Anitas Budike
"Sie war schwarz aber gar lieblich. Ihre Augen waren wie Brunnen zwischen ihren Schläfen. Ihre Zähne waren wie eine Herde Schafe mit beschnittener Wolle, die aus der Schwemme kommen und die allemal Zwillinge haben, und es fehlte keiner unter ihnen. Ihre Lippen waren wie eine scharlachfarbene Schnur und ihre Rede lieblich." Und sie war so weiter nach dem Hohen Liede Salomos.

Tochter zweier Leipziger: einer Blondine und eines Mulatten, der während der Besetzung durch die Amerikaner 1945 gezeugt wurde.

Sie hat keinen Beruf erlernt, aber die Schule besucht, das Abitur gemacht und sich dann von verschiedenen Künstlern ausbilden, oder besser: belehren lassen. Dazu hat sie mit wirklichem Fleiß Bücher über Kunstgeschichte durchgearbeitet, auch solche über Kompositionslehre und Maltechniken.

Sabine war vor dem Schaufenster von Anitas Budike stehen geblieben, weil sie es gewöhnt war, vor jeder Boutique stehen zu bleiben. Nichts von dem Ausgestellten entsprach ihrer Art. Aber Frauen, die so etwas mochten, dieses grobe Gestrick auf weißem Batist, diese männlich herben Hosen, diese schmalen, kleinen Schuhe, die aussahen, als hätten sie einen hohen Absatz, die aber nur einen niedrigen, festen besaßen, diese
Frauen gefielen ihr. Sie sah neben der Kasse Anita lehnen, die das, womit sie handelte, auch trug. Eine hohe, schlanke Frau mit sonnengebleichtem Haar, einem länglichen Gesicht, das sprühte wie bei einem arabischen Rennpferd, und grauen, abenteuerlichen Augen.

Sabine war dann in die Budike gegangen in ihrem grünseidenen Kleid mit den großen, bunten Blumen, für das sie allerorten belächelt wurde und wegen dem die Leute ihr prüfend ins Gesicht sahen, weil sie dort einen dicken, goldenen Nasenring vermuteten. Anita vibrierte. Trotzdem sagte sie:

"Frau, sie brauchen nicht zu suchen. Für Sie habe ich nichts."

Sabine blickte um sich in dem beinahe halben Kreis, den sie betrachten konnte, ohne den Körper zu bewegen.

"Komm!" sagte Anita und schaffte es noch, die Ladentür zu verschließen - es war sowieso gleich Mittag - und im Lager die Mappe mit den Rechnungen vom Sofa zu fegen.

Als sie endlich müde waren, begann Sabine eigenartige Gedichte herzusagen. Anita mochte keine Poesie. Sie hielt sie für den entsagenden Ersatz eines wundersamen wirklichen Lebens. Jetzt hörte sie auf die leise Kinderstimme, und es war wie ein Traum, in dem sie tief versank.