(Bemerkung zur Folge 252 "Die Ungerührtheit der Mörder" vom 06.10.1995 aus der Serie "Derrick")

Das ist die Handlung:

Ein glatter Gymnasiallehrer gibt seiner braven Klasse als Aufsatz- thema die Begegnung mit einem Mörder. Den liefert er in Form eines gerade entlassenen Strafgefangenen mit Zustimmung der Justiz und unter Beobachtung durch Derrick, Klein und die dick- beinige Polizeipsychologin Sophie den Schülern zur Befragung aus. Ein Mädchen, das der seinerzeit Ermordeten ähnelt, be- schreibt ihre Emotionen mit der Frage: "Warum darf so ein Mensch weiterleben?" Sie will ihn schließlich erschießen. In der Wirrnis eines entsprechenden Zusammentreffens bringt ihn schließlich der Lehrer um, unter sachkundiger Beobachtung durch die Psychologin. Derrick tappt herum und erfährt den Sach- verhalt schließlich aus den Berichten der Beteiligten.

Der dramatische Knoten ist also geschürzt zwischen einem be- straften Mörder und der Gesellschaft, die ihn nach geltenden Rechtsnormen nicht ausstoßen oder gar liquidieren darf. Aus den gesprochenen Worten zu schließen, hat der Autor nicht gewußt, was er beschreibt. Regisseur und Kameramann nutzten diese Chance mit Erfolg. Auch einige Schauspieler fanden sich in der Situation zurecht. Natürlich nicht Tappert, der sich wie üblich darauf beschränkte, bedeutsam zu glupschen, und nicht Wepper, der wie immer mißtrauisch hinstierte und auf seinen Einsatz wartete, und nicht Frau Kracht, die ihren Text gelernt hatte und sich im übrigen auf ihre Molligkeit beschränkte, die ausgezeich- net in die Rolle paßte - ein Verdienst des Produzenten.

Einen musterhaften Rechtsstaatsbeamten zeichnet der Gefäng- nisdirektor, dem nahegelegt worden war, seinen Schützling nach der Entlassung vorführen zu lassen. Genügend menschliches Empfinden ist ihm trotz seiner Laufbahn geblieben, die morali- sche Fragwürdigkeit der beabsichtigten Situation zu erfühlen. Ge- nügend Erfahrungen hat er gesammelt, so daß er die drohende Gefahr ahnt. Genügend Disziplin bringt er dann aber auf, nach geltendem Recht den Mörder über seine Möglichkeiten aufzuklä- ren und ihn entscheiden zu lassen.

Der entscheidet verständnislos. Fünfzehn Jahre Trennung von der Gesellschaft lassen es nicht anders erwarten. Er hat für sich in all seiner schwerfälligen Art etwas getan, was ein Volk nie zu- stande bringen wird: Er hat seine Vergangenheit aufgearbeitet. Der Saldo aus Schuld und Sühne ist null. Erinnerungen an die Tat regen ihn nicht auf. Eine Wiederholung hält er für ausge- schlossen.

Und so findet er gar nichts auszusetzen an dem Plan des Gym- nasiallehrers, der ihn im Stile der Journaille zur pädagogischen Sensation machen will. Der Mörder packt aus! Einzelheiten über die Gehirntätigkeit eines Verbrechers! Sind wir alle Mörder?

Sie sind es.

Das alles wird gespielt, nicht gesprochen. Der Autor ist bekannt für seine Unfähigkeit zum Dialog und Derrick ist bekannt für seine Unfähigkeit, einen Gedanken auszusprechen, vielleicht gar zu haben. Allerdings hat er mit seinen beiden Begleitern eine wichti- ge Aufgabe: Sie verbinden die Handlung. Nicht durch Worte, son- dern durch Gänge.

Alle sind es Mörder.

Der Lehrer, weil er das Gespräch veranlaßt und dann schließlich die Tat ausgeführt hat. Die Klasse, weil sie den Mann tot haben wollte. Derrick, Sophie und der Gefängnisdirektor, weil sie bei ih- rer Ausbildung alles hätten vorhersehen müssen.

Am wenigsten Mörder ist Klein. Wenn der sein Stichwort bekom- men hätte, wäre er losgelaufen, um alles zu verhindern. Daß das Stichwort nicht kam, dafür kann er nicht. Armer kleiner Beamter! Nun ist auch er schuldig.

Eine mörderische Gesellschaft.

Nach Aussagen höchster Kreise verbreitet die Fernsehserie "Derrick" das Bild des "guten Deutschen" im Ausland.

Allerdings ist da noch die Schwester des Mörders. Sie steht bei ihrem Bruder gegen die anderen und ist zu schwach - ganz wie im richtigen Leben.