Neunte
"Nein," dachte er, "nein. So weit kann es doch noch nicht sein. Ich bin doch erst zwanzig." Er begann hastig seine Schallplatten zu durchsuchen, und suchte - eben wegen der Hast - lange vergeblich.

Vor vielen Jahren, in der Nachkriegszeit, hatte er mit dem Klavierauszug auf den Knien Silvester vor dem Radio gehockt und diese Symphonie gehört. Es war so ziemlich der einzige Klavierauszug, an den er gelangen konnte. Alt war er und zerfleddert. Das Radio hatte sein Vater aus solchen soliden Teilen wie den Wehrmachtröhren RV12,5 P200 gebaut, die bei Bereinigungen in der Industrie nach Kriegsende unsinnigerweise auf der Müllhalde hätten landen sollen.

Aber was für eine Musik tönte aus dem zusammengestoppelten Produkt eines lernbegierigen Dilettanten! Genau, schwungvoll, trauernd, fliehend, mühevoll sich aufraffend: der Klang gewordene Traum eines hart lebenden Menschen.

An den Enden vieler Jahre hatte er dieses Werk gehört, oft drei Mal, denn die verschiedenen Sender der Region strahlten es zu
verschiedenen Zeiten aus. Er glaubte jeden Takt zu kennen. Wenn er den Auszug aufschlug, strömte ihm die Fülle der Töne entgegen, obwohl er eigentlich Noten nicht lesen konnte.

Lebensprühend war der Kapellmeister von damals gewesen, bäuerisch grob manchmal, denn er wollte mehr von seinem Orchester, als es geben konnte. Aber der feine Geist in ihm hielt die Mittelmäßigkeit seiner Umwelt nicht aus. Er verfiel dem Trunk, ohne daß seine Leistung darunter litt, und starb.

Nun also dies. Er hatte aus Lässigkeit das Radio eingeschaltet. Ein Orchester dudelte irgend etwas Klassisches. Er hörte eine Weile hin und tippte auf Beethoven. Als der Sänger einsetzte, saß er zunächst betäubt da. Dann riß er wütend den Stecker aus der Dose, begann nach der Schallplatte mit der Aufnahme des Leipzigers zu suchen, fand sie, legte sie auf und sank beruhigt auf den Sessel zurück. Da war es wieder: Genau, schwungvoll, trauernd, fliehend, mühevoll sich aufraffend: der Klang gewordene Traum eines hart lebenden Menschen.