Leise glitt der Nachtzug aus der Halle. Nur ein einzelner Mann blieb auf dem Bahnsteig zurück. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen Schlußlichter rasch kleiner wurden. Dann folgte er ihm langsam. Unter der Hallenschürze schrak er auf, kehrte um und schritt energisch zum Bahnhof hinaus.

Den Mann Holger Krast, der da eben weggefahren war, kannte er noch aus DDR-Zeiten, als er, der Genosse Andrer, Direktor eines kleinen Betriebes war. Krast nannte sich damals "wissenschaftlicher Mitarbeiter des Generaldirektors" und hatte regelmäßig Kopien von mancherlei technischen Unterlagen gebracht, die offensichtlich aus westdeutschen Firmen entwendet worden waren. Andrer sollte beurteilen, ob ihr Inhalt bei ihm oder sonstwo im Kombinat benutzt werden könnte. Ein sinnloses, kindisches Spiel, denn Brauchbares oder gar Aufregendes war nie dabei gewesen.

Die Postkarte, mit der Krast seinen Besuch ankündigt hatte, befremdete ihn anfangs nicht. Er war seinerzeit trotz mancher kritischen Erkenntnis voller Überzeugung ohne Seitenblicke auf Laufbahn und Ansehen für die Partei und den Staat eingetreten. Nun besuchten ihn gelegentlich Freunde, denen Wende und Arbeitslosigkeit ihre Ideale und ihre menschlichen Beziehungen genommen hatten. Die Sprachlosigkeit, zu der sie damit verdammt waren, machte manchen von ihnen krank, und Andrer, rechtschaffen, verständnisvoll, warmherzig, half oft aus höchster Not.

Allmählich bezweifelte er aber, daß Krast deshalb käme. Der war immerhin fünfundzwanzig Jahre jünger als er, hatte mit ihm nie über private Dinge gesprochen, außer vielleicht auf dieser zufällig gemeinsamen Eisenbahnfahrt, wo Krast, der Biologe war, mit begeisterter Genauigkeit berichtete, wie er seinen Obstwein herstellte. Nichts also, was innerlich verband.

Andrer schloß das Haustor auf, öffnete es mit Mühe gegen den Widerstand des automatischen Schließers, wartete, bis es schnaufend zurückgeschwenkt war und versperrte es wieder. Dann tastete er sich durch die Einfahrt, ging schräg über den Hof mit dem Pflaster aus Schlackensteinen, deren Oberflächen nach einem alten, halbvergessenen Verfahren rauh waren, und stieg im Hinterhaus die leicht knarrenden Holzstufen zum dritten Stockwerk hinauf. Da war seine Wohnungstür, vor der heute Nachmittag Krast gestanden hatte. Er war nicht zu verkennen gewesen mit seinem gepflegten Vollbart, der noch immer ein Kindergesicht verbarg.

"Schön, daß du da bist", hatte Andrer ihn begrüßt, "komm rein."

Dann saßen sie beieinander und besprachen ihr neues Leben.

"Paß mal auf", sagte Krast, denn diese dumme Redensart führte er noch immer im Munde, "paß mal auf, ich bin jetzt in München. Hier fehlen einem doch die richtigen Möglichkeiten."

Andrer fragte sich, welche Art richtige Möglichkeiten das wohl wären. War Krast etwa in der Branche geblieben und hatte nur die Firma gewechselt? Er erinnerte sich an den aufrichtigen Menschen, der seinerzeit selbstbewußt und strebsam seinen geheimen Geschäften nachgegangen war. "Das waren ruhigere Zeiten damals. Geregelte Verhältnisse. Keine Aufregungen."

Krast lachte. "Wie deine Einschätzungen. Ich hatte Mühe, oben begreiflich zu machen, daß das Material doch irgendwie bedeutsam war. Unsere Leute drüben hätten sonst sicher Ärger bekommen." Er sagte "drüben" ohne Zögern. "Paß mal auf, ich kann mir nicht vorstellen, daß das alles Plunder war."

Andrer dachte nach. Krast focht jetzt sicher manchen Zwist mit seiner Vergangenheit aus. Konnte man ihm sagen, daß sein Tun zumindest in diesem Punkte nutzlos gewesen war?

Sein Besucher beobachtete ihn. "Irgend etwas Wichtiges muß doch dabeigewesen sein!"

"Ich habe viel daraus gelernt." Andrer wählte seine Worte sorgfältig. "Manches hat mich beeindruckt. Aber was? Ich weiß nicht." Krast war unruhig geworden. Andrer merkte es und versuchte, abzulenken: "Reden wir doch lieber von Gegenwart und Zukunft!" Ein schwarzer Blitz schlug aus Krasts Augen, aber gleich lächelten sie wieder. Er lud Andrer zu sich nach München ein.

"Paß mal auf, zeig mir doch mal die Postkarte, ich glaube, der Absender stimmt nicht!" Aber er war richtig.

Als Krast aufbrach, holte er aus seinem Aktenkoffer ein Flasche Obstwein. "Selbst gemacht," sagte er traurig lächelnd. Andrer begleitete ihn trotz seines heftigen Protestes zum Zug.

Mitternacht. Er ging in die Küche, öffnete die Flasche, goß sich ein Glas ein und nahm es mit an seinen Schreibtisch. Dort suchte er nach der Karte und fand sie nicht. Er wunderte sich, denn er hatte sie vorhin mitten darauf gelegt. Dann trank er einen Schluck aus dem Glas, und sein Kopf sank auf die Platte.

Der Freund, der ihn am Morgen zum alltäglichen Spaziergang abholen wollte, rief die Polizei. Gift im Wein. Kein Problem fürs Labor.