Einleitung
So ist das Gesetz: Mit dem Werden beginnt das Versinken. Nichts von dem, was da besteht, ist ewig.

Klar und unabänderlich ist dieses Gesetz. Die Physiker konnten es in einen einzigen kurzen Satz fassen.

Die kleine Welt des Einzelnen bäumt sich auf bei der Geburt und beginnt zu versinken, manchmal schneller, bisweilen langsamer. Anfangs spürt es der Mensch nicht, dann glaubt er es nicht, später lehnt er sich dagegen auf und schließlich - wenn er weise genug ist - nimmt er's gelassen hin.

Da ist auch die vielfältige Welt der Gesellschaft, in ihrem Unterbewußtsein geformt von Kulten und Künsten, Wissenden und Weisen, Befreiern und Betrügern. Schillernd in steter Veränderung ihrer Farbe, scheinbar immer gleichgehalten durch ausgeklügelte Formen, bis sie zusammenbricht in Krisen, Kriegen und Kriminalität.

Auch die Menschenwelt insgesamt versinkt, seitdem es den Menschen gibt. Es gibt Leute, die tun sich groß in düsteren Prophezeiungen über das Ende dieses Vorgangs, der vor Jahrtausenden begann. Mit Schreckensrufen rütteln sie an den Gewissen der Menschen und vergessen dabei, daß sie zu ihnen ein gleiches Verhältnis haben wie Kassandra zu ihren Landsleuten. Sie war eine Trojerin, genauso schuldig und unschuldig wie alle in der Stadt.

Auch die Welt außerhalb unseres Bewußtseins altert und versinkt. Tödliche Katastrophen, schon vor Jahrmillionen geschehen, kann die Wissenschaft heute beobachten im Weltall. Auch unsere Welt wird nicht verschont bleiben. Der Vorgang ist berechenbar, aber so ungeheuren Ausmaßes in Raum und Zeit, daß er wohl faßbar ist für das menschliche Gehirn, aber nicht empfindbar für die Seele.

Hineingebettet in diese Untergänge sind Milliarden und aber Milliarden von Episoden wie das Flackern von Kerzen in einem Meer von Licht. Blickt man aufmerksam um sich, in Augen, auf Hände, auf gerunzelte Stirnen, auf verzogene Lippen, kann es geschehen, daß man eines der Flackern wahrnimmt, undeutlich, wie es eben geradeso in dem Meer von Licht möglich ist. Weil es so schwer erkennbar ist, wird mich niemand schelten können, wenn ich etwas für ein Flackern gehalten habe, was keines war, daß ich nicht erkennen konnte, was da flackerte, daß eigentlich alles ganz anders war, als ich es beschrieben habe, an einem anderen Ort, mit anderen Menschen, von anderer Helligkeit. Aber weil in der Unendlichkeit des Raumes und der Zeit alle Erlebnisse von Menschen möglich sind, kann auch nichts, von dem ich berichten werde, falsch sein.

Ein Körbchen voll von ihnen soll hier sichtbar gemacht werden.