Vielleicht siehst du mich wieder. Dann sprich mich an."

"Danke", sagte ich, "ich danke dir."

Sie legte auf.

Eine Woche später fand ich ihren Namen in einer Anzeige, die mit den Worten begann:

"Nach langer, schwerer, mit wachsender Geduld ertragener Krankheit starb plötzlich dennoch unerwartet ..."