Herbert Helbig
Wandrerflausen

- Landschaft -

Zweifelhafte Erzählungen und verworrene Gedanken eines
sächsischen Fußgängers

Alle Rechte vorbehalten.
© Herbert Helbig, Dresden 1998

Inhaltsverzeichnis Titelblatt Cibules Familienseite Impressum

Abend auf der Goldsteinaussicht

Stille

Klang der Landschaft

Leutascher Ache

Wegweisen

Wegenetz

Das Saugartenmoor

Impressum


Abend auf der Goldsteinaussicht

Endlich habe ich das letzte und beschwerlichste Stück hinter mir, bin oben auf dem Massiv und tappe über den Waldboden vor zur Aussicht. Das gehört zu meiner Ordnung auf dem Heimweg aus dem Großen Zschand: Den steilen Roßsteig geht es mit den letzten Kräften hinauf, ein bißchen hilft das Bier aus dem Zeughaus mit, und dann muß die Ruhepause auf der Goldsteinaussicht sein.

Abends ist niemand hier. Die einen streben nach Schmilka zum Zug und haben es eilig, wie ich manchmal. Sie laufen vorbei, wie ich trotz allem niemals. Die anderen hasten in ihr Urlaubsquartier. Sie ängstigen sich in der Dämmerung. Nichts zieht sie her.

Ich setze mich auf den bequemen Stein, der gerade die richtige Höhe hat, daß die Beine verschnaufen können, und einen Absatz, auf dem der Rucksack steht. Ich brauche mich nicht aus den Riemen zu winden, hole tief Luft nach den Mühen des Aufstieges und sehe hin.

Da ist gar nichts. Eine ergrauende Landschaft ohne diese schroff verzerrten Formen, die die Weithergekommenen an diesem Gebirge reizen. Unten ruht schwer das Tal, der Zschand, bis oben mit Fichten gefüllt. Im zerstreuten Licht mischt das Auge Baum und Stein. Dieser Fleck ist die Sommerwand und jene Spitze kein Wipfel, sondern ein Felsen am Klingermassiv. Doch ich will mich nicht auskennen, schwebend in diesem Raume bis zur Grenze von Himmel und Erde. Die Basaltkuppen da hinten im Böhmischen, sie sind da, ich muß sie nicht sehen.

Heute klirren keine Karabiner der Kletterer vom Goldstein herüber. Nachmittags hatte es geregnet, und es ist mitten in der Woche. Das Laub am Boden liegt still. Die Vögel sind schlafen geflogen.

Lautlosigkeit legt einen Reifen um das Gehirn. Es schmerzt. Die grauen Flächen bedrängen mich. Sie zerlaufen in der Dämmerung wie in der Zeit. Fahles Licht, auf dem ich gleite, in dem ich mich auflöse und Teil von ihnen werde.

Durch das Grau fließt Luft und zieht mich zurück auf meinen Sitz. Der Reifen löst sich. Das Bild sinkt in die Dunkelheit.

Niemals werde ich an der Goldsteinaussicht vorbeilaufen. Sie wiederholt sich nicht, wie auch meine Erinnerung wegtreibt. Immer gehe ich anders von ihr, als ich kam.



Stille

Über allen Gipfeln
Ist Ruh',
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Goethe, Wandrers Nachtlied

Die Kraft der Geräusche ist meßbar. Die Macht der Stille nicht. Auch der tiefsten Stille wohnt Bewegung inne. Ist der Mensch dahin gelangt, wo er die Stille empfindet, und läßt sich tiefer gleiten, wird die Bewegung stärker.

In Goethes Gedicht nur scheinbar nicht. Mit diesem "kaum" wird Bewegung angedeutet. Da bleibt der Hauch von einem Hauch, der die Tiefe der Stille ausmacht. Nicht, daß etwa die Blätter raschelten. Aber ein wenig bewegen sie sich. So, als ob sie zeigen müßten: sie leben, sie nehmen teil an der Stille.

Die Vögelein schweigen. Der Stadtmensch Becher hat geschrieben, daß damit "die Ruhe wiederholt wird, immer ruhiger, die Stille immer stiller wird". Er irrt. Sicher wird die Stille immer stiller, aber nicht dadurch, daß die Ruhe ruhiger wird. Goethe erinnert an die Vögelein. Da ist genügend Bewegung von ihnen zu hören. Das Rascheln eines Blattes am Boden. Der Luftstoß eines Flügelschlages. Das Knistern eines entlasteten Zweiges.

Ein Nachtlied. Am Ende ruht der Wandrer in der Natur und löst sich in ihr auf. Auflösung ohne Bewegung aber ist unmöglich.

Und ein stiller Wald ist voller Bewegung. Ihr Geräusch ist ganz leise, oft nur zu spüren, nicht zu hören. Selbst der Tanz der Moleküle in der Luft gehört zum Atem der Natur.

Es ist ein Nachtlied.

Tagsüber johlen die Touristen über die Gipfel, Flugzeuge dröhnen, der Wind saust durch die Bäume oder der Regen klatscht oder das Licht der Sonnenglut rauscht im Laub. Die Vögelein schweigen nicht. Sie lärmen, tauschen Signale, pfeifen aufdringlich nach den Weibern oder pladdern nur einfach so vor sich hin. In der Ferne randaliert die Technik.

Die Nachschlagewerke tun sich schwer mit der Bestimmung dessen, was Stille und was Ruhe ist. Aus den großen Deutschen Wörterbüchern liest man kaum einen Unterschied zwischen beiden Begriffen heraus. Nur in den übertragenen Anwendungen. Aber gerade das hätte doch die Autoren anspornen müssen, auch beim Grundbegriff genauer zu sein. Sie haben es versäumt oder nicht gekonnt. Es verblüfft dann um so mehr, daß in dem kleinen Bedeutungswörterbuch des DUDEN der feine Goethesche Unterschied voll erfaßt wird: Ruhe ist das Aufhören der Bewegung, der Stillstand, und Stille ist ein Zustand, bei dem kaum ein Laut zu hören ist.

Wenn den Menschen die Schwingungen des Ganzen durchdringen und er ihnen antwortet, dann ist Stille. Die Geräte des Physikers mögen etwas anderes anzeigen: Kirchenglocken, das ferne Fauchen eines Autos, das Brummen eines Flugzeuges.

Ein jeder hat seine eigene Stille.

Der alte Weise hockt inmitten wimmelnder Menschen, eine gläserne Glocke aus Gedanken über sich gestülpt.

Der Junge schläft, eingepackt in dröhnende Lautsprechermusik.

Der Nervöse schrickt selbst bei kleinen hörbaren Geräuschen zusammen.

Die Hausfrau sitzt mit einer Tasse Milchkaffee in der Küche neben dem summenden Kühlschrank und lauscht dem Knacken der Heizung.

Die Katze liegt mit geschlossenen Augen im Lüftungsloch einer Backstube, umgeben vom Tumult der Straße. Sie hat eine Seele und empfindet Stille. Mancher streitet das ab.

Der Wanderer ruht auf dem Stamm der windgefällten Buche und lehnt den Rücken gegen einen Ast. Die Geräusche seiner Schritte und das Knarren des Rucksackes haben ihn den ganzen Tag begleitet und sind nun verstummt. Die Vögelein schweigen im Walde. Der Abend dämmert in die Nacht hinein.

Jeder hat seine Stille.



Klang der Landschaft

Jemand sagt, ein Gebirge wäre mannigfaltiger und ihm deshalb als Urlaubsgegend angenehmer als ein Strand. Er braucht die Unruhe der Bilder beim Drehen des Kopfes, nicht ihren Inhalt. Ein anderer fährt lieber an die See als in die Berge, weil er gern faul herumhängt, und Sonne, Sand und schiere Weiber ihm genügen.

Es gibt Menschen, die sind musikalisch. Jeder Ton findet in ihrer Seele Widerhall.

Andere ergeben sich in der Stumpfheit ihrer Sinne den dumpfen Druckstößen entarteter Rhythmen aus hochgetürmter Elektronik, dem belanglosen Gefasel grinsender Schönlinge, diesem und jenem aus der Hochglanzwerbung.

In gleicher Weise verhalten sich die Menschen zu den Landschaften, einerlei, ob es Berge sind oder Ebenen, Strände oder Ströme. Die einen nehmen auf, die anderen verbrauchen.

Niemand soll sagen dürfen, ich würde hier unzulässig werben oder etwas unberechtigt vergessen. Deshalb werde ich keineswegs aufzählen, wo die Leute hinfahren und wohin nicht. Aber ein Gegenbeispiel will ich versuchen: den Klang der Landschaft unter dem Kipphorn. Ich verrate nicht, wo das ist. Denn es bestände die Gefahr, daß einige mehr hier auftauchen, die eine genormte Kulisse eigentlich besser befriedigt. Es wird nichts zu hören sein. Aber auch die Noten eines Musikers sind stumm. Nur dem erschließen sie sich, der sie zu lesen oder zu spielen versteht oder - ein seltener Fall - jemanden kennt, der sie ihm wahrhaftig ertönen läßt.

Ganz links will ich beginnen: Durch den Dunst dämmert eine Flanke vom Rosenberg, der Rest ist durch Wipfel verdeckt. Ruzová, Janov und Labská strán ducken sich auf die Ebenheit. Unten strömt die Elbe vorbei an Dolní zleb, an den Dalben einer Anlegestelle bei Hrensko und an der Gelobtbachmühle. Jenseits des Flusses ruhen schwer auf dem Land der Snêzník, der Große und der Kleine Zschirnstein. Die Häuser von Schöna und Reinhardtsdorf drängen sich zwischen Zirkelstein, Kaiserkrone und Wolfsberg. Dahinter in der Ferne schwimmen der Müllerstein und der Lampertstein. Davor lagert die Bande der linkselbischen Steine: Laasensteine und Kohlbornstein, Pfaffenstein, Gohrisch und Papststein - am Papststein sieht man immer noch die helle Narbe vom Felssturz - Kleinhennersdorfer Stein mit Kleinhennersdorf, der Königstein mit seiner Festung, Kleiner Bärenstein und Großer und der Rauenstein. Der Lilienstein, höher als alle, wuchtig und von der Elbe umflossen, herrscht über sie. Krippen, Bad Schandau, Postelwitz hocken im Tal, Weißig, Rathmannsdorf und Ostrau auf den Ebenheiten. Ganz rechts zieht sich die Schrammsteinkette hin.

Und dazwischen vieles, was eben eine Landschaft ausmacht: Wälder, Wiesen und Wege, Häuser, Hügel und Hänge, Färbungen, Felsen, Steinbrüche und der Fluß mit Fähren und Brücken.

Weiter unten jault manchmal eine Motorsäge, Vögel singen, still und langsam gleiten zwei Lastkähne stromauf. Gelegentlich brummt in scharfem Fluge eine Hummel vorbei. Die ist das scheinbar lauteste Geräusch, das selbst das Rollen des Zuges im Tal übertönt. An der Motorsäge bricht ein Baum nieder. Die Säge tönt weiter. Eine zweite mischt sich ein. Bald wird es wieder brechen.

Ein Grünfink hüpft rechts durch die Eberesche. Dann kommt er auf mich zu, wird aber mißtrauisch und fliegt weg.

Nun ist auch der zweite Lastkahn hinter den Bäumen im Tal verschwunden. Beide kamen stromauf, deshalb werden wohl die Schiffsführer nicht wegen Rauschgift, Schnaps, Zigaretten und heimlichen Fahrgästen bangen. Geschmuggelt wird in anderer Richtung.

An einem Schönwettertag in der Woche kommen höchstens zwanzig Leute hier herauf. Die Hälfte von ihnen bleibt nur die wenigen Minuten, die sie braucht, um das Häkchen im Verzeichnis zu machen und das Belegfoto anzufertigen. An guten Wochenenden kommen mehr, und ein größerer Teil bleibt länger.

Die Stille wird gefährlich. Draußen beginnt es zu flüstern und zu rufen. Ich verliere die Verbindung zum Felsen, auf dem ich sitze, zu den Bäumen, die ringsum leise rauschen, zu den Orten, wo ich herkomme und zu den Menschen, mit denen ich lebe.

Aber eine Landschaft hält gewöhnlich die Gebote. So wird der Bann von mir genommen, ehe es zu spät ist. Die Erinnerung bleibt.

Sela.



Leutascher Ache

Wenn der Gaisbach die Tillfußalm erreicht hat, nennt man ihn die Leutascher Ache. Ihre Wasser stammen von rechts aus der Mieminger Kette und von links aus dem Wettersteingebirge. Der Igelseebach, der Schwarzbach, der Kotbach, der Salzbach, der Klammbach und viele kleinere Bäche und Quellen fließen ihr zu. Hat sie sich dann schließlich durch die Talenge am Kalvarienberg gewunden, rauscht sie stattlich durch Oberleutasch dahin. Grünmilchig schimmert sie vom mitgeführten Kalkschlamm aus den Felsregionen nach einem Regen. Ist das Wetter trocken, wird sie allmählich klarer. Auch die Wasser aus den Mooren sind klar, aber ein wenig braun, und halten sich eine Weile getrennt von den anderen. Am Ausgang des Tales drückt sie sich dann durch die Leutaschklamm, um bei Mittenwald die Isar zu erreichen.

Ihr Bett ist gefüllt mit kalkigem Geröll. Das scheint ihr zu gefallen. Dazwischen liegen ein paar große Brocken. An den scharfkantigen schäumt sie spielerisch vorbei, über die runden streicht sie leicht hinweg. Die Stufen rauscht sie hinunter. An einigen Stellen haben die Menschen versucht, ihr mit Deichen Grenzen zu setzen. Jetzt im Sommer stört sie das nicht. Auch wenn es stark regnet, bleibt sie zwanglos in ihren Grenzen.

Der Städter aus dem Tiefland hält sie zunächst für schmutzig: Das Wasser trüb, die Ufer unaufgeräumt. Wenn er die Trübe sieht, denkt er an die vielzitierten "häuslichen Abwässer" mit Spülicht und Waschmitteln. Die verwilderten Ufer mit den großen Pestwurzblättern über dem Geröll verbindet er mit angeschwemmtem Unrat: leeren Bierdosen, Plastflaschen und allerlei anderen Abfällen.

Dann sieht er genauer hin und gesteht: die Trübe ist reines, unverfälschtes Naturprodukt und die Ufer blieben ganz ohne menschliche Zugaben. Trotzdem zögert er, sich auf eine der Bänke zu setzen, die der Tourismusverband aufgestellt hat, weil sein städtischer Instinkt auch nach der vernünftigen Erkenntnis noch immer den Gestank menschlicher Absonderungen fürchtet.

Er setzt sich dann aber doch. Vor sich hat er die Hänge und Schrofen des Wettersteingebirges, unten dunkelgrün vom Wald, darüber hellgrün die Matten und noch weiter oben in hellem Grau der blanke Fels mit weißen Schneeresten in Rinnen und Löchern, mit großflächigen braunen Einlagen und den schwarzen Flecken der Wasseraustritte.

Im Rauschen des Flusses glätten sich seine Gedanken. Sie schreiten dahin, geordnet in natürlichem Gang. Nur wenige zucken noch jäh auf wie eine springende Forelle.

Die Höhen locken ihn. Er weiß um den gelösten Frieden da oben, wenn nicht die Mühen und Gefahren schlechten Wetters und fehlenden Proviants drohen. Er kennt die weiten Blicke hoch über allen bedrückenden Kleinigkeiten des Alltagslebens. Er spürte den frischen und befreienden Wind.

Er hat aber auch die Mühen der Aufstiege und die oft noch größeren Anstrengungen der Abstiege erfahren. So schwankt er zwischen Sehnsucht und Bequemlichkeit. Er ist noch nicht gar zu alt, und das Bergweh ist noch immer stärker als die Furcht. Irgendwann einmal wird ihn oben das schlechte Wetter überraschen (oder ist er absichtlich hineingelaufen?). Er wird den Genuß des Sieges kennenlernen oder die weise Ruhe einer überwundenen Niederlage. Oder es wird nichts von seinen letzten Gedanken bleiben als die Eintragung in ein Gipfelbuch: "Plötzlicher Schneefall."

Grünmilchig rauscht die Ache dahin und nimmt behutsam auf, was die Menschen an ihren Ufern empfinden. Sie fließt. So wiederholt sich ihr nichts, auch wenn es jahrhundertelang immer wieder gedacht worden ist.



Wegweisen

Wegweisen ist eine Kunst. Eine lange Erfahrung des Gewiesenwordenseins gehört dazu, Weisheit und Charakter, die dem Anderen Schwächen und Fahrigkeit zugestehen. Wegweisen macht verantwortlich für die Leiden Irregehender.

In Zeiten, als es nur wenige Wege gab, genügte eine Kerbe in der Rinde eines Baumes, um den Wanderer wissen zu lassen, daß er sich nicht auf einem Wildwechsel befand. An den seltenen Kreuzungen zog man die Himmelsrichtung zu Rate. Jeder wußte, wo die Sonne auf- und wo sie unterging. In den Siedlungen konnte man einander fragen, denn der Fremde war noch nicht Ziel von Spott und Haß, und er schirmte sich nicht mit Glas und Blech von den anderen ab.

Als die Zahl der Straßen und Wege zunahm, mußten sie gekennzeichnet und benannt werden. Besonders notwendig war das in den unübersichtlichen Wäldern des Tieflandes. Wegzeichenschneider versahen die Bäume mit ihren seltsamen Sigeln. Die Menschen leiteten daraus bildhafte Namen ab.

Dann kamen Postmeilensäulen und Schilder auf. Damit wurde eine Grenze überschritten: Die Reisenden mußten lesen können.

Heute steht der Mensch wieder an einer Grenze, die er aber wohl nicht überschreiten kann: Die Zeit, die er braucht, um ein Wort zu lesen, aufzunehmen und zu verarbeiten. Die Schilder und ihre Schrift werden groß. Das in den Irrgärten der Autobahnabzweigungen dahinrasende Wesen muß sie früh genug lesen können, damit ihm ausreichend Sekunden bleiben für die Entscheidung, was es tun will, wenn es sie erreicht hat.

Der Wanderer, der noch nicht verdorben ist von der zerstörerischen Hast moderner Fortbewegung, kann still vor einem Pfahl stehen, bedachtsam die Schilder lesen und sein Gedächtnis und die Karte zu Rate ziehen, kann in Ruhe die Markierungen betrachten und seinen Weg wählen. Ist er geübt, wird er nicht irren.

Es sei denn, einer von Hastigen hat die Schilder angebracht; ohne Verstand für die Feinheiten des Geländes, wo rechts nicht einfach rechts ist und links nicht links, sondern beides eine Vielfalt von Richtungen; ohne zu bedenken, daß es gar nicht gleichgültig ist, woher man kommt, wenn man die Markierung erkennen und richtig deuten soll; ohne zu fühlen, daß für den Wanderer ein kilometerlanger Umweg auch ein stundenlanger ist und unter außergewöhnlichen Umständen der Tod.

Wegweisen ist eine Kunst. Und es ist wie bei jeder Kunst: Die Künstler beherrschen sie, den anderen kann sie nicht gelehrt werden.



Wegenetz

Wege haben ein zähes Leben. Gebirge lenken seit jeher die Schritte des Menschen in Täler und Schluchten, auf Sättel und Pässe. In den Niederungen bestimmen Sümpfe, Flußläufe und Furten den Verlauf von Weg und Steg. Auch heute, wo die Technik mit der rohen Gewalt ihrer Tunnel, Brücken und Einschnitte der Natur gerade Linien aufzuzwingen versucht, werden alte Verbindungen noch erkannt und verwendet. Selbst in den von Bauleuten und Bomben umgewühlten Städten bleiben Straßenführungen über Jahrhunderte erhalten.

Auf diese Weise wurde die Dresdner Heide ein von Wegen zerfurchter Wald. Immer wieder neue Verbindungen zwischen Siedlungen wurden geschaffen, neue Steige für die Jagd, neue Pfade für die Waldarbeiter, neue Abfuhrmöglichkeiten für das Holz. Sogar zur Gliederung und Verwaltung des Bestandes schlug man Schneisen und Flügel. Aber immer blieben dort, wo der Wald erhalten blieb, auch die alten Linien bestehen. Wenige nur verwuchsen. Lediglich ein paar hundert Meter wurden bewußt überpflanzt.

Der älteste Weg in der Heide ist der Rennsteig, mit dem Diebssteig als Nebenarm. Seit der Steinzeit wird er benutzt. Die alten Germanen kannten ihn und verloren auf ihm manches, was heutzutage wiedergefunden wurde und ihre Anwesenheit in der grauen Vergangenheit bestätigt. Dann war er Teil einer alten Salzstraße aus der Hallenser Gegend ins Böhmische, die klüglich die Niederungen mit ihren Städtegerechtsamen, schlammigen Straßen und Wegelagerern vermied.

Später, im Mittelalter, entstand eine neue Verkehrsader: der Bischofsweg. Er verband den Bischofssitz Meißen mit der bischöflichen Burg Stolpen und umging sorgfältig das Weichbild des markgräflichen Dresden. Im Jahre 1559 heimste Vater August, der Kurfürst, Stolpen ein. Mutter Anna, seine Frau, begann im Seigerturm ihre Lehrküche für Bäuerinnen zu betreiben, mit ihrem dänischen Verstand für wohlfeile und wohlzubereitete Speisen. Aber der Bischofsweg blieb.

Über die vielen kleineren Verbindungen, die sich die Menschen damals in der Heide schon geschaffen hatten, wurde ein Spinnennetz gespannt: die Stellflügel und Treiberwege des Dresdner Saugartens, den Vater August hatte anlegen lassen. Strahlenförmig gingen von der Helle die heute noch begehbaren Flügel aus, die verbunden wurden durch die konzentrischen Kreise der Treiberwege. Es scheint das Spielwerk eines Mathematikers zu sein: ein Polarkoordinatensystem. Mit Ziffern an den Achsen und Kreisen, nicht mehr mit den alten geheimnisvollen und verworren deutbaren Wegzeichen.

Dreihundert Jahre später versuchte sich ein anderer nochmals auf die mathematische Art: Cotta. Der nun nahm ein kartesisches System mit Buchstaben für die Flügel und Ziffern für die Schneisen.

Dazwischen geschah vielerlei: Die Schweden drangsalierten die Heidedörfer im Dreißigjährigen, die Preußen schossen tausende Stück Wild im Siebenjährigen Krieg. Die Kurfürsten wurden Könige und wieder Kurfürsten und wieder Könige und wieder Kurfürsten und wieder Könige. Und der Moritzburg-Pillnitzer Weg wurde gebaut zwischen dem Jagdschloß und der Sommerresidenz, eine frühe Umgehungsstraße um das zeitraubende Dresden herum.

Heutzutage sieht nun die Karte der Heide aus wie ein Schnittmusterbogen, dessen Linien zu den Teilen der Kleidungsstücke gehören wie die Steige, Wege und Straßen zu den Ständen der Epochen. In einem Netz von Verbindungen hat der Mensch den Wald gefangen und sich dienstbar gemacht.



Das Saugartenmoor

Medienmordkrimiwirksam ist das Saugartenmoor in der Dresdner Heide beileibe nicht. Wenn ich den Wissenschaftlern glauben würde, müßte ich sogar sagen, daß es gar kein echtes Moor ist. Zwar befindet es sich auf dem besten Wege dahin, eines zu werden - immerhin steht es seit fünfundzwanzig Jahren unter Naturschutz - aber sein Ziel hat es noch lange nicht erreicht.

Einer seiner Freunde wollte alles genau wissen und hat es ausgemessen. Dann schrieb er: "Dieses Moor hat eine Größe von 75 m x 60 m und eine Tiefe von maximal 2,85 m." Na also, kein halber Hektar. Und auch der Klumpen Trinitrotoluol, dessen Sprengkraft einer Hiroshima-Bombe entspräche, fände nicht genügend Raum in ihm.

Von solch menschlichen Dingen weiß es trotz langen Lebens und vielfältiger Erlebnisse glücklich nichts. Es stammt aus einer Mulde, die sich in der Eiszeit gebildet hat, besitzt ein weiches Bett aus Sand, und gut mit Bäumen getarnte Wälle aus hohen Dünen schützen es. Seit vierhundert Jahren hat es sich durch alle Trockenlegungen in der Heide durchmogeln können. Auf den alten Plänen heißt es noch "Saugartenteich". Nun will es etwas Feineres werden. Zu einem Flachmoor wird es wohl fürs erste reichen.

"Moor" nennen es auch schon die neuesten Karten. Interessierte Fremde suchen gelegentlich nach ihm und finden es meist nicht, obwohl es tatsächlich dort liegt, wo es eingezeichnet ist: nahe am Mittelpunkt der Heide im Geviert zwischen der Alten Acht, der Alten Eins, dem Topfweg und der Schneise 12. Diese schnippische junge Schneise ist erst hundertsechzig Jahre alt. Aber die anderen sind alles altehrwürdige Wege aus den Hohen Zeiten Sachsens, als im Saugarten wirklich noch wilde Sauen als Vorrat für die kurfürstlichen und königlichen Treibjagden gehalten wurden. Am Herrenhause, das der Zwingerbaumeister Pöppelmann errichtet hatte, trafen sich acht numerierte Wege. Vom Hause liegen nur noch Dielensteine da, aber die Wege hatten Bestand. Ein Gedenkstein steht am Kreuzungspunkt, eine Schutzhütte und ein Wald aus Buchen, der den Boden knöchelhoch mit Laub bedeckt. So findet der Ungeübte im Gewirr der Spuren wohl die Alten Eins, Drei, Vier und Fünf, die heutzutage oft begangen sind, aber die Acht übersieht er gewöhnlich.

Ich biege lässig in sie ein, damit niemand vermuten kann, daß ich vor Jahren an dieser Stelle mürrisch mit Karte und Kompaß hantiert habe. Der Weg ist bald deutlicher sichtbar, von dort an nämlich, wo er die Buchen hinter sich läßt und zwischen Kiefern verläuft. Er steigt ein wenig an, fällt dann wieder ab, bleibt aber immer oben auf der uralteiszeitlichen Düne, die ich einst für einen Damm hielt. Hat der Fremde einen schlechten Tag erwischt und sinniert über den gefallenen DAX, so läuft er fünfzehn Meter am Moor vorbei, ohne es zu bemerken. Wenn er die Karte richtig lesen kann, wundert er sich am steilen Abstieg ins Prießnitztal, sonst aber erst auf der Brücke. Ich natürlich sehe es rechts unten zwischen den Bäumen und auch die holzgeschnitzte, verwitterte Tafel am Wege, die weit über Augenhöhe an einen Baum genagelt ist.

Entrindete Stämme bilden ein Geländer und schützen Moor und Menschen voreinander. Ein schmaler Steg führt drei Meter über den Morast, damit der Kundige, mühsam auf Knien rutschend und die Brille gebrauchend, den berühmten Sonnentau sehen kann. Umrahmt von Fichten und Erlen ruht eine schwarze, unbewegte Wasserfläche, in deren Mitte Schilf träumt, falb: nicht gelb, nicht braun, nicht ocker. Vielleicht: weiß, auf das ein brauner Lichtschein fällt. Um das offene Wasser herum wächst der Torf unter grün-braunem Moos, breit gesäumt von heufarbenem Gras. Ein Vogel zirpt scharf. Ich setze mich unter den Farn auf den Rand eines Erdloches, stelle den Rucksack neben mich, hole Schwarzbrot mit Butter heraus, gieße Rotwein in den Blechbecher und denke nach.

Warum eigentlich? Noch immer scheint der Tod geheimnisvoller als das Leben. Das Moor erinnert an den Tod. Wo aber denkt man an das Leben? Dieses Versäumnis kann tödlich sein, für mich, für alle.


Alle Rechte vorbehalten.
© Herbert Helbig, Dresden 1998

Unglücklicherweise habe ich verschiedentlich Striche und Häkchen an Buchstaben in den tschechischen Worten nicht anbringen können. Ich versichere, daß dies nicht aus Arroganz geschehen ist, und bitte meine tschechischen Leser um Entschuldigung.

Ich wünsche mir Kritiken und Fragen an die Anschrift:

wandrer@cibule.de

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