Herbert Helbig
Wandrerflausen

- Berge -

Zweifelhafte Erzählungen und verworrene Gedanken eines
sächsischen Fußgängers

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© Herbert Helbig, Dresden 1998

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Pepík auf dem Rosenberg

Winterstein

Rachel

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Pepík auf dem Rosenberg

An einem frühen Morgen öffnete sich langsam die Tür unter dem Vordach am Forsthaus von Rúzová, was auf deutsch Rosendorf heißt. Pepík hob sich auf die Zehenspitzen und schaute vorsichtig über die Brüstung auf die leere, sonnenüberflutete Straße. Dann kam er ganz heraus, lehnte einen Wanderstab an die Mauer, legte ein kleines Bündel dazu und schloß die Türe leise mit beiden Händen. Er nahm Stock und Bündel wieder auf, stieg die beiden Stufen zur Straße hinunter und ging mit Schritten, so rüstig, wie sie ein Fünfjähriger eben zustande bringt, aufwärts zum Dorf hinaus.

Die Smidtová, die gerade ihr Bettzeug zum Lüften auf die Fensterbänke in die warme Sonne legte, sah ihn vorbeiziehen mit dem Stock, den er geschultert hatte, weil er wohl doch ein bißchen zu lang war, als daß er hätte beim Gehen unterstützen können, mit dem Bündel und der viel zu kleinen grünen Jacke. Sie machte sich auf, um im Forsthaus nach dem Rechten zu sehen und fand den Großvater hinten im Obstgarten. Er verstand die alte, wortkarge Frau schnell. Nachdenklich betrachtete er sein linkes Handgelenk, das manchmal schmerzte, und dann den Ruzák, den Rosenberg. Die sechshundert Meter hohe Basaltkuppe, geheimnisvoll umhüllt von dichtem Rotbuchenwald, duldete wohlwollend und mürrisch das Dorf unter sich.

"Pepík ist ein ernsthafter Junge", sagte der Großvater. "Ich werd's dem Revierförster zu Mittag erzählen." Er nannte den Schwiegersohn immer nur nach seinem Amte. Die Smidtová nickte und ging.

Pepík bog inzwischen an den wie immer ein wenig stinkenden Futtersilos in die Wiesen ein. Am Úvoz, der eigentlich gar kein Hohlweg war, sondern ein schattiges, kühles, auf beiden Seiten von Eschen und Eichen und mancherlei Gesträuch geschütztes Stück Feldweg, blieb er stehen.

Bis hierher war er mit den anderen Jungen schon gekommen. Schatten und Regenschutz der Bäume, dichtes, trockenes, hartes Gras und der Abstand zum Dorf machten die Stelle anheimelnd und heimlich.

Er lehnte sich an ein Stück alten Zaun, blickte zögernd zu den Häusern zurück und dann vorwärts, um das nächste von den gelben Wegezeichen zu finden, die ihn zum Gipfel des Berges führen würden. Schließlich überschritt er die Grenze seines bisherigen Lebenskreises hinaus ins Sonnenlicht.

Gegenüber am Hutberg hatte der Revierförster ein paar Waldarbeiter eingewiesen und suchte mit dem Fernglas die Felder am Rúzák nach Hirschkühen ab, die vielleicht noch nicht in den Schatten des Waldes zurückgewichen waren. Er sah seinen Sohn, den Wanderstock, das Bündel und die grüne Jacke und erinnerte sich seiner lehrhaften Reden über unauffällige Kleidung im Walde und das Ziel der gelben Wegemarkierung. Das beruhigte ihn.

Pepík ging weiter den nun asphaltierten Weg am Waldrand entlang, dann rechts einen Trampelpfad durch den Farn. Schließlich begann dort, wo der Pfad den Fahrweg noch einmal berührte, der Aufstieg, erst geradenwegs, später in ständigen Kehren. Zweimal traf der Pfad auf den steilen Abfall in eine Geröllgrube. Von dort sah Pepík weit bis hinein ins Deutsche mit seinen sonderbar geformten Sandsteinbergen. Es ging nun steiler bergauf und wurde beschwerlicher durch Geröll, Brennessel und querliegende Baumstämme. Pepík war leicht, und die Schwierigkeiten beeindruckten ihn nicht. Nur Stock und Bündel störten ein wenig. Die warme Jacke knöpfte er auf. Am Abzweig, wo links der Weg ins Nachbartal geht und rechts zum Gipfel, bog er auch richtig ab. Oben fand er die Grundmauern des zerfallenen Gasthauses und die Klippen. An der unteren, kleineren Klippe, ein Stück vom Wege ab, setzte er sich müde ins Gras, kaute ein Hörnchen aus seinem Bündel und trank einen Schluck Wasser aus der Flasche. Der Aufstieg in dieser heißen Luft hatte viel von seinen kleinen Kräften verbraucht. Seine Gedanken, eben noch scharf auf den Weg, die Hindernisse und die Geräusche rundumher gerichtet, zerfielen. Er legte den Kopf auf das Bündel und glitt in einen zufriedenen Schlaf.

Seine Leute in der Försterei saßen am Mittagstisch. Die Mutter hatte vormittags im Gemischtwarenladen gearbeitet und sah nun ängstlich und erbittert auf die Männer, die ruhig ihre Suppe und ihren Knödel aßen und schwiegen.

Am Nachmittag stieg auch der Revierförster auf den Berg. Stark und im Steigen geübt, brauchte er eine Stunde bis zum Gipfel und weckte seinen Sohn, der noch immer schlief. Sie kehrten gemeinsam zurück. An den Lichtungen blickten sie bedächtig übers Land. Der Vater nannte die Namen der Berge und Dörfer.

Als der Abend zu dunkeln begann, hockten Großvater und Revierförster hinterm Haus mit ihrem Rotwein.

"Auf halbem Wege zur Wolfswiese holte mich mein Vater ein." Der Revierförster stammte aus dem Isergebirge. "Ich war losgegangen, um den Wolf zu suchen." Der Großvater betrachtete sein linkes Handgelenk und erinnerte sich an das Gefühl unbändiger Freiheit. Es hatte ihn auch nicht verlassen, als er beim Abstieg aus dem Riß rutschte und drei Meter tiefer auf dem Waldboden aufschlug.

Der Vater blickte auf den schwarzen, im Dunkel flüsternden Rosenberg, der Großvater auf das geöffnete Fenster unter dem Dach, wo Pepík schlief. "Mehr als ein Geburtstag", dachten sie, "der Tag, an dem es allein in die Welt ging."



Winterstein

Trotzig steht er da, einsam emporstrebend aus der Tiefe des Zschands, alles um sich her überragend. Zwar erreicht er nicht die Höhe des Massivs drüben, aber er steht weitab genug, daß er sich nicht vor Mächtigerem bücken muß.

So dachte wohl auch der recke zcum wintersteine, der hier im fünfzehnten Jahrhundert hauste. Die Landesherren und der Städtebund bedrängten ihn. Aber ein allein stehender Mensch ist weniger fest als ein allein stehender Fels. Nachdem man Nachbarn und Freunde gezwungen hatte, dem wilden Gesellen abzuschwören, wurde er gedemütigt und vertrieben.

Sand und Steine in Massen hat der Felsen abgeworfen, als er sich vom Massiv löste. Wasser und Wind haben das meiste davon mitgenommen. Eine mächtige Halde ist übriggeblieben und ein Blocksaum am Fuß des Felsens.

Beides überwindend erreicht man den Zugang der Höhle. Sie war ein Teil der Unterburg. Steinbänke sind hier aus jener alten Zeit und eine Feuerstelle aus neuer. Und natürlich die Leiter zu dem Band. Ohne sie wäre es nur Bergsteigern möglich, hinauf und in die Kluft zu gelangen, die zum Gipfel führt. Nach dem vorerst letzten deutschen Kriege waren die Steiganlagen verrottet und entfernt, und die Kletterer fanden siebzehn Wege, die alle den sächsischen Regeln entsprachen. Dann stellten eifrige Wanderer eine hölzerne Leiter auf. Das Band blieb frei. Heute ist alles aus Edelstahl. Zappelige, atemlose, kreischende Touristen schützt ein Fangkorb.

Ich steige hinauf. Es ist ein milder Sommerabend. Die wimmelnden Fremden hasten schon auf ihren Heimwegen.

Im oberen Teil der Leiter muß ich mich wie gewöhnlich flach auf sie legen. Der Rucksack schabt am Stein. Ich tappe durch die Kluft und halte mich dann rechts. Da ist der Riß. Ich muß den Rucksack abnehmen. Schließlich tauche ich auf das Plateau.

Oben sitzt einer, der so alt ist wie ich, und beobachtet mich. Ich nicke ihm zu und sehe mich in der Landschaft um, wie ich es gewohnt bin. Der Mann sagt:

"Komm her! Heute ist hier der beste Platz." Ich setze mich neben ihn und lasse wie er die Beine in einen Riß baumeln.

"Rotwein?" Er gießt den Rest aus seiner Flasche in meinen Becher. "Oft hier oben?"

"Früher. Jetzt nicht mehr. Zuviel Leute."

Er grinst.

"Abends geht's. Mußt nur sehen, daß de runterkommst, eh's dunkel wird. Sonst kannste dir de Knochen brechen."

Da hinten geht eine rotgelbe Sonne unter. Die Kette der Schrammsteine schwimmt wie dunkler Dunst in hellerem. Ich grabe aus meinem Rucksack die Flasche und schenke nun ihm ein. Er kostet.

"Na", sagt er, "auch aus'm Karton?"

"Für unterwegs ist er gut. Nicht zu süß, und man braucht nicht zu sparen. Außerdem ist er schön voll Luft durchs Schütteln. Zu Hause kriegt man das nicht hin."

Er schweigt eine Weile, als wäre er gerührt, daß ihm ein anderer seine Gedanken vorspricht. Die Sonne ist kaum noch zu sehen. Laue Luft beginnt, über den Felsen zu streichen.

"Nur einmal bisher habe ich unten gestanden und bin nicht hochgestiegen, an einem Abend zehn Tage vor Weihnachten. Der Schnee lag mehr als knöcheltief. Bis in die Höhle bin ich gekommen. Die alte Holzleiter stand noch drin. Das Band glänzte im Dunkel, schwarz, vereist. Eine Freundin war mit dabei. Die einzige in meinem Leben, der ich eine von meinen Stellen zeigen wollte. Sie hatte sich für die Tour nur mühevoll losmachen können. Wir sahen hinauf. Bei aller Unvernunft. Es ging nicht.

Unten auf der Zeughausstraße kam dann ein Taxi. Stell dir vor: Winter, Abend, diese Gegend, ein Taxi! Wahrscheinlich hatte es jemanden ins Ferienheim gebracht.

Wir fuhren zurück. Die ganze Zeit überlegte ich, ob mein Geld reichen würde.

Letzten Endes war aber alles ein Glück für uns. Ich hatte mich mit der Zeit völlig vertan. Ohne Eis und Taxi wären wir viel zu spät zurückgekommen."

Er schweigt eine Weile. Dann trinkt er langsam den Wein aus, so, wie ich es auch gern tue: Er füllt sich den Mund und wartet lange, ehe er schluckt. Dann spricht er mit langen Pausen:

"Wir waren nur kurz zusammen ...

... nicht mal einen Monat ...

... ich war neu, ganz neu und anders ...

... und habe ihr nie danken können."

Die Dämmerung wird zu tief. Wir steigen zurück.

"Willste übers Massiv oder zum Beuthenfall?"

Wir gehen nach Schmilka und sprechen miteinander nur noch die wenigen Worte, die der Weg notwendig macht.



Der Rachel

Drei Juwelen besitzt der Rachel: einen Smaragden, einen Rubin und einen Aquamarin. Kleinode, die er nicht im Tresor verborgen hat, weil sie niemand davontragen kann, und weil er sie, die Insignien seines Standes, nicht ablegen kann. Frei und offen strahlen sie jedem entgegen, kaum zu schützen vor Schmutz und Schändung.

Der See ist der Smaragd. Umgeben von steilen Hängen, die beinahe genauso senkrecht aufstreben wie die Fichten, die auf ihnen wachsen. Schweben die Wolken tief, ändert er seine Farbe, wird milchig, fast weiß. Alles scheint flacher zu werden: das Wasser, die Landschaft, das Licht. Im Herbst schmücken rote Vogelbeeren und buntes Laub seine Ufer.

Am besten, man ist morgens hier. Stille lebt ringsum. Die Insekten fliegen noch nicht. Die Vögel warten, daß der Tau auf ihrem Gefieder trocknet. Aber der Wald reckt sich schon ein wenig. Es knackt da und dort. Manchmal raschelt es auch.

Die Fläche des Sees ist unbewegt. Nicht, daß sie schwer lasten würde. Sie schwebt über dem Grund und atmet kaum. Der Hang gegenüber verdämmert im Dunst. Es ist kühl und feucht.

Dann tönen irgendwoher Stimmen. Ich fliehe den Berg hinauf.

In halber Höhe steht die Kapelle auf einem Felsvorsprung. Ganz aus Holz ist sie gebaut. An einer Seitenwand entlang kann man nach vorn gehen. Unten liegt still der smaragdene See. Noch immer verhängt Dunst die weitere Sicht. Die Tür der Gotteskate ist mit einem hölzernen Riegel mehr festgehalten als versperrt. Innen schimmert das blanke Holze, bedeckt von der Erinnerung an die Hände, die es berührten und bearbeiteten. Schrifttafeln sind da. Eine berichtet von Johann Lentner, dem Herrgottsschnitzer. Heilige Augen blicken hernieder. Eine Glocke im Gebälk kann rufen, wenn es nötig ist.

Rubinrot warm wird die Seele eingehüllt von der Andacht der Erbauer und der Beter dieser Hütte Gottes. Hocken möchte man hier, wenn Wetter und Jahreszeit den Grellen aus der Welt der Plakate mit ihren lauten Stimmen und verschleierten Zuschauerblicken den Weg hierher verleidet haben.

Heute steige ich weiter aufwärts.

Über den Gipfelklippen reckt sich hochauf das Kreuz. An feierlichen Tagen hebt ein tiefblauer Himmel das schwarzbraune Holz hervor aus dem unendlichen Raume und der Christus leuchtet silbrig, verkündend seine eindringliche Botschaft. In grauen Alltagen steht es mahnend, herausgehoben auf dem Berg, Sinnbild der Beständigkeit eines Glaubens.

Bei gutem Wetter krauchen unzählige Menschen vom überfüllten Parkplatz her die markierten Wege den Berg herauf. Zirkusbunt sind sie gekleidet in Sachen, die einem Regenguß oder einem stärkeren Wind nicht standhalten würden. Ihre Schuhe klagen noch mehr als die darinsteckenden Füße über die Beschwerlichkeiten des Weges. Laut und aufdringlich fegen ihre leeren Worte durch die Luft. Dann wimmeln sie um IHN herum. Selbst diejenigen, die sonst in Kirchen ein Kreuz zu schlagen pflegen, halten es hier nicht für nötig, hier, vor einem Altare, der nicht nur Heil und Triumph verkündet, der nicht nur erinnert an die Liebe zum Nächsten, sondern der auch die Verantwortung des Menschen für die Schöpfung beschwört. Man schwatzt, hoppelt über die Felsen und eigentlich langweilt man sich. Die Landschaft wird nicht betrachtet und das Kreuz nicht beachtet, es sei denn, jemand zückt seine Kamera zu einem Gruppenbild mit dem Herrgott.

Ein Frommer hockt am Fuße des Kreuzes bei Nebel und allein. Unauffällig. Er hebt sich kaum vom Stein ab. Die weiten Landschaften des Gebirges sind verborgen, aber er spürt sie. Ob er gläubig ist oder nicht: Andacht erfüllt ihn. Kraftvoll und standhaft leuchtet der Aquamarin im Dunst. Ruhig und sicher steigt der Wanderer wieder ins Tiefland hinab.

Drei Juwelen trägt stolz und bekümmert der Rachel.



Alle Rechte vorbehalten.
© Herbert Helbig, Dresden 1998

Unglücklicherweise habe ich verschiedentlich Striche und Häkchen an Buchstaben in den tschechischen Worten nicht anbringen können. Ich versichere, daß dies nicht aus Arroganz geschehen ist, und bitte meine tschechischen Leser um Entschuldigung.

Ich wünsche mir Kritiken und Fragen an die Anschrift:

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