Wir kamen vom Kohlbornstein herunter. Hoomß hatte dort auf seine geheimnisvolle Art Schallplatten gehört: Er spielte sie ohne irgendwelche technischen Hilfsmittel nur in seiner Vorstellung ab. Allein in dieser Form genügten sie seinen hohen Anforderungen, und er brauchte sich weder über Holzhackerauffassungen des Dirigenten noch über Dudeleien des Orchesters zu ärgern.

Ich hatte mich auf meine Weise vergnügt: Ausgerüstet mit Fernglas und Kompaß versuchte ich, Fehler auf der Landkarte zu entdecken.

Einmal, als er eine Platte wechselte, hatte Hoomß mich gefragt: "Wo ist denn eigentlich Ihre Freundin abgeblieben?"

In diesem Falle von Freundin zu sprechen, war stark übertrieben gewesen. Er hatte eine Frau gemeint, die wie wir in der "Bächelmühle" wohnte. Sie fiel auf durch eine eigenartig verschrobene, um nicht zu sagen: verschraubte Körperhaltung, als hätte ihr eine ständig unbefriedigte Sucht nach Sex alle Sehnen verzerrt. Auch die Augen, große, graue, saugende Augen, schienen davon betroffen. Die Kleidung, die sie trug, erweckte den Eindruck, als könne man durch sie hindurch bis auf die Eingeweide sehen wie bei einem Axolotl. Ich nannte sie in meinen Gedanken "Spektakulatia".

Ihr Stammplatz in der Gaststube lag dem meinen gegenüber. Besonders beim Frühstück sah ich sie manchmal öfter und länger an als andere. Was leicht zu verstehen ist. Aber Hoomß' Frage hatte ich nicht beantworten können.

Aufgestiegen zum Kohlbornstein waren wir auf der Südseite. Jetzt gingen wir den nördlichen Weg hinunter. Auf halber Höhe beugte sich Hoomß über eine Schleifspur, die von rechts oben aus dem Wald kam und vor uns auf dem Weg weiterlief.

"Voddsen", sagte er, "jetzt hat's der Kerl doch noch geschafft. Erschossen hat er die alte Sau, wies aussieht."

Ich starrte auf die Spur und die Blutflecken. Hoomß sprach weiter.

"Ich habe beide schon die ganzen Tage beobachtet, wo wir hier sind. Sie hat sich im Walde gesielt wie toll. Immer allein. Das ist ungewöhnlich. Er ist um sie herumgeschlichen mit gierigen Blicken. Gestern muß er sie geschossen haben, sagt dieses welke Blatt."

Wir gingen weiter, die Blicke auf den Boden vor uns gerichtet. Dann fanden wir Reifenabdrücke.

"Na?" sagte Hoomß.

"Mitsubishi Pajero", antwortete ich.

"Gar kein anderer möglich. Hier hat er sie verladen."

Ehe ich es verhindern konnte, griff er nach einem Stück glänzenden Messings, das neben einer Pfütze Blut lag. Er hält nämlich nichts von Daktyloskopie. "Es muß ein Mensch gefunden werden, der ein Mörder ist, und nicht ein Finger mit bestimmten Linien", belehrt er mich häufig. Für ihn ist Verbrecherjagd etwas menschliches. Die Arbeit mit Fingerabdrücken hält er für inhuman.

Das Glänzende in seiner Hand war eine noch unversehrte Schrotpatrone. "Natürlich hat er die Kugel genommen", sagte Hoomß versonnen.

Wir gingen weiter. Müdigkeit und Hunger trieben uns der "Bächelmühle" zu.

Als ich zum Abendbrot in die Gaststube kam, saß Hoomß schon da. Beim Duschen war er schneller als ich. "Sie schnaufen zuviel", sagt er immer, "das kostet Zeit." Mein Bier stand bereit, und auch das Essen hatte er bestellt. Der Platz von Spektakulatia war leer.

Diesmal hatte ich mich allerdings verspätet, weil ich im Hof einen Landrover betrachtet hatte, einen Mitsubishi Pajero mit Blutspuren auf der hinteren Stoßstange unter der Hecktür. Aber ehe ich Hoomß davon berichten konnte, brachte der Kellner einen reichlichen Gulasch mit Böhmischem Knödel und Sauerkraut. Und Kauen ist für mich ein Genuß, den ich mir nicht durch Reden verderben kann. Ich aß alles bis zur letzten Faser auf und ärgerte mich wie immer über Hoomß, dessen Teller wie ein Sammelplatz für Küchenabfälle aussah. Leise sagte ich:

"Die Leiche ist wahrscheinlich im Haus."

"Sie war", antwortete er. "Der Wirt hat offensichtlich beim Fleischer Schulden. Ich habe es gleich geschmeckt. Sie hat nicht lange genug gehangen."

Es hob mich, und ich erhob mich.

Als ich von der Toilette zurückkam sagte er noch: "Wildschwein braucht mindestens eine Woche. Aber nicht zu kühl." Die verschrobene Weibsperson hatte sich auch wieder angefunden und saß wirr gebogen auf ihrem üblichen Stuhl.

aus: Doggy Voddsen, "Abenteuer in der Bächelmühle"