Herr Frithjof Peterpaulsen, Geschäftsführer und alleiniger Ge- sellschafter der ARMTEL GmbH, lebte ein straff nach der Uhr ge- ordnetes Leben. Er stand jeden Morgen zur gleichen Zeit auf, trat zur gleichen Zeit durch die Tür seines Büros im Trade Center, aß zur gleichen Zeit zu Mittag und ging zur gleichen Zeit auf immer dem gleichen Wege und mit immer gleichen Schritten nach Hau- se: Zwei Minuten Fußweg vom Trade Center zur Haltestelle, denn er fuhr mit der Straßenbahn, weil er dann schneller daheim war und nur so seinen Zeitplan einhalten konnte. Drei Minuten wartete er auf die Bahn der Linie 2. Wenn der Zug in die Haltestelle einfuhr, nickte er dem Fahrer zu. Er kannte alle Fahrer auf dieser Linie. An der vierten Station verließ er die Straßenbahn wieder und ging die gewohnte Strecke: erst die Doberaner Straße ein Stück vorwärts, dann rechts in die Straße Am Karauschenhof und nochmal rechts den Vaterlandsweg bis zu dem Haus, in dem er wohnte.

Er starb an einem sonnigen Donnerstag im August.

Zu Wochenbeginn noch war das Wetter trübe gewesen. Regen hatte den Staub von den Blättern der Bäume gewaschen, die Straßen blankgespült und die Hitze aus dem Mauerwerk der Häuser fortgenommen. Nun war es trotz der Jahreszeit und des blauen Himmels nicht zu warm, und von der See her wehte ein angenehmer Wind.

Peterpaulsen verließ sein Büro im fünften Stock des Trade Center pünktlich um 17 Uhr 30 und fuhr mit dem Lift hinunter. Er trug einen feinen, maßgeschneiderten Anzug und eine ausgesuchte Krawatte. Kein Aktenkoffer störte seinen Gang, als er vornehm und stattlich durchs kühle und dämmerige Vestibül schritt. Nur eine dicke Zeitung trug er in der Hand. Der Mann an der Rezeption verbeugte sich und meinte lächelnd: "Pünktlich wie immer, Herr Peterpaulsen."

"Warum auch nicht", sagte Peterpaulsen, "Wiedersehen, Herr Krieger", trat durch die Tür und blinzelte unwillkürlich in das immer noch helle Licht des Abends. Eine Menge Leute gingen auf der breiten, für Autos gesperrten Kröpeliner Straße, teils lässig spazierend, teils zielgerichtet, um kurz vor Ladenschluß noch einzukaufen. Gegenüber plätscherte der Brunnen mit den Bronzefiguren. Eine von Kinderhänden blankgeriebene Stelle spiegelte Sonnenlicht genau in Peterpaulsens Auge.

Gegen alle Gewohnheit blieb er an diesem Donnerstag eine lange Weile vor dem Eingang des Trade Center stehen, als wunderte er sich über eine ihm fremde Welt, in die er da hineingeraten war. Wie eine Statue sah er aus. Allein sein Kopf bewegte sich, als verfolgte sein Blick jemanden, der vorbeiging. Die Automatik versuchte mehrmals, die Tür zu schließen, beachtete aber die beinahe unmerklichen Veränderungen des Mannes und unterbrach sich.

Dann verschwand offenbar dieser Jemand, denn Peterpaulsen raffte sich auf, ging zur Haltestelle und wartete die übliche Zeit. Die Straßenbahn kam an. Er wunderte sich, daß er den Fahrer nicht kannte, stieg ein, setzte sich und faltete die Zeitung auseinander. Zum Lesen kam er aber nicht. Denn die Spukgestalt, die ihm den Zeitverzug beschert und ihn in die falsche Bahn hatte steigen lassen, schob sich vor die altmodische Schrift seines Leibblattes. Er stieg an der vierten Haltestelle aus, ohne zu bemerken, daß er ganz woanders war als sonst.

Peterpaulsen ging die gewohnten Schritte. Immer noch deckte das beeindruckende Bild die Wirklichkeit zu. Als er zum zweiten Male rechts in den scheinbaren Vaterlandsweg abbog, geriet er auf einen Fußgängerüberweg mit Ampel, die für ihn Rot zeigte, wurde von einem Fahrzeug erfaßt und hochgeschleudert. Sein Kopf schlug auf die Bordsteinkante, der Schädel brach auf und das Gehirn quoll heraus. Der Fahrer floh. Die Verkehrspolizei benachrichtigte Kommissar Kuschelbär von der Mordkommission.

Eine Viertelstunde nachdem Kuschelbär die Angaben auf dem Ausweis des Toten an die Zentrale gemeldet hatte, trat ein Herr auf ihn zu. Der Kommissar kannte ihn aus seiner Münchner Zeit, wagte aber seinen Namen kaum zu denken, geschweige denn zu nennen, so geheim war er. Der Mann war mittelgroß und Mitte vierzig wie der Kommissar, etwas schmaler, aber genauso gut durchtrainiert, hatte den gleichen länglichen Kopf, aber statt schwarzer Haare dunkelblonde. Seine Augenbrauen waren nicht so buschig, und er war sorgfältiger rasiert. Das wichtigste aber: Er war mit einer soliden und ausgesuchten Eleganz gekleidet, trug Jackett und Krawatte, während Kuschelbär in Hemdsärmeln und mit seiner zerknitterten schwarzen Wollstoffhose vor ihm stand, die wie üblich alle möglichen Fusseln angezogen hatte. Der Mann sagte:

"Peterpaulsen ist Waffenschieber gewesen. Also, lieber Herr Kollege, diskret ermitteln, den Mörder finden und vor allem seine Hintermänner."

Ehe der verblüffte Kuschelbär den Mund zu einer Erwiderung öffnen konnte, war der andere verschwunden.

(aus: "Kuschelbär sucht das Hütchen")