("Bemerkung zur Folge 261 "Das leere Zimmer" vom 12.07.1996 aus der Serie "Derrick")

Ein Münchner mittlerer Bankangestellter heiratet eine "reizende Frau", die er in der Eisenbahn kennengelernt hat. Sie bekommen eine Tochter. Eines Tages wird seinen Chefs bekannt, daß die Frau in Frankfurt höheren Kreisen als Kurtisane gedient hat. Zuerst nimmt der Direktor einen Anlauf, sich mit der Frau zu verständigen. Sie ist freudig bereit, und er überredet auch den Mann, Besuchen im Zimmer seiner Frau zuzustimmen. Dem Vizedirektor gelingt das gleiche, obwohl der Widerstand in dem Manne wächst. Als auch sein Kollege und Freund in die Sache einsteigt und ihm eines Tages den Hurenlohn mitgibt, den er am Tag vorher vergessen hat, zerbrechen seine Hemmungen. Er ermordet die Frau, bringt die drei Beischläfer dazu, ihr Zimmer auszuräumen und den Inhalt im Keller - auf ihrem Grab - zu stapeln und gibt die Tochter in ein Heim, wo er sie nicht besucht.

Drei Jahre nach der Tat nimmt er - ausgelöst durch eine Kette von Zufällen - eine Straßendirne mit in sein Haus. Dumme Reden von ihr bringen ihn erneut zum Wahnsinn. Er ermordet auch diese Frau, bringt die Leiche mit seinem Wagen aus der Stadt und wirft sie neben der Autobahn weg. Als von dem Mord in der Zeitung berichtet wird, geht er zur Polizei, weil er weiß, daß er von seinem Kollegen und Freund mit der Ermordeten gesehen wurde. Dort behauptet er, die Frau sei von ihm aus mit einem Taxi - das er aber nicht gerufen hat - weggefahren. Verschiedene Beobachtungen machen Derrick mißtrauisch: In der abgelegenen Siedlung, wo der Mann wohnt, ist so leicht kein Taxi zu finden. Er behauptet, seine Frau sei verschwunden, hat aber keine Vermißtenanzeige erstattet. Er ist zur Polizei gegangen, was ein "normaler Mensch" nicht getan hätte (sic!). Er benimmt sich insgesamt ungewöhnlich. - Derrick setzt ihn unter den Druck des leeren Zimmers und bringt ihn dazu, beide Morde zu gestehen.

Das ist also die Geschichte eines Menschen, der am kalt Geschäftsmäßigen dieser bundesdeutschen Gesellschaft zerbricht. Am Buche habe ich nichts wesentliches zu beanstanden. Die Geschichte zwingt zur Genauigkeit und läßt kaum Varianten im Ablauf zu. Die Regie von Tappert baut um den Mörder eine gespenstische Welt auf. Gute und gut ausgewählte Schauspieler tragen sehr wesentlich zum Gelingen bei. Besonders Rudolf Schermuly in der Rolle des Mörders Karl Luserke ist vorzüglich und überzeugend.

In den Nebenrollen allerdings schlägt der tappertsche Stil voll durch. Besonders sichtbar wird das in der Szene, wo sich im Hintergrund die Hausdurchsucher sammeln: Ein Treffen von lauter Derricks mit gleitenden, langsamen, aufreizend schlaksigen Bewegungen. Es entsteht der Eindruck, daß selbst die Kamera manchmal solche Schlenker ausführt.

Aber wie gesagt: Schermuly ist vorzüglich und macht Tappert zum Stichwortgeber.

Und das hat Derrick bemerkt und reagiert unwillig. Die Handlung in ihrer brisanten Anklage gegen die bundesrepublikanische Gesellschaftsordnung billigt der konformistische Schauspieler nicht. Er geht mit dem Täter ungewohnt rüde um. In anderen Filmen hatte er für Sexualverbrecher mehr Verständnis.