Entrindete Stämme bilden ein Geländer und schützen Moor und Menschen voreinander. Ein schmaler Steg führt drei Meter über den Morast, damit der Kundige, mühsam auf Knien rutschend und die Brille gebrauchend, den berühmten Sonnentau sehen kann. Umrahmt von Fichten und Erlen ruht eine schwarze, unbewegte Wasserfläche, in deren Mitte Schilf träumt, falb: nicht gelb, nicht braun, nicht ocker. Vielleicht: weiß, auf das ein brauner Lichtschein fällt. Um das offene Wasser herum wächst der Torf unter grün-braunem Moos, breit gesäumt von heufarbenem Gras. Ein Vogel zirpt scharf. Ich setze mich unter den Farn auf den Rand eines Erdloches, stelle den Rucksack neben mich, hole Schwarzbrot mit Butter heraus, gieße Rotwein in den Blechbecher und denke nach.

Warum eigentlich? Noch immer scheint der Tod geheimnisvoller als das Leben. Das Moor erinnert an den Tod. Wo aber denkt man an das Leben? Dieses Versäumnis kann tödlich sein, für mich, für alle.



aus: "Wandrerflausen" ()