Diese Tour war wieder einmal viel zu lang und zu schwierig für mich. Hoomß hatte von einem Kenner gehört, der Große Zschand sei das Schönste hier im Gebirge und wollte ihn also sehen. Wir waren mit der Kirnitzschtalbahn bis zum Beuthenfall gefahren und den Dietrichsgrund heraufgewandert. Auf der Zeughausstraße tat Hoomß so, als fiele ihm erst jetzt ein, man könnte zwischendurch auch auf den Winterstein steigen. Das kostete uns geschlagene drei Stunden, denn Steilheit, Stufen, Leitern und eine enge Schlucht waren für meinen Körper nur schlecht passierbar, und oben trafen wir auf einen Bergsteiger, mit dem wir uns ausgiebig unterhielten.

"Jeden Sommer zur Sonnenwende fällt hier jemand runter", erzählte er uns. "Gefeiert wird gewöhnlich am Wochenende danach. Sonnabends mit Kletterei und Touren. In der Nacht mit Rotwein. In den Boofen hocken die Kumpels rum, trinken, singen und hauen sich die Taschen voll mit Geschichten. Da vorn in dem Keller von den Raubrittern sitzen auch immer einige. Und jedesmal fällt einer runter.

Nach Mitternacht kriegen die meisten Gefühle. Früh fehlt dann jemand. Meistens ist es zwischen zwei oder drei passiert. Sagt die Kripo. Dann heißt es immer: Wahrscheinlich mußte er mal austreten. Blödsinn.

Hier oben kann man bequem rumlaufen. Von allen Seiten grüßen Gipfel, die man schon im Fahrtenbuch hat. Der Rote läßt die Sehnsucht raus aus dem Käfig. Jeder, der dann an der Kante steht, weit hinaussieht, das Feuer im Rücken, denkt, er kann fliegen.

Das Gefühl haut drauf, der Kumpel breitet die Arme aus und hebt ab.

So was findet die Kripo nicht raus. Ahnt es einer von denen, es sind Bergsteiger darunter, dann schweigt er. Der Gerichtsmediziner sieht die volle Blase vom Rotwein und meldet: Alles klar."

Ich vermutete plötzlich, unser Gesprächspartner wäre auch schon einmal geflogen, und er würde sich gleich in Nichts auflösen oder wenigstens nach oben statt nach unten davongehen. Aber nichts dergleichen geschah. Hoomß wechselte noch ein paar Worte mit ihm. Dann turnte der Mann wie schwerelos auf einen Felsturm hinüber, der für uns unerreichbar vor der einen Wand stand, trug sich ins Gipfelbuch ein, holte seinen Rucksack und stieg brav Stufen und Leitern hinab. Wir folgten ihm.

Viel zu spät kamen wir im Zeughaus an. Also entschloß sich Hoomß, hier ordentlich zu Abend zu essen und dann den kürzesten Weg zur Eisenbahn, nämlich nach Schmilka zu wählen. Damit war ich sehr zufrieden, denn ein gutes Essen lockt mich immer, und daß der erfreuliche kürzeste Weg über das Massiv führte, wußte ich noch nicht.

Ich schleppte dann also schnaufend und schwitzend meinen vollen Magen den Roßsteig hinauf und war zum ersten Male in dieser Saison froh, daß Hoomß allen Umwegen zu anziehenden Punkten folgt und oben nach dem letzten, auch noch übermäßig steilen Stück auf die Goldsteinaussicht abbog. Es würde sicher eine Pause geben. Also folgte ich ihm willig die neunzig Meter links vor zu der Felsenkanzel.

Dort saß mit dem Rücken zu uns ein Wanderer in wetterfester Kleidung und kräftigem Schuhwerk, den Rucksack neben sich, aus dessen offener Außentasche eine Feldflasche ragte, und hatte einen Blechbecher in der Hand, in dem ich sofort Rotwein witterte. Er sah unbewegt hinunter in das Tal mit den in der Dämmerung schwarzen Flächen des Waldes, die sich in grauem Dunst verloren, den zerklüfteten Stöcken des Sandsteins und den in der ferne verschwimmenden Formen der böhmischen Basaltkuppen.

Eine Decke aus Stille breitete sich über uns.

Da war sie also, die tödliche Kombination: Die Einsamkeit, der Rotwein, die rufende Ferne. Langsam näherte ich mich dem Mann, fest gewillt zuzufassen, wenn er sich erheben und die zehn Schritte vor zur Kante gehen würde.

Aber nichts dergleichen geschah. Schließlich fing Hoomß eines dieser eigenartigen Spiele an, die er immer mit seinen ehemaligen Kollegen trieb, alles Deutschlehrer, wie er auch einer gewesen war. Ich habe da nie mithalten können.

Er sagte irgendein Geflügeltes Wort oder eines, das er dafür hielt, und wartete auf ebensolche Antwort, um dann zu erwidern.

"Ein Loch in der Welt ist diese Stille", begann er.

"Und ein Reifen um die Seele", entgegnete der Wanderer. Die Augen von Hoomß leuchteten vor Freude. Er hatte einen Partner gefunden. "Die Ruh ist wohl das Beste. Von allem Glück der Welt."

"Die Ruhe tötet, nur wer handelt lebt."

"Gott ist die Ruhe und beruhigt alles, und ihn, die Ruhe, anschauen, heißt selber ruhen."

"Wo ist aber Ruhe? Nur dort, wo es keine Erinnerung gibt."

Der Wanderer packte Feldflasche und Becher ein, verschloß die Außentasche, schwang seinen Rucksack auf den Rücken, sagte: "Schönen Abend noch, die Herren", und ging seiner Wege.

Ich trat ein paar Schritte vor und blickte weit über den Großen Zschand, über die Felsen, die ich im Dämmer kaum vom Wald unterscheiden konnte, über die ganze, schwarze, saugende Tiefe.

Da packte mich Hoomß am Arm und fragte spöttisch:

"Sie wollen doch nicht etwa abheben, Voddsen?"

Dann gingen auch wir.

aus: Doggy Voddsen, "Abenteuer in der Bächelmühle"