Gestern zur Sommersonnenwende hatten wir den Abend bis nach Mitternacht auf der Carolahöhe verbracht. Hoomß war mit einem Vorrat Fackeln dort hinauf gezogen und ich mit zwei Flaschen Hundsfott. Beim flackernden Licht und im Rauschen des Whiskys hatte Hoomß aus dem Gedächtnis wilde Verse zitiert, Bruchstücke aus Gedichten und Dramen unsinnig zusammengestellt, wie sie ihm gerade einfielen.

"Sprengt diese Welt in Trümmer!" hatte er zuletzt über den schwarzen von Nebelschwaden durchzogenen Wald im Tal gerufen und dabei die geballten Fäuste in den sternenglitzernden Himmel gereckt. Durch die Schärfe seiner Gedanken und Worte hatte Hoomß sich schon viele Feinde gemacht. Aber noch mehr eigentlich dadurch, daß er andere Gewohnheiten hat als die meisten. Das verzeihen sie ihm nicht, wie eben auch die Durchschnittlichen alles Fremde, Ausländische hassen.

"Sprengt diese Welt in Trümmer, denn sie ist nicht wert, daß ihretwegen immer wieder Menschen sterben. Auf! Zerbrecht die Gitterwand, die dieses buntgeschminkte Leben um euch zieht!" war es zuletzt aus seinem Munde gequollen.

Ich hatte auf meinem Luftkissen gesessen, den Rücken an den Felsen gelehnt, den Whisky in kleinen, genußvollen Schlucken aus meinem Blechbecher getrunken und das Schauspiel ausgekostet.

Trotz des nächtlichen Ausfluges und obwohl sein Wecker beim Uhrmacher war, hatte Hoomß mich am heutigen Morgen geweckt, und wir machten einen ausgiebigen Vormittagsspaziergang am Elbufer hinauf und hinab. Als wir gegen Mittag wieder in der "Bächelmühle" anlangten, lag ein Päckchen im Flur an dem Platz, wo die Wirtin die Post für die Gäste auszubreiten pflegte. Adressiert war es an Herrn K. Deul, Bächelmühle, der gar nicht hier wohnte.

Ungewöhnlich war, daß sich mein Gehirn mit dem Päckchen auch noch beschäftigte, als wir am Tisch saßen und auf das Essen warteten. Das machte mich unruhig. Obwohl die Mahlzeit bevorstand, erhob ich mich und ging hinaus, um dieses eigenartige Ding nochmals zu betrachten. Es war etwa margarinedosengroß. in dickes, glänzendes, gelblichbraunes Papier gewickelt, mit einem kräftigen Faden verschnürt und hatte etwas altertümliches. Mein erster Blick ging dahin, ob vielleicht die Umschnürung irgendwo unter das Papier führte. Das ist ein beliebter Trick: Löst man den Knoten und läßt die Fadenspannung nach, wird die Zündung ausgelöst. Aber der Faden war brav außen um das Papier gewickelt. Ich wagte nicht, es zu berühren, einmal, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, zum anderen, weil vielleicht inzwischen ein auf Erschütterungen reagierender Zünder scharf geworden war. Vorsichtig brachte ich mein rechtes Ohr, das empfindlichere, in seine Nähe. Und da hörte ich es ganz deutlich: In seinem Inneren tickte es. Erschrocken wich ich zurück und setzte mich wieder an meinen Platz, wo schon der gebackene Heilbutt auf mich wartete und meine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte.

Nach dem Essen sagte ich zu Hoomß: "Es tickt!" Er sprang auf und lief hinaus. Ich trank mein Bier und meinen Wurzelpeter in aller Ruhe, denn um das Päckchen kümmerte sich nun ein gewiefter Fachmann.

Als ich nach dem Mittagsschlaf Hoomß abholte und dabei das gelbe Einwickelpapier in seinem Papierkorb betrachtete, sagte er:

"Der Uhrmacher ist ein Witzbold. Er tut so, als stammte ich auch von Conan Doyle wie mein Namensvetter."

aus: Doggy Voddsen, "Abenteuer in der Bächelmühle"