Bergsteigers nette Katze Nette schlief ausgesprochen gern in Herrn Bergsteigers Kletterrucksack. Der lag gewöhnlich flach in einer Ecke von seiner Bude. Es machte ihr nichts aus, wenn ein großer Teil des Innenraums vom Kletterseil beansprucht wurde. Im Gegenteil: Sie hatte es sehr gern, wenn sie sich darauflegen und die Pfoten zwischen die Stränge schieben konnte. Schlingen hob sie sich über den Rücken, und an den Karabinern und der Abseilacht kühlte sie den Bauch.

Manchmal war Herrn Bergsteiger danach, es der Katze nachzutun und sich abgetrennt von allen in seinen Rucksack schlafen zu legen, wenn das technisch möglich gewesen wäre.

Herrn Sangreich - ein Mitglied der "Bergigallen" und derartig guter Kumpel von Herrn Bergsteiger, daß man ihn eigentlich seinen Freund nennen muß - ging es ebenfalls wie der Katze. Er war musisch begabt und sang in seiner Freizeit Lieder des Herrn Yondraschek, die er mochte, mit großer Kunstfertigkeit. Er rannte häufig, im heißen Sommer wie im tiefkalten Winter, an freien Tagen von seinen zermürbend bürokratischen Berufspflichten davon in eine Boofe. Stille brauchte er, Stille, die durch die nächtlichen Geräusche im Gebirge noch verstärkt wurde. Kein Rauschen einer Großstadt. Dunkles Licht brauchte er, soviel, um zu sehen, daß es etwas um ihn herum gab. Keinen hellen Schein, den die Straßenbeleuchtungen und Reklamen in einer Luft voll Staub und Dunst erzeugen. Und er brauchte die Sicherheit, nicht angesprochen zu werden. Keine schwebende Angst, plötzlich etwas anderes denken zu müssen als das, was sich gerade so gut dachte.

Wie war das nun also mit Nette und Herrn Bergsteiger? Ein Herrchen im hündischen Sinne erkennt eine Katze nicht an. Sie wohnt ein wie in einer Herberge. Trotzdem hatte sich zwischen ihnen eine Beziehung entwickelt, die man unter Menschen, besonders solchen, die in Kriminalfernsehfilmen auftreten, als "intim" bezeichnet hätte. Von der seelischen Struktur her betrachtet - natürlich. In den genannten Kreisen würde man sagen: "Ich denke mal (und mal nicht?), weiter war wirklich nichts." Es mußte aber doch etwas sein zwischen ihm und dem Tier. Einmal mitten im Winter im knöcheltiefen Schnee hatte er nämlich auf dem Lilienstein eine seltsame andere Katze getroffen. Seltsam war sie deshalb, weil sie weitab, nach waagerechter und senkrechter Entfernung, von gepflegten Behausungen und bei dem anstrengenden Wetter bemerkenswert gut genährt war, ein wunderbar glattes Fell, schillernd zwischen Kastanienbraun und Goldblond, trug und so selbstgefällig blendend aussah, als käme sie gerade vom Schminktisch, wo sie lange zugebracht und Stil und Geschmack erprobt hatte. Er sah sie bewundernd an und erntete einen Blick, der ungefähr sagte: "Wenn wir jetzt in einer Bar säßen, würdest du anfangen, dich zu beklagen, wie langweilig das ist, was du zu Hause sitzen hast." Erschrocken hatte er sich abgewandt. Nicht, daß ihm auch nur angedeutet in den Sinn gekommen wäre, sich über Nette zu beschweren. Ihn verstörte die selbstverständliche Art, mit der diese Katze ihm zu verstehen gab, daß sie sehr wohl sein Verhältnis mit der anderen erkannt hatte. Am liebsten hätte er von dieser Tour Nette einen Strauß Blumen mitgebracht. Aber das ging wohl nun doch nicht an.

Aus ungeklärten Gründen fing einmal Frau Bergsteiger an, von ihrem Wunsch, um nicht zu sagen, von ihrer unbezwinglichen Gier nach einer Tour durch die Anden zu sprechen. Gleich, als sie damit begann, war Herrn Bergsteiger klar, daß sie irgendwann einmal durch die Anden laufen würden. Er wehrte sich dagegen, weil die Sächsische und die richtige Schweiz so nahebei lagen, und er zumindest die letztere bei weitem noch nicht abgewandert hatte. Aber er würde wohl die Sinnlosigkeit nicht verhindern können.

Frau Bergsteiger beanspruchte für die Tour in die Anden einen neuen Rucksack, wie eine gewisse Frau Mittelstand für eine Kreuzfahrt ein neues Abendkleid, einen Bikini und vor allem einen neuen Büstenhalter verlangte. Herr Bergsteiger war natürlich mit seinem alten Rucksack zufrieden und hätte einen neuen schon deshalb abgelehnt, weil er sich an seine Einzelheiten erst hätte gewöhnen müssen. An Nette dachte er dabei nicht.

Vor der Abreise fragte Frau Bergsteiger unruhig: "Hast du die Katze gesehen? Sie hat deinen Rucksack verzaubert!" - "Quatsch," antwortete Herr Bergsteiger. - "Doch," widersprach die Frau. "Ich habe es deutlich gesehen. Sie stierte auf den Rucksack und nach einer Weile sprühten bläuliche Funken aus ihren Pupillen und gelbliche aus den Ohrspitzen." - "Quatsch," sagte zu wiederholtem Male der Mann. "Wenn ich klettern gehe, verhext sie doch den Rucksack auch nicht." - "Das ist etwas anderes. Da meint sie, du machtest es für sie. Nämlich: Du gehst hinaus und lädst ihn mit dem Irgendetwas auf, das sie sich dann im Schlafe einverleibt. Aber sie hat gemerkt, daß es diesmal anders ist." - "Quatsch," sagte deutlich abschließend Herr Bergsteiger.

Frau Nachbars, mit den Bergsteigers weder verschwistert noch verschwägert, aber ein genaues Abbild des Urtyps einer treuen Seele, hatte es übernommen für Nette, die Zimmerpflanzen und im Bedarfsfalle auch - wenn es nämlich schneien sollte - für unsere gefiederten Freunde in Garten und Park zu sorgen. Letzteres unausgesprochen vor allem deshalb, damit Nette fernsehähnlich fesselnde Beobachtungsobjekte auf dem Balkon habe. Daß sie gelegentlich einen ihrer angehimmelten Stars fraß, bestritten Bergsteigers stets lebhaft.

So war alles zufriedenstellend geregelt und schaudernd an die bevorstehenden Unbilden denkend verließ schließlich Herr Bergsteiger die Wohnung und die Katze. Frau Bergsteiger lief aufgeregt noch einmal zurück, weil sie das Reisehandbuch auf dem Küchentisch liegen gelassen hatte.

In der grenzenlosen Freiheit über den Wolken, von der Alfons Yondraschek singt, eingezwängt auf seinem thrombosophilen Sitz war dann Herr Bergsteiger den verbalen Ergüssen von Frau Mittelstand hilflos ausgesetzt. Satzfetzen wie "... soll es viel Fisch am Büfett geben ... ", "... der Ausflug zur Station ist gar nicht gefährlich ...", "... eine Appendizitis - Blinddarmentzündung, wissen Sie - kann nicht an Bord operiert werden ...", "... vielleicht sieht man endlich mal wieder gutgekleidete Männer ohne dicke Bäuche ... " klatschten ihn um die Ohren. Herr Bergsteiger war beinahe so etwas wie glücklich, als sie da irgendwo in Südamerika aus der Abfertigung mit ihren Bergstiefeln hinaustrampeln konnten. Draußen saßen brav auf irgend etwas wartend zwei Hunde, mit Riemen an Polizisten gebunden. Der eine groß, schlank und schwarz, ließ gelangweilt seine Zunge zwischen den Zähnen heraushängen und hatte eine lange, spitze Nase. Der andere war klein, wollig und weiß und hatte aufmerksame Augen, die zu fragen schienen: "Na, du Gangster?" - "Drogenhunde," sagte Frau Bergsteiger.

Im Gebirge lief zugegebenermaßen alles viel besser, als es Herr Bergsteiger erwartet hatte. Die Gruppe bestand aus Kumpels, das Führerpärchen war unaufdringlich. Die Sonne schien nicht zu heiß, der Regen klatschte nur selten und nicht zu heftig. So kamen sie maßvoll zufrieden nach drei Wochen wieder auf dem Flugplatz an. Die beiden Hunde dort warteten auch diesmal wieder, wurden aber jetzt - Export von Drogen war vor allem Amateuren streng verboten - zur Kontrolle des Gepäckes aufgefordert. Der große schwarze betrachtete genüßlich Herrn Bergsteigers Rucksack, sog die Luft durch seine lange Nase und äußerte: "Blaff!" Daraufhin wurde Herr Bergsteiger aufgefordert, sein Gepäckstück zu öffnen und der kleine weiße begann, sich durch alle möglichen oft und anstrengend getragenen Sachen zu wühlen, unbeirrt durch die aus ihnen steigenden Düfte, um zu finden, was er suchte. Er wühlte und wühlte und wühlte, während der große aufmerksam, aber gelangweilt das immer noch neu aussehende Exemplar von Frau Bergsteiger betrachtete. Die Abflugzeit kam heran und ging vorbei. Der kleine weiße wühlte immer noch. Schließlich gab er es auf. Herr Bergsteiger packte seinen Kram ein. Sie übergaben die Rucksäcke ungeduldig wartenden fliegenden Boten und wurden dann von einer freundlich und bedeutsam blickenden Stewardess zur Maschine geleitet, die zum Start rollte, gleich nachdem sie sich gesetzt hatten, hoffend, daß ihre Rucksäcke im Gepäckraum angekommen waren.

"Du hattest recht," sagte Herr Bergsteiger zu seiner Frau. "Nette hat den Rucksack verhext." - "Quatsch," war die Antwort. "Sie haben einfach die Katze gerochen." - Herr Bergsteiger glaubte das nicht.