Damals am Morgen brachte Ala sie hinauf zur Hütte. Schnee war angekündigt. Lisbeth zeigte auf den Kühlschrank und sagte: "Grä- me dich nicht, wenn wir einschneien. Melanie bleibt mollig." Ge- gen Mittag fielen die ersten großen Flocken. Die beiden Frauen saßen warm geborgen in ihren Sesseln, sahen sich an und lie- ßen spärlich Worte in die Stille fallen. Manchmal stand Lisbet auf, rekelte sich in ihrem weichwollenen Kleide, goß Tee auf, strich Melanie übers Haar oder rückte ihr ein Kissen zurecht. Die Däm- merung verwischte zögernd Raum und Zeit und hob kaum merk- lich alles Sein auf. Aber dann kam Ala doch noch, und Melanie war still und sehnsüchtig mit ihm zurückgefahren.

"Blöder Stau. Gleich vom Flugplatz an", murrt Ala neben ihr und reißt sie aus ihren Gedanken. Wenn er mit Hundertdreißig über die Piste fegt, ist er geschwätzig wie ein Radio. Wenn er im Stau steht, bemüht sich nur darum, die nächsten hundertdreißig Zen- timeter zu ergattern, und wünscht, nicht gestört zu werden. Pos- senhaft und närrisch ist er und herrschsüchtig, als würde er sich mit zwei "l" und einem "h" ganz hinten schreiben. Erst hat sie's wegen der Kinder ausgehalten. Die sind jetzt aus der Schule. A- ber sie ist träge geworden in diesen gesicherten Verhältnissen und hat sich gewöhnt.

Ob Lisbeth den Brief schon bekommen hat? Die Post soll vier- zehn Tage unterwegs sein. Warum das nur so lange dauert? Im- mer mal wieder erhöhen sie die Gebühren, da müßte es doch schneller gehen? Und die Stasi, die Briefe aus dem Ausland kon- trolliert, gibt es doch auch nicht mehr? Sie wird gleich telefonie- ren, wenn sie zu Hause sind und der Anschluß nicht wieder ge- sperrt worden ist.

"Eigentlich schön gewesen, die Vollmondfahrt", knurrt Ala wieder, ohne den angestrengten Blick vom Vordermann zu nehmen, "gut vorbereitet. Warn eigentlich nur Deutsche mit. Die Holländer nicht. Die hamm's sicher bereut. Nur daß die blöden Türken immer so blöde gegrinst hamm." Sie hatten Gründe genug dafür: Der Preis für die Fahrt war aus Gewohnheit so berechnet, daß sie sich mühelos auf die Hälfte hätten herunterhandeln lassen können. Der Vollmond schien, wie ein Vollmond zu scheinen hat. Durch einen ausgiebigen Begrüßungstrunk leicht beduselte Herren sangen "Ännchen von Tharau" falsch und ohne den Text so recht zu kennen. Damen lockerten ihre Dekolletés.

Die Verbindung mit den Holländern, die übrigens gar nichts be- reuten, war durch Melanie zustande gekommen. Am lärmenden Strand waren sie ihr aufgefallen. Sie schrieen sich keine Belang- losigkeiten zu, kreischten nicht über Pointen, stritten kaum und nur leise miteinander und Sarah, die aussah wie eine javanische Tempeltänzerin, weckte ihre Neugier. Die fünf waren mit einem Kleinbus aus Holland gekommen. Das fesselte auch Ala, der e- benfalls lieber gefahren als geflogen wäre. Und es reizte ihn auch herauszubekommen, wer von denen mit wem schlief und wie da- bei die ungerade Anzahl ausgeglichen würde.

"Eigentlich alle blöd diese Türken", schimpft Ala vor sich hin. Im Wagen vor ihnen sitzt auch einer. "Aber der Wächter für den Hai war ordentlich. Der Großvater hat unter Freiherrn von der Goltz gedient. Die Dardanellen gegen die blöden englischen Dread- noughts verteidigt." Die Bedrohung durch den Hai hatte jemand erfunden, der dem Wächter einen Job verschaffen wollte.

Der schönste Tag war der, an dem drei von den Holländern mit Ala nach Lesbos gefahren waren. "Lesbos ist überall", hatte Sarah gesagt, "warum soll ich eine Reise dahin machen?" Der blonde Hendrik war auch dageblieben, scheinbar fast noch ein Junge, der immer den Fotoapparat bei sich trug und Freude da- ran hatte, Unscheinbares ins rechte Bild zu bringen. Sie wander- ten zusammen weit am Strand entlang. Hendrik zeigte Melanie den Zauber von Nahaufnahmen. Sarah, mühselig nach den deutschen Worten suchend, verglich das fahle Blond Hendriks mit dem goldenen Melanies und berührte sie mit ihren Blicken ganz wundersam , als Melanie ihr hingebungsvoll zeigte, daß es echt war. Ob sie wohl anrufen würde? Oder gar kommen? Auch Lisbeths Nummer hatte sie, falls der Anschluß wieder mal ge- sperrt ist.

"Eigentlich gut, der blöde Stau", sagt Ala plötzlich mit klarer Stim- me. "Habe mich ausruhen können von dem blöden Flug." Und er treibt den Wagen über die endlich freie Strecke.

Als Lisbeth alles gehört hat vom Groll über Ala, vom freundlichen Hendrik und der schwarzhaarigen Sarah, vom Lärm am Strand und von der Sehnsucht nach der Hütte, und die Dias gesehen hat vom Meer, von den Sonnenuntergängen, den Holländern und dem Enkel des Kriegers, und die Bräune von Melanies Haut be- wundert und gestreichelt, fallen ihr die Verse dieses emigrierten rheinischen Juden in Paris ein von Himmelsfreud und Höllenleid, und sie sagt: "Die Menschen, die nennen es - Liebe!"