Ende einer Laufbahn
Im seinerzeitigen Zentralkomitee der SED war eine gewichtige Abteilung damit beschäftigt, in der Bevölkerung umlaufende politische Witze nach ihrem Inhalte zu untersuchen, ihr Verbreitungsgebiet und seine zeitliche Verlagerung festzuhalten und das Auftauchen und Verschwinden in Beziehung zur jeweiligen Lage des Staates oder zu öffentlichen Ereignissen zu setzen. Material dazu lieferten die Kreisleitungen, denen es gewöhnlich nicht schwerfiel, es zu beschaffen. Ihre Mitarbeiter waren freudige Sammler. Etwas Wichtiges allerdings schaffte die zentrale Abteilung nicht, obwohl es eigentlich zu ihren Aufgaben gehörte, nämlich selbst zündende Witze herzustellen. Doch dafür gab es eine zuverlässige Quelle, die man auch schon ermittelt hatte.

Eines Tages wies die Staatliche Zentralverwaltung für Statistik eine viel zu hohe Anzahl neuer politischer Witze aus. Obwohl diese den Regierenden nicht unangenehm waren, denn sie bauten Enttäuschungen ab, bewiesen auch die Aufmerksamkeit des Volkes für die Handlungen von Partei und Regierung und gaben wertvolle Hinweise für die Beeinflussung des allgemeinen Bewußtseins, wurde trotzdem im Politbüro der Genosse Mielke beauftragt, der Sache nachzugehen und gegebenenfalls die Produktion - anders als sonst gewünscht - zu bremsen.

Der Minister erzeugte aus dem Auftrag einen Befehl an den zuständigen Teil seiner Mannschaft, die Verfasser dieser Art mündlicher Literatur festzustellen und um ein Geringes zu dämpfen. Obwohl seine Herren schon lange im Bilde waren, wickelten sie das Unternehmen gekonnt und sachverständig ab, indem sie taten, als ob sie sich durchfragten, und landeten erwartungsgemäß bei dem eisgrauen Männel in dem alten Hause auf dem einsamen Thüringer Berge.

Dort trugen sie ihr Anliegen vor, und das Männel sprach die geflügelten Worte: "Ich habe schon bei Kaisers meine Witze gemacht und in der Weimarer Republik und im Dritten Reich,
und ich werde auch jetzt nicht damit aufhören." Auf den bekann- ten Hinweis, daß heute alles anders sei und das Wohl des Menschen im Mittelpunkt der staatlichen Aufmerksamkeit stehe, brach das Männel in sein bekanntes Lachen aus und sprach die doppelt geflügelten Worte: "Der ist aber nicht von mir."

Diese Botschaft brachte der Genosse Mielke ins Politbüro. Weil man dort aber die gesegneten Wirkungen des eisgrauen Männels schon lange zu würdigen wußte, ließ man's dabei bewenden und las künftig die Berichte der witzauswertenden Abteilung noch sorgfältiger.

Heutzutage hört man politische Witze - solche und solche - nur noch gelangweilt im Fernsehen. Niemand ist mehr mit seinen Gefühlen dabei. Dem Vernehmen nach wurde das eisgraue Männel zunächst vom zuständigen Ministerium als staatsnah eingestuft, von seiner Tätigkeit zwangsbeurlaubt und dann we- gen Nichteignung entlassen. Nichteignung wegen politischer Haltung als Kündigungsgrund ist rechtens. Das befanden Rich- ter, die über ihresgleichen von der anderen Seite zu urteilen auf- gerufen waren. So verzichtete das eisgraue Männel auf Ein- spruch.

Schließlich tauchte eine Stasi-Akte mit dem Kennwort "Volksvertreter" auf, wo das eisgraue Männel als IM geführt wurde. Mit einem sogenannten Verbindungsoffizier allerdings hatte es nie gesprochen. Der erfuhr auch ohnedem genug. Kontakte mit der verfemten Institution allerdings konnte es nach dem seinerzeitigen Vorfall nicht abstreiten. Damit war das eisgraue Männel endgültig im Abseits.

Im Grundbuch steht es als Besitzer des Berges und der Hütte. Dort sitzt es nun, lächelt milde über das aufwendige Getue der Kabarettisten, verzehrt seine Rente, hat sein Erspartes teils in Bundesschatzbriefen, teils in einem Aktienfonds angelegt, lauscht mit seinen feinen Ohren weit ins Land, spürt die Schwingungen, die durch den Felsen heraufdringen, und wartet.