Des Wisperergeflunkers erste Seite
Wisperergeflunker

Ich weiß nicht mehr, wann, wie und wo ich die Wisperer zum ersten Male bemerkt habe. Das hat sich einfach so ergeben, wie etwa die Fä- higkeit, den Klang einer Oboe von dem einer Klarinette zu unterscheiden. Seitdem treffe ich sie hin und wieder und überall.

Die Wisperer haben einige wichtige Eigen- schaften. Die erste und am meisten bemer- kenswerte besteht darin, daß es sie nicht gibt. Zweitens sind sie stets im Dunkel draußen vor dem Fenster und beobachten mich, wie ich am Schreibtisch vor dem Computer sitze, und tauschen ihre Meinungen darüber aus, was ich tue. Notfalls sind sie natürlich auch woan- ders. Da es sie nicht gibt, kann man sie dabei weder hören noch sehen. Und drittens sind sie sachkundig, fürsorglich und ungeheuer geduldig, trotzdem kritisch und manchmal for- dernd.

Bedeutsam sind sie vor allem, wenn ich nachts nicht schlafen kann und twittere. Sie gehören dann einfach dazu. Deshalb erwäh- ne ich sie auch manchmal in meinen Tweets.

26. August 2015 Im Dunkel und in der Stil- le der Nacht hört man die Gedanken bes- ser. Ob da wohl auch welche von ande- ren dabei sind?

28. August 2015 Eine Ruhe hier! Kein schrecklich verqueres Geschnatter mehr! Nur noch manchmal ein leises Maunzen oder ein dezentes, kurzes Ge- bell.

11. September 2015
Draußen im Dunkel umschweben säu- selnde Geister
das schläfrige Haus und lauschen ge- kränkt dem wirren Getwitter.

13. September 2015 Jede Nacht der glei- che Eindruck: Es weht vor dem Fenster, als begehrten vergessene Gedanken Einlaß.

13. September 2015 Ich höre, wie die ver- gessenen Gedanken draußen und die verworfenen und verwerflichen drinnen miteinander wispern.

15. September 2015 Im Dunkel vorm Fens- ter wispern sie wieder und wollen von den spärlichen Gedanken ein paar abha- ben. Sie fliegen damit weg, um zu spie- len.

17. September 2015 Heute wispert es nicht draußen in der Dunkelheit. Das be- unruhigt mich. Ist etwa Gefahr im Ver- zug? Oder habe ich sie verärgert?

17. September 2015 Da sitzt noch einer. Stumm und zitternd, kaum zu sehen hin- ter der dunkelroten Orchidee, mit gro- ßen, gelben, unsichtbaren Augen.

17. September 2015 Ich öffne das Fenster und spüre, daß er an mir vorbeiflutscht. Er breitet sich über dem Schreibtisch aus wie eine dünne Schicht Staub.

17. September 2015 Vorsichtig benutze ich die Tastatur. Ich fühle nichts unter den Fingerkuppen. - Schluß jetzt damit. Ich gehe schlafen. Dobrou noc!

18. September 2015 Ehe ich schlafen gehe noch die frohe Botschaft: Die Wisperer draußen im Dunkel vor dem Fenster sind zurückgekehrt. - Gute Nacht!

18. September 2015 Ich möchte gar zu gern wissen, wer die Wisperer sind da draußen im Dunkel vor meinem Fenster.

18. September 2015 Vielleicht sind es die Gedanken, die ich dachte, draußen in der Landschaft, als ich noch wandern konnte, und die mich jetzt trösten wol- len.

Ein Foto der Wisperer draußen im Dunkel vor dem Fenster. Sie sind nicht zu sehen, denn es gibt sie nicht.

19. September 2015 Die Wisperer im Dun- kel vor dem Fenster sehe ich nicht. Nur neulich war da ein großes, gelbes Auge. Und heute eine blau-weiß-rote Schärpe.

19. September 2015 Ich verstehe nicht, was sie wispern dort draußen. Es klingt allerdings nicht bedrohlich. Vielleicht werde ich mal ein Buch darüber schrei- ben.

Na ja, ein Buch ist es wohl noch nicht gewor- den. Aber wenigstens diese Website. Es sollte auch nur eine Anspielung auf einen früheren Tweet von mir sein, welcher da lautete:

12. September 2015 Einer der ekelhaftes- ten Aussprüche in einer Talkshow ist für mich: "Ich habe darüber ein Buch ge- schrieben."

21. September 2015 Die Wisperer im Dun- kel vor dem Fenster sind da. Aber heute schweigen sie beharrlich. Der mit der Schärpe ist wieder dabei.

21. September 2015 Die Wisperer starren mich an. Sie erwarten etwas. Aber mir fällt nichts ein. Es kann einem ja auch nicht immer etwas einfallen.


Zur Beruhigung der Wisperer habe ich mir dann doch noch etwas abgerungen.

21. September 2015 Nur im Dunkel sieht man deutlich ein Flamme. Am Tage er- kennt man sie manchmal am Schatten, den sie im Lichte wirft.

21. September 2015 Das mit der Flamme hat die Wisperer beruhigt. Das ist ja aber nichts Neues. Man erinnert sich nur oft nicht, daß Flammen Schatten werfen.

21. September 2015 Die Wisperer haben sich beruhigt schlafen gelegt. Ich tue es ihnen nach. Gute Nacht allerseits!

22. September 2015 Natürlich sitzen die Wisperer wieder vor dem Fenster. Auch der mit der blauweiß-roten Schärpe ist wieder dabei.

22. September 2015 Noch immer habe ich nicht verstanden, was er mir mit der Schärpe andeuten will. Er scheint dar- über traurig zu sein. Ich bin es auch.

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