So kann man doch nicht sitzen!

Seit die Boisenbergen die beiden Liegestühle herausgebracht hat, vorigen Sonntag, nach der ersten warmen Woche in diesem Jahr - aus Mißtrauen gegen das Wetter hatte sie auch das Wochenende noch abgewartet - versuche ich dahinter zu kommen, wie sie das anstellen. Die Stühle stehen Armlehne an Armlehne. Aus meiner Erfahrung weiß ich - und ich bin nicht älter und unbeholfener als die Nachbarn - daß man sich nur sicher auf diese Dinger setzen kann, wenn man die Beine über dem Fußteil spreizt und sich mit beiden Händen auf die Armlehnen stützt. Ist nun wie im vorliegenden Falle der andere Stuhl besetzt, zwängt man erst einmal mühevoll die eine Wade zwischen die Fußteile, langt dann nach den Armlehnen und quetscht entweder den Unterarm des Partners, der natürlich losflucht, oder klemmt sich die Finger ein. In letzterem Falle flucht man in der Regel selber.

Einen Vorteil hat die Anordnung allerdings. Der andere muß sich den Hals zu verrenken, wenn er einen beobachten will.

Ich habe bisher auch immer nur ihn dort sitzen sehen. Er ist Vorruheständler wie ich und werkelt tagsüber im Garten, während seine Frau in irgendeinem Amte um zusätzliche Talerchen dient. Wenn es ihn ankommt, setzt er sich, hängt seinen Gedanken nach und beobachtet die Vögel, die er im Winter mit ausgesuchtem Futter an sein Grundstück gewöhnt hat. Um die Piepmätze beneide ich ihn. Auch ich habe versucht, welche als Dauergäste zu gewinnen, aber er bot ihnen wohl die weicheren Sonnenblumenkerne, das edlere Getreide und das bequemere Vogelhaus.

Im Nebenstuhl hat er Block und Bleistift liegen. Manchmal notiert er etwas. Er übt sich im Schreiben. Aber als ich ihn einmal danach fragte, antwortete er unwirsch. Das verstand ich. Auch mir gefällt es nicht, wenn ich wegen meiner Stories gefragt werde. Davon liegen viel zu viel unfertig herum, während die abgeschlossenen alle nichts taugen und überarbeitet werden müßten. Wenn man sie Freunden oder Bekannten zeigt, denken die erst einmal angestrengt nach, wo man das wohl erlebt haben könnte und ziehen anrüchige Schlußfolgerungen. Am schlimmsten ist es, wenn sie fragen: "Wie kommst du denn auf sowas?"

Aber zu zweit jedenfalls kann man da nicht sitzen!

Folglich belauere ich am Wochenende das Idyll. Sonnabend Vormittag wirtschaftet die Frau im Haus. Sie kocht irgendeinen Kohl. Ich rieche es. Er bastelt am Auto, das er die ganze Woche nicht angerührt hat. Mittagsruhe. Dann setzt sie sich in den einen Liegestuhl und studiert Versandhauskataloge. Boisenberg zupft Unkraut. Gut, daß am Vormittag genügend nachgewachsen ist. Als sie aufsteht, um Kaffee zu kochen, steuert er erleichtert die Sitzgelegenheiten an, findet beide mit den dicken Büchern belegt und holt sich aus der Garage einen Hocker. Kurz darauf kommt sie mit einem zweiten Hocker, wo sie offenbar das Kaffeetablett draufstellen will, und ich höre ihre Stimme. Ihn höre ich nicht. Er hat aber etwas gesagt, denn sie wird lauter und räumt einen Liegestuhl frei. Er setzt sich, bevor sie den Kaffee bringt. Als sie sich niederlassen will, bekommt er die Kataloge auf die Oberschenkel. Dann folgt etwas, das ich so ähnlich neulich im Fernsehen gezeigt bekam. Da ließ sich in der Wüste ein bepacktes Kamel nieder. Kein Regisseur würde diese Szene in ihrer menschlichen Fassung, wie ich sie nun sah, als realistisch durchgehen lassen.

Die Rücknahme der Schwarten ist nicht so einfach. Seine Schulter stößt an ihre Rückenlehne. Die Frau mault.

Endlich haben beide ihre Kaffeetassen in der Hand. Als die Boisenbergen die ihre mit zierlich abgespreiztem Ellenbogen zum Mund führt, während er nach der Sahne langt, ergießt sich Kaffee über ihre Kataloge und Sahne über seine Jeans. Mich packt Grauen vor solch schicksalhaftem Leid, ich verlasse meinen Posten und fahre ins Gebirge. Das aufzuschreiben lohnt sich nicht. Es glaubt ja doch keiner.

Montag früh stehen die Stühle wirr und schräg und so weit auseinander, daß mindestens einer von den beiden Boisenbergs nicht an das Kaffeetablett wird langen können.

Als die Sonne durchgekommen ist, erscheint auch der Nachbar im Garten. Er betrachtet die Stühle und stellt sie sorgfältig gleichgerichtet, ohne allerdings ihren Abstand zu ändern. Die Sache mit der Blickrichtung hat er demnach ausgezeichnet begriffen. Er hofft wohl auch, daß diese Anordnung als freundliche Geste anerkannt wird. Danach setzt er sich auf den einen, beobachtet die Vögel und bedient sich genußvoll und ausgiebig seines Blockes, der nun neben ihm auf dem Hocker liegt.

Ich gehe zum Zaun, begrüße ihn und wünsche ihm eine angenehme Woche. Er dankt und scheint nicht überrascht zu sein, daß ich Bescheid weiß.