Hoomß und ich saßen auf der Emmabank und zeitungten. Es war ein sonniger Vormittag, nicht zu kühl, nicht zu warm. Ich fühlte mich sehr wohl, weil trotzdem keine Wanderung angesagt war. Das einzige, was meine Stimmung noch mehr gehoben hätte, wäre ein großer Topf heißen Kaffees mit Zucker und viel Sahne gewesen.

Da ließ Hoomß plötzlich das Blatt sinken, das er in den Händen hielt.

"Voddsen", sagte er, "es ist schrecklich, wie viele alte Leute Opfer von kleinen Ganoven werden. Die Alten sind langsam, da haben Diebe und Räuber leichtes Spiel. Und es gibt die Regel, die Erich Kästner entdeckt hat: Erinnerung ist eine mysteriöse Macht; wer nur das Gute vergißt wird böse, wer nur das Böse vergißt wird dumm. Die Bösen sind in der Minderzahl. Ein gutes Geschäft für die Trickbetrüger. Wenn man dieser Zeitung hier glauben darf - sie ist seriös, man darf also vielleicht - hat eine Oma sich überreden lassen, eine Pornozeitschrift zu abonnieren und ein Uropa bezieht monatlich fünfzig Kondome, diskret, versteht sich."

"Vielleicht verschenkt er sie an seine Nachkommen", gab ich zu bedenken.

Hoomß sah auf die Uhr und sagte: "Zeit zum Mittagessen zu gehen."

Das war auch so ziemlich das einzige, was mich von dieser herrlichen Bank hochbringen konnte.

Nach vollbrachter Mahlzeit hockten wir noch etwas an unserem Tisch und tranken Unicum. An einem Nachbartisch saß die ältere Frau, die mit ihrem Enkel in der "Bächelmühle" Urlaub machte. Sie war immer sehr bemüht um das Kind. Der Kleine schien ein friedlicher Bürger werden zu wollen und ließ sich alles gefallen. An anderen Tagen war er nach dem Essen noch eine Weile am Tisch sitzen geblieben. Aber heute war die Oma allein.

"Der Junge schon wieder weg?" sprach Hoomß sie an.

"Ja", antwortete sie, "und ich bin ganz froh. Sonst wollte er immer Geld für Eis. Mir war das gar nicht recht. Das kalte Zeug ist doch schlecht für den kleinen Bauch, und der viele Zucker schädigt die Zähne. Jetzt hat er wahrscheinlich Lehre angenommen." Nach einer Weile verlegener Pause: "Sie sind doch Herr Hoomß?" Als er nickte, leise und vorsichtig: "Hier im Hause wird gestohlen. Heute vormittag habe ich einen Fünfzigmarkschein auf den Nachttisch gelegt und die Lampe halb daraufgestellt, jetzt ist er weg."

Hoomß hatte es gern, wenn ich es war, der fragte. Er konnte dann das Gegenüber ungestört beobachten. Also setzte ich die Unterhaltung fort:

"Das Zimmermädchen?" - "Die war schon durch." - "Sie hatten zugeschlossen?" - "Ja. Mit dem Sicherheitsschlüssel" - "Das Fenster?" - "Stand offen."

Nun war es zwar möglich, daß jemand durch das Fenster im ersten Stock einstieg, aber doch wohl nicht unbeobachtet am hellen Tage. Ratlos sah ich Hoomß an.

"Wir kriegen das raus", sagte der und erhob sich.

Aber statt die Treppe zum Mittagsschlaf hinaufzusteigen, schritt er zur Haustür hinaus, über den Steg auf die Dorfstraße und diese am Bächel entlang fünfzig Meter hinunter bis dorthin, wo der Eismann seinen Stand hatte.

"Zweimal Cornutoto", verlangte Hoomß.

"Entschuldigung, das ist ausverkauft", sagte der Eismann. "Es ist die teuerste Sorte und wird selten verlangt. Ich nehme nur immer zwanzig Portionen rein. Heute ist alles schon weg. Ausgerechnet die Jungs wollten es."

Wir begnügten uns mit Marmeladento und machten uns schleckend auf den Rückweg. Hoomß rechnete:

"Zwanzig mal zwei Mark neunundvierzig macht neunundvierzig Mark achtzig. Bleiben also zwanzig Pfennige bis fünfzig Mark. Was ist hierzulande für zwanzig Pfennige zu kaufen, Voddsen?"

Ich überlegte eine Weile und antwortete: "Eine Briefmarke. Aber mit der allein kann man nichts freimachen."

Dann trafen wir auf den Enkel der Alten.

"Na, Kleiner", sprach Hoomß ihn an, "hast du die Jungs mit Eis versorgt?"

"Freilich. Oma hatte mir das Geld auf den Nachttisch gelegt. Aber es war zu viel. Da hätte ich Bauchschmerzen bekommen."

Dann fügte er noch hinzu:

"Gut für die Zähne ist es auch nicht."

Er hatte also wirklich Lehre angenommen.

aus: Doggy Voddsen, "Abenteuer in der Bächelmühle"