Die verschwundenen Autoschlüssel Junge Liebe
Auf den Parkplatz der Verkehrshochschule fuhr ein klitzekleines, schwarzes, kulleriges Auto exotischen Typs mit einer Berliner Nummer. Aus ihm entfaltete sich ein unheimlich langer, dürrer Student, dessen Länge durch helle, enge Jeans noch betont wurde. Er hatte schulterlanges, glattes, dunkelblondes Haar und trug über einem weißen T-Shirt eine schwarze Windjacke, die offen stand. Er schloß die Tür des Wägelchens und begann planmäßig in allen seinen Taschen - es waren viele - nach den Wagenschlüsseln zu suchen. Er fand sie nicht. Mit allen Anzeichen des Unglaubens begann er die Suche von neuem, wobei er seine knochigen Schultern lächerlich verrenkte. Als ich an ihm vorbeiging, nickte ich ihm freundlich zu und war taktvoll genug, ihm nicht zu sagen, daß der Motor seines Autos noch lief. Die beiden jungen Frauen stiegen in die Straßenbahn und setzten sich nebeneinander, die blonde, liebliche ans Fenster, die dunkle, schlanke zum Gang hin. Die Dunkle erzählte von Absichten und Vorsätzen. Dabei überschritt sie manche Grenze, die das knappe Alter von zwanzig Jahren ihr setzen mußte. Der Klang ihrer Stimme und gewisse Kopfbewegungen zeigten es an, wenn sie begann zu flunkern. Die Helle hörte zu. Nicht gar zu aufmerksam. So, als hätte sie einen freundlichen Abstand zu den Prahlereien. Aber sie nickte hin und wieder. Wandte auch gelegentlich ein verstehendes Gesicht der Dunklen zu. Dabei lächelten die runden grauen Augen hinter der runden hellen Brille. Ihre weißen Orgelspielerhände, die so deutlich anders waren als die länglichen, braunen ihrer Freundin, strichen unsicher über die weichen Schenkel in ihren verwaschenen Jeans. Sie schwankte zwischen Freude und Verlegenheit über die allen sichtbare Zuneigung der Dunklen.

Unterwegs stiegen zwei Südländer zu. Klein und moppelig. Filmtypische Italiener. Aber sie hätten auch vom Balkan oder aus der Türkei oder sonst einem sonnigen und aufgeregten Lande stammen können. Sie setzten sich vor die beiden Mädchen. Der eine, am Gang, wandte sich einige Male um und warf der Hellen begehrliche Blicke zu. Die Dunkle sah ihre Freundin an. Ironisch. Weil wohl ein männlicher Antrag völlig abwegig sei. Aber auch mißtrauisch. Vielleicht übte doch das andere Geschlecht seine angestammte Anziehung aus? Die Helle lächelte ihrer Freundin zurück. Untertan, aber ohne Spott über den Mann.