Von Väterchen Josef Wissarionowitsch Dshugaschwili, auch Stalin und später Diktator und Mörder genannt, berichtet die Legende, daß er neben seinen Regierungsgeschäften, der wissenschaftlichen Arbeit und der Pflege seines Rosengartens täglich viele hundert Seiten wichtiger Literatur gelesen habe. Wir Schüler waren gehalten, dies in Frömmigkeit anzunehmen, obwohl wir bei unseren Karl-May-Studien zu ganz anderen Ergebnissen gelangten. Meine Glanzleistung etwa war die in einer Nacht begonnene und abgeschlossene Lektüre von WinnetouII, wobei ich gleichzeitig zwanzig lateinische Worte gelernt habe. Dafür schlief ich dann in der Schule den ganzen Vormittag über, außer natürlich bei der Vokabelarbeit, wo ich mühelos eine Eins erreichte.

Wäre ich allerdings in diesem Fach Latein noch aufmerksamer gewesen, dann hätte ich eine wichtige Erkenntnis zum schnellen Lesen und zu dem Körnchen Wahrheit in der Legende gewinnen können. Es gelang mir nämlich immer wieder, meinen Lehrer zunächst dadurch zu verblüffen, daß ich unbekannte lateinische Sätze fließend deutsch vorlesen konnte, und danach zu verärgern, weil ich bei vielen Worten und Bildungen nicht genau zu erklären vermochte, was sie genau bedeuten. Also: Ich wußte, was da war, konnte es aber nicht beweisen, und befand mich damit in der Lage von Kabarettisten, Dichtern, Propheten und Kriminalhauptkommissaren. Diese Kunst habe ich später nicht mehr öffentlich anwenden müssen. Aber in meinen eigenen Angelegenheiten benutzte und benutze ich sie häufig, und sie leistet mir gute Dienste. Aber zurück zum schnelleren Lesen, über das ich hier eigentlich schreiben will.

Eine wichtige Regel dabei ist: Zuerst die Überschrift lesen! Ich weiß, das ist mühevoll und verlangt ein erhebliches Maß an Selbstkontrolle. Da sind doch die Bilder, die man bequem aufsaugen kann, und die zwei oder drei verlockenden Worte aus dem Text, die das Auge zufällig erfaßt und das Gehirn in Verführungen verwandelt hat. Hat man aber die Überschrift aufmerksam gelesen, dann reicht das in neun Zehnteln der Fälle aus, sich von dem Text endgültig abzuwenden.

Bei der Bild-Zeitung oder Blättern ähnlichen geistigen Ursprungs sollte man allerdings etwas anders verfahren. Man geht bei ihnen so vor: Mit diebischem Blick ergattert man sich beim Nachbarn in der Straßenbahn, beim Händler oder im Papierkorb eine Schlagzeile und denkt sich sein Teil. Das reicht. Würde man weiterlesen, wäre man nicht besser, oft sogar schlechter informiert.

Mit Zwischenüberschriften oder bei Büchern mit einem Inhaltsverzeichnis verfährt man ähnlich. Besonders bei den Druckerzeugnissen, die Sachbücher genannt werden, kann man aus dem Inhaltsverzeichnis deutlich schließen, ob das Konzept und vor allem die Gliederung wirklich den Erwartungen entsprechen. Entschließt man sich, das Buch doch nicht aus der Hand zu legen oder mit voller Wucht in die Ecke zu knallen, empfiehlt es sich aber, immer wieder alle Zwischenüberschriften aufmerksam zu lesen. Bedeutungslose Abschnitte oder solche, die vorher gesagtes einfach auf kleiner Flamme und etwas verdünnt, damit nichts anbrennt, aufwärmen, überschlägt man dann einfach. Sie sind vor allem für den Verfasser wesentlich, wenn er nach Zeilen bezahlt wird.

Gewarnt werden muß davor, die Klappentexte bei Belletristik ernst zu nehmen. Sie wenden sich an Leute, die das tun, und sollen auf diese Weise die Verkäuflichkeit sichern. Schlagen Sie das Buch auf und lesen Sie etwas vom Text! Nach spätestens einer halben Seite können Sie unterscheiden, ob der Autor sich wortbegierig und sprachbesessen abquälte oder aber bei einer Fernakademie scheinbar Schreiben gelernt hat und versucht, mit Hilfe eines Textbearbeitungsprogrammes seinen Computer in eine Gelderzeugungsanlage umzuwandeln. Mit Hilfe Ihrer Kontrolle können Sie viel sparen, vor allem aber Ihre Nerven schonen. Denn auch geladen mit Verachtung regt man sich auf.

Ausnahme von allen diesen Regeln ist Karl May. Überschlagen Sie keineswegs die völlig falschen oder aus Nachschlagewerken abgeschriebenen Schilderungen von Landschaften! In ihnen stecken die Spannung der Bücher und ein Teil des Erfolges dieses menschlichen Mannes, dessen Schreibstil seine Lebensauffassung ist, also durch literarische Kritik unangreifbar, wie die Briefe Ihrer Großmutter.

Natürlich kann man auch alles wissenschaftlich oder gar dialektisch betrachten. Selbst nur wenig spezialisierte Nachschlagwerke führen das Stichwort "Redundanz". Da wird genau beschrieben, was in einem Text alles überflüssig ist, selbst wenn man ihn als solchen gelten zu lassen bereit sein sollte. Wie meist in solchen Fällen sind die Erklärungen verständlich. Ihre Anwendung kostet jedoch soviel Zeit, daß man den Text währenddessen komplett lesen könnte, auch wenn man die Methode benutzt, die die Befehlssprache des Datenbanksystems dBase anwendet. Sie ist in einfachem Englisch abgefaßt. Damit ein Befehl verstanden wird, reicht es aber, wenn seine ersten vier Buchstaben eingegeben werden.

Soll man nun immer bloß die ersten vier Buchstaben eines Wortes lesen, um schneller zu sein? Das bringt natürlich gar nichts. Dazu müßte man die Wortanfänge suchen, vier Buchstaben abzählen, alles Albernheiten.

Verwenden sie lieber meine erprobten Regeln von weiter oben! Achten Sie aber darauf, nicht zu streng auszusortieren, was Sie nicht für lesenswert halten. Der zu lesende Rest wird sonst mit fortschreitendem Alter immer geringer. Am Ende lesen Sie dann nur noch das, was Sie selber geschrieben haben.

Auf eine solche Weise scheint also die Legende über die Leseleistung Väterchen Stalins entstanden zu sein: Die Leute, die beim Saubermachen die Bücher aus der Zimmerecke gegenüber dem Schreibtisch herausgeklaubt oder von der Schreibtischkante gefegt hatten, ermittelten einfach deren Seitenzahl.