Ich, Beatrice von Gryfyn, und mein Bruder, der siebzehnte Isidor von Gryfyn, sind die letzten Mitglieder des Geschlechts. Wir werden es wohl bleiben.

Unsere Familie stammt aus dem hintersten Pommern. Sie blieb zurück, als die Germanen davonzogen, lebte unter den slawischen Fürsten und war mächtig unter den pommerschen. Otto von Bamberg selbst taufte auf Wollin den ersten Donatus und sah großmütig über sein heidnisches Gebaren hinweg, so daß die Gryfyns unter dem Wendenkreuzzug kaum zu leiden hatten. Die Reformation fiel ihnen nur auf, weil plötzlich in der Dorfkirche ein anderer Pfarrer so eigenartig predigte. Noch heute steht die Greifenburg auf Pfählen, die vor tausend Jahren eingerammt wurden.

Das Familienwappen, in Rot ein links auffliegender, goldener Greif, brachte der erste Isidor Gryfyn vom dritten Kreuzzug mit. Richard Löwenherz hatte es ihm erteilt. Auch der Wappenspruch "Dum excusere credis, accusas" stammt aus dieser Zeit. Er ist ein Zitat aus einem Brief des Hieronymus. Seit dem Westfälischen Frieden durften wir eine Grafenkrone führen.

Heraldiker behaupten, der Greif stamme aus einer Besserung. Ursprünglich wäre er ein Schräglinksbalken gewesen. Sicher aber ist jedenfalls, daß die Familie zur Zeit der Kreuzzüge sich schon Gryfyn nannte.

Die Familienchronik berichtet über den ersten Isidor, daß er nicht etwa aus religiöser Begeisterung ins Heilige Land zog, sondern um sich dem leidenschaftlichen Verhältnisse zu entziehen, das zwischen ihm und seiner Schwester entflammt war. Er brachte eine Negerin vom Kreuzzug als Ehefrau mit, wie so viele andere Ritter auch sich unterwegs bedienten. Mit ihr hatte er seine Kinder. Das Negerblut schlägt noch bis heute durch - besonders bei den Frauen der Familie - in Hautfarbe und Gestalt, in rauschhafter Musikalität. Seine Liebe aber galt seiner Schwester.

Dieser Brauch hielt sich über die Jahrhunderte. Die Töchter blieben ledig. Der älteste Sohn heiratete eine Fremde, um mit ihr das Geschlecht zu erhalten. Meist suchten die Geschwister gemeinsam die Braut aus. Bekam eine von den Schwestern ein Kind, wurde es der Fremden untergeschoben.

Der erste Isidor war es auch, der begann, die Familienchronik zu schreiben. Oder vielmehr schreiben zu lassen, denn die Ritter seiner Zeit waren im Gebrauch des Schwertes, jedoch nicht in dem der Feder geübt. Ein aus Salzburg entlaufener Mönch, der auf der Greifenburg untergeschlüpft war, ist der eigentliche Autor. Denn Isidor gab zwar an, was aufzuschreiben sei, aber die feingeschliffenen Formulierungen und mancher Nebensatz, der gar zu wahrheitsgetreu erscheint, stammen wohl von einem Gebildeten, einem sehr gebildeten, wie Germanisten versichert haben, denen mein Urgroßvater, der achte Donatus, das Buch zur Prüfung vorgelegt hat. Die späteren Texte sind von unterschiedlicher Güte. Lücken sind selten. Manche Zeiträume allerdings wurden erst nachträglich beschrieben. Erst in den letzten zweihundert Jahren hat der jeweils regierende Gryfyn selbst formuliert und manchmal auch eigenhändig aufgeschrieben.

Besonders aus den frühen Jahren enthält die Chronik mancherlei Sagen, die sich um unsere Familie ranken. Chamisso sagt: "Es wechseln die Geschlechter, die Sage bleibt sich treu." So wiederholten sich durch die Zeiten immer wieder gespenstische Geschehnisse im Umkreis der Greifenburg und hielten die Erinnerung an Überlieferungen wach, die schon auf den ersten Seiten der Chronik verzeichnet sind. Namentlich am Gryfsee ereignete sich manches, was nachhaltig auf die Familie gewirkt hat.

Dieses Gewässer war ein sehr geräumiger Fischweiher. Er lag nicht allzu nahe an der Burg in einem Walde, der seit Menschengedenken aus Eichen bestanden hat und zur Schweineweide genutzt wurde. Es gab da kaum Unterholz, nur hohes, immer saftiges Gras, und manche von den Bäumen hatten Hunderte von Jahren vergehen sehen. Der Blick konnte weiter schweifen, als es sonst in einem Walde möglich ist, andererseits beirrten Schattenspiele der Stämme und des Laubes im Mittagslicht und im Vollmondschein die Wahrnehmung.

Vom Gryfsee nun geht die Sage, daß in ihm die Seelen aller Gryfynschen Schwestern umhergleiten, auf das Jüngste Gericht warten und zu besonderen Anlässen nach einer entrückenden Barockmusik, wie sie etwa der arme und gesegnete Thomaskantor zu Leipzig zu verfertigen wußte, verwirrend über das Wasser tanzen. Die Seelen der Brüder aber sitzen fest in den Eichen am Ufer, sehen ihnen zu und sehnen sich.

Auch die Gryfhole machte immer wieder einmal von sich reden. Das war ein stets verschlossenes Zimmer mit dicken, urtümlichen Mauern, nur vom Belfried aus zugänglich, aber nicht in ihm enthalten, sondern in ein daneben gelegenes Bauwerk so kunstvoll hineingearbeitet, daß es von dort nicht erkannt werden konnte. Es soll der Raum sein, in dem der erste Isidor und seine Schwester Beatrice sich nächtlich nahekamen. Er enthielt ein riesiges gemauertes Bett und einen Kamin aus gebranntem Ton. Diese Zimmer mußte immer wohnlich eingerichtet sein, mit Teppichen und Schaffellen behangen und ausgelegt, das Bett weich gepolstert und seiden bezogen, an der Feuerstelle ausreichend trockenes Holz gestapelt. Hatten die Dienstboten oder auch die Herrschaft, wenn sie älter und vergeßlich wurde, darauf nicht geachtet, war das Holz verbraucht, und die Einrichtung verstaubt, so hörte man dort bald nachts großes Murren. Auch wurden Diener und Mägde, wenn sie in die Nähe kamen, empfindlich verprügelt.

Wirtschaftlich ging es den Gryfyns mal gut, mal schlecht. Sie standen nie am Rande des Ruins, häuften aber auch keine Schätze an. Ihre Lage hing natürlich ab von den politischen Umständen, die immer auch militärische waren. Aber mehr Einfluß hatte das Wetter. Denn obwohl die Gryfyns auf einer Burg hausten, ein Wappen mit einer Grafenkrone führten, ihre Männer gelegentlich in den Krieg zogen und dort auch Heldentaten vollbrachten, so waren sie doch Bauern. Sie zogen ihre Einkünfte aus Wäldern, Weiden und Feldern, die sie selbst bearbeiteten und nicht verpachteten. Dadurch gibt die Chronik mehr Aufschluß über Regen und Sonne, Hitze und Kälte, den Landbau und die Preise in vergangenen Zeiten als über politische Verhältnisse.

So entwickelte sich eine weitere - heutzutage sehr verhängnisvolle - Familientradition: Wie jeder, der überleben will, waren die Gryfyns bereit und willens, gegen die Angriffe der Umwelt sich zur Wehr zu setzen. Aber Umwelt waren für sie nicht die Einrichtungen und das Verhalten der Menschen, sondern die Natur, der es den Lebensunterhalt abzuringen galt. Diese Anschauung beharrte auf Uraltem. Ihre Wurzeln liegen in der Steinzeit. Sie war verwendbar auf der räumlich und geistig abgelegen Greifenburg. Im Innern menschlicher Gesellschaften hätte die Familie mit ihr nicht standhalten können.

Die Zerstörung der Familie begann in diesem Jahrhundert. Nicht allein die Revolutionen nach dem Weltkriege taten ihr Werk, obwohl sie die Hemmungen schliffen, die uns von altersher schützten. Schlimmer war die immer größere Schnelligkeit, mit der Menschen und Nachrichten über den Erdteil fegten. Da nützten unsere geistigen Schranken wenig, obwohl sie unversehrt blieben bis heute. Die Auseinandersetzung mit der Umwelt frißt die Menschen auf.

Es war wirklich eine Zerstörung, kein Niedergang. Nicht unsere überlieferten Bräuche wurden uns geraubt, sondern die Menschen wurden solange abgetragen, bis der Strom der Zeit die Reste endgültig ins Jenseits spülen konnte.

Der sechzehnte Isidor, mein Großvater, konnte nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht einberufen werden. Er war 1932 bei einem Kontrollritt über sein Land vom Pferd gestürzt, hatte sich den Knöchel gebrochen und hinkte seitdem. Er hat nie darüber geredet, was den Sturz verursacht hat. Am meisten hat mir die Erklärung eingeleuchtet, daß er in Gedanken und Träumen versunken war und ihn ein Ast aus dem Sattel geschoben hat. Besonders geheimnisvoll tat meine Großtante Pia, die an dem Unfalltage von einem mehrtägigen Ausflug zu Freundinnen zurückkehrte und den Verletzten aus dem großen Eichenwalde am Gryfsee mitbrachte.

Vorausschauend wie schon der erste Donatus, als er sich taufen ließ, war auch er. Schon vor der Schlacht bei Stalingrad nutzte er Beziehungen zu Geschäftsfreunden, kaufte nahe bei einer mecklenburgischen Hafenstadt ein Haus, und als die Ostfront endgültig zu wanken begann, richtete er ein Fluchtquartier mit Möbeln aus der Greifenburg ein. Wichtige Urkunden aus dem feuersicheren Gewölbe und der geringe Schmuckschatz seiner Schwester Pia wurden in einem Banktresor verwahrt.

Mein Großvater starb 1969, erst siebenundfünfzigjährig, aber ein müder alter Mann. Als er auf dem Totenbett lag und die Familie von ihm Abschied nahm, sagte er: "Unsere Geschichte geht zu Ende. Auch ich und ihr alle. Entschuldigt euch nicht!" Isidor kann sich daran erinnern. Ich war noch zu klein. Tante Pia richtete ihrem Bruder ein kleines, aber unvergleichbares Begräbnis aus. Niemand durfte ihr dabei hineinreden. Dann ging auch sie.

Von Großmutter habe ich ein verschwommenes Bild. Vor allem erinnere ich mich, daß sie den ganzen Tag über putzend im Haus herumwimmelte und polnisch sprach, wenn sie aufgeregt war. Sie verließ die Welt ein Jahr nach den beiden, die sie in Warschau in einem Hotel kennengelernt hatten, wo sie als Zimmermädchen arbeitete.

Vater wartete, bis mein Bruder alt genug war, sich um mich zu kümmern. Mutter lebt noch in dem kleinen Haus, das Großvater seinerzeit gekauft hatte. Aber sie ist eben keine richtige Gryfyn. Sie war die Schulfreundin von meiner Tante Beata, die auch schon acht Jahre tot ist.

Die selbstmörderischen Befangenheiten der Familie blieben meinem Bruder und mir erhalten. Gegen das zeitgenössische Regel- und Gesetzeswerk des Staates und der Gesellschaft sind wir hilflos. Man hat es uns als Bescheidenheit ausgelegt. Aber es ist die Unfähigkeit, darauf zu achten, ob nicht das Tun der anderen die eigenen Kreise stören könnte, und der fehlende Wille, sich zu wehren. Wir haben uns selbst und an uns selbst genug. Nur wenige respektieren das. So sind wir immer in Bedrängnis, seit wir die Greifenburg verlassen haben. Großvater und Vater starben daran.

Isidor hat an seinem Erbe schwer zu tragen. Als ich neunzehn Jahre alt war, erwarb er das Ingenieurdiplom und ging in die Fremde. Trotz der geschlossenen Grenzen fand er den Weg hinaus und trieb sich in Ländern vieler Kontinente herum. Wovon er dort gelebt hat, weiß ich nicht. Er war völlig auf sich allein gestellt. Reichtümer hat er keine angehäuft. Er hat dann Xenia kennengelernt, eine Kroatin. Drei Wochen vor der Hochzeit ist sie im Bürgerkrieg umgekommen. Er versuchte erst, gegen die Welt aufzubegehren. Dann hat er von jemandem Geld bekommen. Wofür, das weiß ich nicht. Nun will er sich das Gatterhüttl kaufen, auf einer Alm in Österreich, und sich dort vergraben. Eine Greifenburg ist das nicht, aber eine Bleibe abseits von den Unbilden der Menschheit. Vielleicht kann man dort überleben bis zu einem friedlichen Ende.

Nachdem er fortgegangen war, hatte ich es schwer wie er. Einsamkeit drückt mörderisch. Ich konnte sie nur ertragen, indem ich sie vervollständigte bis zur Maßlosigkeit. Aber jetzt ziehe auch ich auf das Gatterhüttl. Es ist wie eine alte Ritterburg, ohne jeden Komfort. Vielleicht kann dort auch ich überleben.

Ergänzung zu: "Kuschelbär sucht das Hütchen"