Nach getaner Wanderung saßen Hoomß und ich an unserem Tisch in der "Bächelmühle". Wir hatten zu Abend gegessen, ersetzten das unterwegs ausgeschwitzte Salzwasser durch Bier und lauschten dem Schnurren unserer Muskeln. Hoomß breitete dabei seine Ansichten über den Giftmord aus.

"Bei Morden gibt es zwei Kategorien", sagte er, "ähnlich wie bei sportlichen Spielen. Solche, wo man in körperliche Berührung mit dem Gegner gerät, zum Beispiel beim Erstechen oder Erwürgen. Und solche wie der Giftmord, wo eine Art Netz Täter und Opfer trennt. Der Giftmord fordert Überlegung und Wissen. Er muß möglichst genau vorbereitet werden. Der Mörder braucht Kenntnisse über die Gifte und ihre Wirkungen und muß unkontrollierte Gefühlsausbrüche meiden. Geschicklichkeit spielt eine größere Rolle als Kraft oder kann sie sogar ersetzen."

"Eine Art Billard," vermutete ich und sah auf den jungen Kellner, den ich am Vormittag mit dem Queue in einem Nebenraum am Korridor gesehen hatte.

"Naja", schwächte Hoomß ab, "jeder Vergleich hinkt und dieser besonders, denn ein Billardspieler kann sich wehren. Das Opfer allerdings auch, wenn es aufmerksam ist und den Angriff erwartet."

Aber was machte denn der Kellner dort eigentlich? Der Wirt war hinausgegangen. Der junge Mann in seiner giftig grünen Weste mit den brandroten Knöpfen stand mit dem Rücken zu uns an der Theke und goß etwas ein. Seine Bewegungen waren hastig. Er schien bemüht, seine Manipulation mit dem Körper zu verdecken. Dann trug er ein Schnapsglas in der bloßen Hand und nicht auf einem Tablett, wie es sich gehört, zu dem kleinen Nebentisch, wo gelegentlich das Personal sitzt. Dort hatte sich die Tochter des Wirts niedergelassen. Das war ein großflächiges, aber nicht dickes Mädchen mit einem Gesicht, was jetzt in ihrer frühen Jugend noch hübsch war. Um in der Gaststube aushelfen zu können, bewegte sie sich zu träge, und ihre Gedanken schweiften zu sehr umher. Eigentlich hatte ich sie nie bei einer Arbeit gesehen. Sie schien Studentin zu sein und ihre Ferien hier zu Hause zu verbringen.

Sie trank das grüne Zeug, das ihr der Junge brachte und schüttete etwas Selters nach.

Gestern hatte es Streit zwischen Wirt und Kellner gegeben. Beide waren trotz ihrer Aufregung leise gewesen. Die Gäste sollten nichts hören und bemerken. Ich hatte nur herausgefunden, daß der Hausherr mit irgendeinem Verhalten seines Angestellten nicht einverstanden war. Was ich heute sah, konnte ein rachespeiender Giftmord sein, der den Vater an seinem Kinde traf.

Ich begann, den Kellner sorgfältig zu beobachten. Natürlich bemerkte Spektakulatia das und lächelte verträumt, unverschämt und zweideutig. Der Junge war ausgesprochen hübsch. Da konnte man tatsächlich auf eigenartige Gedanken verfallen.

Sieh da! Immer, wenn der Wirt in der Küche verschwunden war, wiederholte sich das Spielchen mit dem grünen Schnaps. Ein zweites, ein drittes, ein viertes, ein fünftes Mal!

Um zehn hatte der Kellner gewöhnlich Feierabend. Etwas vorher stand das Mädchen auf und ging mit allen Anzeichen einer inneren Störung aus der Gaststube. Eigentlich ging sie nicht, sondern sie ließ sich gehen. Spektakulatia verfolgte sie mit gierigen Blicken.

"Irgendwas stimmt nicht", sagte ich zu Hoomß.

"Na, dann sehen Sie doch nach, Voddsen."

Ich ließ eine kleine Weile verstreichen und spazierte dann hinaus auf den Hof. Milde Luft umfloß mich. Ich konnte Sterne sehen, denn das Gebäude des Gasthofes schirmte das Licht der Straßenlampen ab.

Als sich meine Ohren endlich von dem wirren Gemurmel der Stube auf die Stille umgestellt hatten, vernahm ich ein Stöhnen. Es kam aus einem der Fenster im Erdgeschoß und ging manchmal in ein ruckartiges, schweres Atmen über, als litte das Menschenkind da drinnen unter einen schweren Kolik.

"Nun hat er sie erledigt", dachte ich und stieg auf eine von diesen Gelben Tonnen, die zufällig unter dem verdächtigen Fenster stand und genauso zufällig heute erst geleert worden war, so daß ihr Deckel noch flach auflag.

Als ich vorsichtig über den Fensterstock spähte, schlug mir ein intensiver Geruch nach Pfefferminz entgegen. Die Tür des Zimmers hatte glücklicherweise eine Milchglasscheibe, durch die ein schwacher Lichtschein drang. So konnte ich den Jungen und das Mädchen in einer Stellung sehen, die mir zeigte, daß sie entweder über ein hohes Maß an Phantasie verfügten oder die schrillsten Erotik-Ergüsse des privaten Fernsehens ausreichend oft gesehen hatten. Ich verzog mich, so schnell ich konnte, setzte mich wieder zu Hoomß und berichtete.

"Ja", sagte Hoomß dazu, "manche stöhnen dabei. Mich würde es verärgern. Andere regt es auf." Er bestellte uns jedem ein Glas von dem giftgrünen Likör. Da erfuhr ich nun, wie dieser Pfefferminzgeruch entstanden war.

aus: Doggy Voddsen, "Abenteuer in der Bächelmühle"