Herbert Helbig
Wandrerflausen

- Spuk -

Zweifelhafte Erzählungen und verworrene Gedanken eines
sächsischen Fußgängers

Alle Rechte vorbehalten.
© Herbert Helbig, Dresden 1998

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Hochzeitsnacht

Nacht mit Story und Katze

An der Strecke

Die Schloßjungfrau zu Schandau

Daniels Freund

Impressum

Hochzeitsnacht

Tinka und Toddy waren gegen halb vier nachmittags in Horní Tanvald losgegangen, über den Hang des Spicák nach Mariánská Hora gelaufen und stiegen nun den langen Weg zu den Mariánskohorské Boudy hinauf. Die Flocken schwammen schon sanft herab, seit sie sich von dem tschechischen Jäger verabschiedet hatten, dem sie die Schlüssel zur Hütte verdankten. Sie waren gewitzt genug gewesen, gleich die Gamaschen anzulegen und die Ponchos über sich und die Kraxen zu ziehen. Dort wo der Weg nach oben sich von der Forststraße trennt, am Sattel zwischen dem Mariánská Hora und dem Bucina, erreichten sie die Höhe, wo der Schnee auf dem Wege nicht mehr taute. Es war schon dunkel geworden, und sie konnten die neue Weiße gut gebrauchen.

Die Boudy lagen verlassen. Nirgends sahen sie ein Licht. Sie gingen über die Kreuzung und bogen hinter der Hütte der Naturschützer links in den Waldweg ein, der nach Rozmezí führt. Inzwischen reichte ihnen der Schnee schon bis an die Knöchel. Sie hatten sich heiß gearbeitet und an den Innenseiten der Ponchos spürten sie gefrorenes Wasser.

"Es ist nicht mehr weit", sagte Toddy, "wir sind auch richtig. Aber hart wird's schon noch. Der Weg bleibt schlecht."

Es war ein beschwerliches Gehen über den zerfahrenen, meist noch ungefrorenen schlammigen Grund, dessen Tücken man unter dem Schnee in dem kalkmilchigen Dunkel nicht erkennen konnte. Aber sie brauchten auch für die letzten drei Kilometer nur eine Stunde. Als sie den Schatten der Hütte zwischen den Bäumen erkannten, reichte ihnen der Schnee schon bis an die Waden.

Ihm war es zu mühsam, wegen der Taschenlampe die Kraxe unter dem Poncho abzunehmen. Er tastete nach dem Vorhängeschloß und fand es, und auch das Türschloß konnte er im Dunkel öffnen. Sie traten hinein in den Geruch aus Holz und Teer, und trotz der Kälte fanden sie es behaglich.

Feuerzeug und Kerze waren das, was er zuerst in den Außentaschen fand. Es wurde Licht, und sie sah sich um. Der Ofen war das Auffälligste. Schwer gemauert stand er in der einen Ecke und nahm ein Viertel des Raumes ein. An seiner langen Seite stand die Bank, vor ihr der Tisch. In der Schmalseite unten, schwarz umrandet, wartete hinter einer gußeisernen Tür die Feueröffnung. Daneben lagen Holzscheite, noch von den vorigen Bewohnern hereingeholt. Dann kam schon die Schwelle.

In der Ecke dem Ofen gegenüber stand eine breite Pritsche, dick belegt mit trockenem Farnkraut. Zwei Fenster spiegelten: gegenüber dem Tisch und an seiner Schmalseite. Von außen lagen Läden davor. Ein paar Wandborde waren da. Auf dem einen neben Gläsern mit Salz, Mehl, Zucker, auch Kerzen und Streichhölzer.

Toddy sagte: "Das wichtigste bei der Erschaffung der Welt waren Erde, Wasser und Feuer. Jetzt erstmal Feuer."

Es dauerte keine Minute, und im Ofen knisterte und knackte es. Tinka saß auf dem einen Ende der Bank, hatte die Hände in den Anoraktaschen verborgen und lauschte der Freude, die in ihr aufbrach.

Toddy zog einen riesigen eisernen Behälter aus einer Höhlung des Ofens, nahm den Deckel ab und ging hinaus. Es freute ihn, daß der Topf ausgegossen worden war und er den neuen Schnee nicht mit vielleicht auch noch rostigem Wasser entheiligen mußte. Nach dem Geräusch fand er die Quelle, füllte das Ungetüm und brachte es mühsam und vorsichtig wieder an seinen angestammten Platz. Dann löste er die Verriegelungen der Fensterläden, nahm den Korb unter der Bank hervor und ging noch dreimal hinaus: zweimal um Holz zu holen und einmal, um die Klappen aufzuschlagen und festzuhängen. Dann verschloß er die Tür endgültig, löste seine Gamaschen und zog die Bergstiefel aus.

Tinka stand auf, sagte: "Nun die Erde", und begann, allerhand Hörnchen, Hähnchen und Rotwein aus ihrer Kraxe zu fingern, während Toddy die Schlafsäcke auf die Pritsche warf und endlich auch die Baudenschuhe erreichen konnte. Die Hütte erwärmte sich. Schließlich saßen die beiden auf der Ofenbank und merkten nach den ersten Bissen und den ersten Schlucken, wie sehr hungrig und durstig sie eigentlich waren.

Auch der schönste Hunger hat einmal ein Ende (der Durst nicht so bald). Hausfraulich-mütterlich räumte Tinka ab. Toddy zerrte den Band Essays von diesem alten Franzosen aus dem Rucksack. Das Buch zeigte alle Spuren von vierzig Wanderungen. Aber es war immer noch nicht ausgelesen, vielleicht deshalb, weil so viele Seiten zwei- und dreimal durchgeackert worden waren. Tinka brachte einen dicken Lederband zum Vorschein. "Mein Tagebuch", nuschelte sie zur Erklärung und begann, drin mit einem Bleistift herumzukritzeln.

Sie saßen geborgen vor Wetter und Zeit. Es war nicht zu hören, nicht zu spüren, wie draußen die Flocken fielen und die Minuten vorüberstrichen.

"Ist es nun ein Anfang oder ein Ende?" fragte sie.

"Ein Anfang ist immer zugleich ein Ende, ein Ende ein Anfang."

"Na gut, Philosoph." Dann: "Wie eine Hochzeitsnacht. Nur, daß die beiden darin gewöhnlich nicht verheiratet sind."

"Die beiden in einer Hochzeitsnacht sind immer verheiratet", berichtigte er sie.

"Aber miteinander", gab sie zu bedenken. Als die Kerze erlosch, war es draußen heller als drinnen, obwohl der Himmel sicher mit dicken Wolken von der Erde getrennt war, denn es schneite noch immer in großen, sanften Flocken. Es war aber kein Anfang und kein Ende, denn es war keine Zeit in der Hütte. Ohne Zeit aber gibt es keinen Anfang und kein Ende.



Nacht mit Story und Katze

Als Kon zum siebzehnten Male in seinem Leben las, wie Nick die eingelegten Aprikosen aus der Tasse schlürfte, nachdem er seinen schweren Packen von der Station über das verbrannte Land bis zu dem Platz über dem Fluß geschleppt hatte, dem erhöhten Platz unter den Kiefern, den er sich zum Lagern auserkoren hatte, klopfte es zaghaft.

Kon schob die Petroleumlampe und das Heft auf dem Tisch zurück, stand von der Ofenbank auf, ging aus dem Zimmer über den kalten, dunklen, steingepflasterten Flur und öffnete die Haustür, bereit, einen Angreifer mit lange geübtem Griff außer Gefecht zu setzen.

Draußen, auf dem Absatz über den Stufen stand schlank und aufrecht inmitten der gemächlich fallenden Flocken eine junge Frau in Wanderkleidung und mit einem erheblichen Rucksack auf dem Rücken. Blonde Locken quollen unter ihrer Kapuze hervor, daß er anfangs dachte, es wäre der Rand eines Pelzfutters. Als sie ihn sah, begann sie tschechisch etwas zu erklären, was er nicht verstand. Für solche Fälle hatte er ein geflügeltes Wort bereit: "Pomaleji, prosím, langsamer bitte, rozumím cesky jen trochu." Entweder kramte das Gegenüber dann seine Deutschkenntnisse aus, oder es begann wirklich, langsamer und deutlich zu sprechen. So verstand Kon jedes dritte Wort. Das reichte gewöhnlich.

Diesmal verstand er "sníh" und "mráz" und "unavená". Der nächste Ort war vier Kilometer und beinahe vierhundert Höhenmeter entfernt. Er trat zur Seite, um die Frau herein zu lassen.

Im Flur noch wischte und schüttelte sie den Schnee von Rucksack und Kleidung, dann trat sie ins Zimmer und zog gleich die Wanderstiefel aus.

"Chcete caj?" fragte er, worauf sie nickte und er von dem immer leicht kochenden Wasser auf der Herdplatte in einem Glas einen Teebeutel aufgoß. Sie holte zwei Hörnchen und ein Stück Käse aus dem Rucksack, setzte sich auf die Ofenbank, zog sein Heft zu sich und blickte lange nachdenklich auf den Titel und die ersten Zeilen der Story. Dann schob sie das Heft weg und begann, an den Hörnchen und dem Käse zu knabbern und von dem heißen Tee zu nippen. Er setzte sich wieder an seinen Platz und las langsam Wort für Wort weiter, wo er aufgehört hatte, als sie klopfte. Er konnte den Text beinahe auswendig, ärgerte sich aber, daß er mit der Übersetzung diesen Kult trieb. Das Original verstand er zwar, aber es blieb ihm fremd.

Als die junge Frau Hörnchen und Käse aufgegessen hatte, holte sie einen Block und Stifte aus ihrem Rucksack und begann zu zeichnen. Forellen, die aus dem Wasser sprangen, Kiefern mit einem Zelt, die verbrannte Stadt Seney mit den Grundmauern des Mansion House Hotels und stehengebliebenen Schornsteinen, die Hemingway gar nicht erwähnt hatte. Ein Männerkopf war auch dabei, ein seltsames Gemisch aus dem Gesicht des Amerikaners, wie man es von Fotos aus seinem Alter kennt, und den Zügen von Kon. Das war wohl Nick. Dann wurden ihre Striche langsamer, unsicher. Sie warf gelegentlich ein Blatt zerknüllt auf den Boden. Ihre Augen starrten angespannt und zornig. Er wußte, womit sie nicht zurecht kam. Es war der Große doppelherzige Strom. Der Amerikaner hatte beinahe siebentausend Worte für ihn gebraucht.

Das Mädchen starrte Kon verzweifelt an. Er schüttelte den Kopf. "Nemozné", sagte er. Aber sie begann wieder. Verworrene Striche, ungegenständlich, ungeordnet. Schließlich gab sie es endgültig auf. "Barvy", sagte sie. Aber auch farbig würde sie es nicht schaffen. "Nemozné", sagte er wieder.

Sie drehte die Flamme der Petroleumlampe klein und legte sich rücklings auf die Ofenbank, den Kopf auf seinen Oberschenkel. Er blickte in ein ernsthaftes, nachdenkliches Gesicht. Dann begann er leicht, über ihren Pullover zu streichen, dort wo sich darunter schwach ihre kleinen Brüste erhoben. Sie atmete schwer.

In der gegenüberliegenden dunklen Ecke des Zimmers erhob sich räkelnd eine Katze, die dort auf einem Packen Kissen geschlafen hatte. Er konnte sich nicht an das Tier erinnern. Im Haus war es nicht gewesen, als er nachmittags gekommen war, und hereingelassen hatte er es auch nicht. Die Katze stakte steifbeinig und vorsichtig quer durch das Zimmer herüber, sprang auf die Ofenbank, rollte sich an seiner freien Seite zusammen und schnurrte tief zufrieden.

Draußen vor dem Fenster fielen noch immer die sanften, großen Flocken. Sie fielen gerade herunter, obwohl ein Wehen zu hören war, als bewege sich das Haus gleichmäßig und irgend etwas fließe schmeichelnd an ihm vorbei.

Er strich weiter über die Brüste der jungen Frau, deren Atem in ein leises Stöhnen überging. Sie lockerte den Bund ihrer Daunenhose, damit ihre Hände freies Spiel bekämen. Schließlich schrie sie fast. Dann legte sie sich still auf die Seite, den Kopf immer noch auf seinem Oberschenkel, und ihm war, als ob nun auch sie schnurrte. Er angelte die Decke vom Stuhl an der Schmalseite des Tisches und hüllte den weichen Körper ein.

Die Katze räkelte sich erneut. Sie tappte vorsichtig über die Decke und kuschelte sich dann in die Kniekehlen der Frau.

Als er fröstelte und erwachte, füllte schneeweißes Licht das Zimmer. Die Katze lag auf der Decke neben ihm. Aber die Frau war fort. Er suchte nach den Spuren von der Nässe an ihren Bergstiefeln und fand nichts. Als er Wasser holen ging, war die Haustür von innen verriegelt. Nur vor dem Feuerloch am Ofen lag ein kleines Stück Zeichenkarton mit einem seltsamen Krakel darauf.

Dann frühstückte er, kraulte die Katze, die er nicht hereingelassen hatte, die jedoch neben ihm saß, und dachte an die verlorene Frau, die immerhin über den Flur in die Stube gegangen war, an die verbrannte Stadt Seney und an das nächtliche Wehen ums Haus. Er war unzufrieden und glücklich.



An der Strecke

Eigentlich war Bartel zeitig genug losgewandert, um noch bei Tageslicht hinunter bis an den Strom und die Bahnstation zu gelangen, aber dann hatte es begonnen zu schneien.

Das beunruhigte ihn anfangs nicht. Er war den Weg schon mehrmals gegangen, der im Tal mit der verlassenen, gleislosen Eisenbahnstrecke meist über die Wiesen führte, ab und zu über einen Steg und an engen Stellen, wo sich der Zug vor vielen Jahren durch Tunnel gezwängt hatte, gelegentlich auch etwas den Hang hinauf. Aber allmählich wurde er dann doch unsicher. Der Pfad verlor sich mehr und mehr unter der Schneedecke und war auf den flachen Wiesen kaum mehr zu erkennen. Das Ziel schien nicht mehr bei Tageslicht erreichbar zu sein, denn Bartel wurde immer langsamer. Mit vier Kilometern in der Stunde hatte er gerechnet auf dem ebenen Gelände. Jetzt schaffte er nur noch drei. Wenn ihm der Schnee dann bis über die Knöchel ginge, würden es wohl gerade mal zwei sein.

Tatsächlich dunkelte es sehr schnell. Er fühlte, daß er keinen Weg mehr unter den Füßen hatte, sondern über die blanke Wiese stapfte und bemühte sich, den Bahndamm zu erreichen. Aber auch der würde keine ausreichende Sicherheit bieten. Die Brücken waren nicht alle mehr begehbar. Bartel rechnete auch damit, daß die Tunnel inzwischen zugemauert waren.

Er fand einen Fahrweg, der quer über die Wiesen zur alten Strecke führte. Am Übergang stand noch das Häuschen des Schrankenwärters. Darin brannte Licht. Irgend jemand hatte das Büdchen wohl billig erworben, und nutzte es als Wanderhütte. Bartel klopfte. Nach einer Weile öffnete sich ruckartig die Tür. Er sah vor sich eine zierliche blonde Frau in anliegenden dunklen Sachen. Sie stand in einer eigenartigen Haltung da, als wolle sie gleich irgendeine asiatische Kampftechnik anwenden.

"Guten Abend", sagte Bartel, "entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich finde den Wanderpfad über die Wiesen nicht mehr. Sagen Sie mir bitte, wo dieser Weg hier hinführt oder wie ich sonst einigermaßen sicher hier weiterkomme!"

Die Frau dachte ein wenig nach und antwortete dann: "Sicher kommst du heute gar nicht mehr aus dem Tal raus. Am besten ist, du bleibst über Nacht hier. Komm rein!" Sie trat zur Seite.

Bartel schüttelte den Schnee vom Poncho, und gleich als er die Schwelle in den Flur überschritten hatte, löste er die Gamaschen und zog die Bergstiefel aus. Dann fitzte er sich aus dem Poncho, setzte den Rucksack ab und hängte Hut und Anorak an einen Haken. Die Frau öffnete die Tür zu einer Stube, von der Bartel als erstes Wärme, eine Bank, einen großen Kachelofen und einen beleuchteten Tisch mit verstreuten Papieren warnahm. Die Frau wies auf ein Ende der Bank, etwas entfernt von den Papieren. Er setzte sich. Aus einem Wandschrank holte sie eine riesig anmutende Steinguttasse von der Art, wie schon eine auf dem Tisch stand. Sie goß heißes Wasser aus dem Topf in der Ofenhöhle hinein, warf einige Stücke Würfelzucker hinterher, rührte sorgfältig und nachdenklich um. Schließlich fügte sie einen mächtigen Schuß einer bräunlichen Flüssigkeit hinzu. Dann stellte sie die Tasse vor Bartel hin, erhob die andere und sagte:

"Verena."

Bartel griff zu der seinen und antwortete: "Bartel."

"Mach dir's bequem." Sie setzte sich zu ihren Papieren, schrieb zwischen langen Denkpausen kurze Sätze oder strich weite Strecken aus.

Bartel holte aus dem Rucksack ein Buch dieses schmalgesichtigen Poeten, dessen Gedichte man lesen mußte, als wären sie Prosa. Sie fingen dann ganz wundersam zu schwingen und zu klingen an, so verführerisch, daß schließlich Tisch und Ofen und das ganze Häuschen mitschwangen und mitklangen.

Aber plötzlich war Stille. Dahinein drang ein rhythmisches Schlagen vermischt mit einem Schnaufen. Schließlich pfiff eine Lokomotive. Erstaunt sah er Verena an.

"Wieso fährt er noch?"

"Seit die Strecke eingeweiht wurde, fährt er schon immer um diese Zeit", antwortete sie, obwohl das gar keine Antwort auf seine Frage war. "Es ist der Abendzug."

"Komm, wir gehen schlafen", sprach sie ihn nach einer Weile an und fügte schnell hinzu: "Keine Angst. Ich bin auch nicht mehr die jüngste."

Als sie still im Bett nebeneinander lagen, kam ein gleichmäßiges Rollen das Tal herunter.

"Der Aufseher mit der Draisine. Er fährt zu seinem Hause an der Hauptstrecke. Besichtigt dabei noch alles. Die letzte Fahrt heute."

Dann schliefen sie ein.

Bartel erwachte in gleisender Helle, stahl sich von Verenas Seite, zog seine Sachen an, nahm den Rucksack auf und machte sich davon. Es schneite nicht mehr. Der Pfad über die Wiesen war deutlich zu erkennen. Als er sich umdrehte, sah er das Schrankenwärterhäuschen weit hinter sich.

An der Bahnstation verwunderte ihn, daß es schon später Nachmittag war. Aber seine Armbanduhr bestätigte ihm die Zeit.

Dann löste er die Fahrkarte und stutzte über das Datum. Aber auch diesmal wurde ihm versichert, daß es richtig sei. Zwischen Anfang und Ende seiner Wanderung hatte es nur für ihn diese Nacht gegeben.



Die Schloßjungfrau zu Schandau

"Nicht alles, was in Büchern steht, ist richtig.

Vermutlich ist sogar das meiste falsch.

Daß ich nur aller fünfhundert Jahre erlöst werden kann, zum Beispiel, stimmt nicht. In solch einem Zeitraum ändern sich die Denkweisen der Menschen derartig, daß die gestellten Bedingungen gar nicht mehr ordentlich wirksam werden. Außerdem gewöhnt man sich an den Zustand und hat keine Lust mehr, ihn zu verändern. Der Herr Meiche hätte dann auch gar nicht von mir berichten können. Die ersten fünfhundert Jahre waren zu seiner Zeit noch nicht vorbei."

Ich schrak auf, klappte das Sagenbuch zu, dachte, daß ich jetzt erst einmal eine Runde schlafen müsse, blickte aber trotzdem vorsichtig neben mich.

Was so gelehrt zu mir sprach, war ein junger Mensch weiblichen Geschlechts, auf den die Bezeichnung Fräulein im alten Sinne des Wortes ausgezeichnet paßte. Sie war fein, bescheiden, den Umständen und dem warmen Frühlingswetter entsprechend angezogen, trug wohlgekämmtes, empfindsam geschnittenes, blondes Haar, hatte eine glatte, nicht zu weiße Haut und vollführte abgewogene Bewegungen.

"Auch die Bemerkung mit dem Goldschatz ist erlogen. Die Überbleibsel hier sind von einer kleinen Fortifikation. Eine Handvoll Reiter sollte den Elbübergang schützen."

Ich fand mich mit der Lage ab und dachte mir, Fragen bringt mich zurück in die Wirklichkeit.

"Aber wieso geistern dann Sie hier herum?"

"Eine gewöhnliche Geschichte. Einer von der Besatzung trieb es manchmal mit unserer Jungmagd in der Scheune. Ich war damals ein dummes, kindliches Ding und sah unbemerkt zu. Erst neugierig, dann leidenschaftlich. Ich hätte mich auch gern beteiligt, wußte aber nicht, wie ich es anstellen sollte. Jedenfalls verliebte ich mich regelrecht in ihn.

Als der recke zcum wintersteine belagert wurde, die Berken sich von ihm losgesagt hatten und er seine Burg an den Städtebund verkaufen mußte, verloren die Reiter hier ihren wichtigsten Rückhalt, denn sie hatten ihm mit Nachrichten zugearbeitet. Weil viele Mägde in der Stadt von ihnen belustigt worden waren, und auch allerlei Räubereien und Drangsalierungen auf ihre Rechnung gingen, stürmten die Schandauer das Fort und brannten es nieder.

Ich wollte mein Idol warnen, fand in die Befestigung hinein, aber nicht wieder heraus und kam im Feuer um. Mein Vater war Kaufmann, angesehen wegen seines Geldes, aber auch angefeindet, weil er aus Böhmen stammte. Er sah sich genötigt, mich zu verfluchen.

Dort", sagte sie und deutete vage auf ein Gebüsch, "handelten ein Schwarz-Roter und ein Weiß-Goldener den Verbleib meiner Seele aus. Der Schwarze war im Nachteil, weil ich aus Liebe gehandelt hatte, aber der Weiße konnte sich auch nicht durchsetzen, wegen des Fluchs und weil meine Liebe doch nicht so ganz göttlicher Vorschrift entsprochen hatte. Sie einigten sich schließlich auf ein Erlösungsabkommen."

Ich vermutete einen ganz blödsinnigen Ausdruck auf meinem Gesicht, starrte die kühle Erzählerin aber unverwandt an.

"Na, wie ist es, wollen Sie mich erlösen? Ein Schatz ist allerdings nicht zu haben, wie Sie wissen. Ich kenne zwar ein paar Goldseifen in der Zauke, die die Wäscher seinerzeit nicht gefunden haben, aber damit können Sie heutzutage doch nichts anfangen."

Ich dachte mir, daß es mit dem Untier, als das sie dann auftauchen würde, so schlimm nun nicht sein könnte, und fragte:

"Wann?"

"In fünf Tagen, also am fünfundzwanzigsten, fünf Stunden nach Sonnenaufgang."

Ich nickte. Als hätte ich damit einen Schalter betätigt, war sie verschwunden.

Pünktlich saß ich dann wieder auf dem Schloßberg, pünktlich tauchte auch das Untier auf. Es war eines von den schwarz und schlampig gekleideten Mädchen, deren Gesichtshaut durch Zigarettenrauch, Schlafmangel und ungestillten Bedarf an Licht und Luft verunstaltet ist. Sie trug an einer groben Kette ein großes Henkelkreuz um den Hals, kunstlos aus Zinn gegossen. Am meisten aber fielen ihre riesigen schwarzen Lederschuhe auf, die deutlich zeigten, wie sehr das Weib über den Onkel lief.

"Da guggst'e, was?" Sie hockte sich neben mich.

"Na los. Dreie sinn Flicht!"

Ich grub verzweifelt in meinem Gedächtnis nach, ob Aids auch schon durch Küssen übertragbar sei, fand nichts, dachte mir aber, so schlimm würde es nicht gleich werden. Also nahm ich ihren Kopf in meine Hände und küßte sie beinahe gefühlvoll, probierte auch, ein wenig mit der Zunge zu spielen, worauf sie aber nicht einging. Als ich sie losließ, sah sie mich ein wenig verschleiert und verwirrt an, sagte aber nichts und fing sich nach einer kleinen Weile. Da wagte ich die zweite Ausfertigung, bemerkte etwas mehr Entgegenkommen: Ich konnte ihr sogar ein wenig die Zähne öffnen. Die Dritte nun gar verlief in schönem Überschwange. Das Mädchen ließ sich los, wurde aber kein bißchen wild.

Nachdem ich sie freigegeben hatte, setzte sie sich aufrecht hin und sprach die Worte:

"Wenn de denggst, nu gannst'e mid mir rumbummsen, da irrst'e dich."

"Ich denke das nicht. Von Rumbummsen steht nichts in der Sage."

Sie blickte in die Ferne. Ich tat es ihr nach. Draußen flimmerte das Sonnenlicht im gelblichen Frühlingsgrün. Der Wind streifte vorsichtig über das Gras. Drei weiße Haufenwolken schmückten den Himmel. Als sie sich regte, wandte ich mich nach ihr um.

Da stand sie, in ein langes, glattes Gewand aus hellbraunem Leder gekleidet. Durch Schlitze im Rock und den Ärmeln leuchtete rote und grüne Seide. Ihr Haar war nun kastanienfarben. Das braun-grün-rote Barett saß gerade und sittsam darauf.

"Mêj se dobre", sagte sie, "mêj se dobre, a zustan láskyhodným muzem, jestli je mozný. Mêj se dobre." Dann waren da nur noch das Flimmern, die Wolken, das gelbe Grün und eine sanfte Müdigkeit.



Daniels Freund

Es ist freundlich, wenn an hervorragenden Stellen in Landschaften Bänke, Schutzhütten und Tische aufgestellt werden. Dem Wanderer wird die Rast angenehm gemacht. Obwohl er gern auch darin schwelgt, im Gras zu sitzen, den Rücken an einen Stein oder einen jungen Baum zu lehnen und in einen weiten Ausblick zu träumen. Allerdings locken Bequemlichkeiten oft Menschen an, die nicht kommen, um zu erleben, sondern nur, um ihre Liste vollzogener Standorte zu ergänzen. Sie zerstören mit Geschwätz, Geschrei, Tumult und Dummheit jede stille Freude.

Deshalb war ich erst mit beginnendem Abend auf den Kleinen Bärenstein gestiegen, wo auf dem Fleck des verschwundenen Gasthauses all die Annehmlichkeiten aufgebaut sind, die tagsüber die Schwärme der Ausflügler anziehen. Denn die finden sich spät am Tage nicht mehr ein, weil sie ihre gewohnte Abendbrotzeit nicht versäumen wollen und weil sie einen Abstieg in der Dämmerung oder gar im Dunkeln fürchten. Ich hatte mir Kaffee gekocht und aß.

Schwerfälliges Tappen von Bergstiefeln ließ mich aufhorchen. Am Ausgang der alten Treppe tauchte einer von den uralten Bergsteigern auf, die man gelegentlich im Gebirge trifft. Wenn sie wandern, gehen sie meist allein, denn ihre jungen Freunde wollen lieber klettern und ihre alten sind weggestorben. Man sieht sie manchmal auch noch am Felsen, auf klassischen Wegen, meist nicht den einfachsten. Spüren sie, daß man ihnen geneigt ist, stürzen sie sich gierig auf die Gelegenheit, ausgiebig zu schwatzen. Sie laufen in alten Baumwollanoraks herum, mit Pudelmützen oder ausgebleichten Hüten voller Abzeichen, in Kniehosen aus Kord, Bergstiefel einer längst verschollenen Form aus glattem Leder an den Füßen und mit zerschlissenen Rucksäcken, die ihnen faltig von den Schultern hängen. Immer wirken sie krummbeinig, aber ihre Knie federn beim Gehen.

"Guten Abend", sagte er. Und: "Guten Appetit." Und: "Freut mich, daß sie an einem Stück Wurst kauen und nicht an einer Möhre. Nimmt ja seltsame Formen an, die Esserei heutzutage. Mein Freund Denni Buhn damals im Westen ist schließlich auch wieder von der milden Kost frommer Denkart abgekommen."

Ich starrte ihn an. Wenn er wirklich Daniel Boone meinte, war das mehr als zweihundert Jahre her.

"Guten Abend", erwiderte ich schließlich. Und: "Danke." Und: "Ich bin doch kein Karnickel."

"Denni war auch keins. Er hielt sich nur damals besonders an die Bücher Mose, wo doch alles so schön einfach beschrieben ist. Er zog die Grenzlinien zwischen den Menschen nicht zwischen Weiß und Rot oder Weiß und Schwarz und schon gar nicht zwischen Schwarz und Rot, sondern nur zwischen Gut und Böse. Daß verhältnismäßig viele Indsmen auf die böse Seite gerieten, lag nur an ihrem fiesen Charakter. Als er dann Boonsborough gegründet hatte, verschob sich auch einiges. Jetzt zählten eine Menge von Trappern, diesen armen Hunden, zu den Bösen. Denn Neid auf Reichtum macht gierig und aufsässig. Die Händler von der Ostküste wechselten mehr und mehr auf die gute Seite."

Na, mein Lieber, dachte ich, du kommst aus einer ganz schön roten Seilschaft.

"Aber mit der Ernährung bekam er Schwierigkeiten. Er nahm die Sache mit dem allerlei Kraut und den allerlei fruchtbaren Bäumen, die GOTT der HERR Adam und Eva allein zur Speise gab, in der Kindheit sehr ernst und aß kein Fleisch. Als er in die Wälder ging, wurde ihm das schwer, denn der Mensch, der dauernd in Bewegung und auf Angriffe gefaßt sein muß, braucht etwas Ordentliches zwischen die Zähne, und ein Viehzeug ist schneller geschossen als die notwendige Menge Kräutlein und Sämlein gesammelt. Da fand er schnell heraus, daß GOTT dem Abel mit seinen Hammelherden besser gesonnen war als dem Kain mit seinen Früchten des Feldes, betrachtete das zwar nicht als Selbstkritik des HERRN, denn eine solche war schlechterdings unmöglich, sondern lediglich als Anlaß, die Dinge im Zusammenhang zu betrachten.

Auch die Auslassungen von GOTT dem HERRN über die Vermehrung nahm er sehr wörtlich, und er verstreute seinen Samen hart, aber gerecht über alle Töchter des Landes. Er war ein starker Mann, und als wir einmal am Green Creek, so einem kleinen, schweigsamen Flüßchen - heute ist es längst eine Kloake - herumkrochen und wochenlang keine Menschenseele, geschweige denn einen Weiberkörper gesehen hatten, versuchte er es sogar mit der Hündin, die uns zugelaufen war. Aber die wehrte sich unverständlicherweise und ließ sich auch nicht mit Feuerwasser willfährig machen wie die Indianerinnen.

Was das Essen betrifft, scheint er von seinen Zweifeln nicht losgekommen zu sein. Ich habe gehört, als er seßhafter wurde, hätte er wieder mit dem Gemüse angefangen. Ist auch schwer zu verstehen, was der alte Mose wirklich gemeint hat. Aber wahr ist das schon, was da steht, daß der Vegetarier Kain den Hammelbrater Abel erschlagen hat. Das versuchen die Kains doch heute auch. Allerdings verzichten sie auf das nachträgliche Zeichen des HERRN, denn sie haben keine Furcht, daß sie einer totschlage, der sie findet, denn wir leben in einem Rechtsstaat. Da hat derjenige Vorteile, der zuerst totschlägt. Er kommt in ein wohlausgestattetes Gefängnis und lebt fürderhin bequem. Nicht zu vergleichen mit dem dauernden Rumgeschleiche im Gestrüpp wegen der Indsmen und dem Planschen im Wasser wegen der Fallen.

Aber sie streiten gegen GOTTES Gebot, wenn sie vom Schutze unseres Planeten schwafeln. Denn der HERR hat wohlweislich gesagt: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet - wirklich: füllet - die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Die Herrschaft wird wohl eine Intensivhaltung sein müssen und die allmähliche Vernichtung allen grünen Krautes und aller fruchtbaren Bäume, weil anders die Fülle nicht ernährt werden kann. Denn SEINE Absicht war wohl, daß die Erde genauso wenig unsterblich sein sollte wie seine andere Schöpfung. Gegen SEIN Gesetz läßt sich nicht verstoßen."

Der Alte schwieg, sah hinüber nach der Festung, wo ein Fenster nach dem anderen aufleuchtete, hinunter nach Weißig, das einen Dunstschleier über sich zog und nach der schwarzen Masse des Großen Bärensteines. Dabei wurde seine Gestalt immer durchsichtiger, bis sie sich ganz im Gewirr der Birken aufgelöst hatte.



Alle Rechte vorbehalten.
© Herbert Helbig, Dresden 1998

Unglücklicherweise habe ich verschiedentlich Striche und Häkchen an Buchstaben in den tschechischen Worten nicht anbringen können. Ich versichere, daß dies nicht aus Arroganz geschehen ist, und bitte meine tschechischen Leser um Entschuldigung.

Ich wünsche mir Kritiken und Fragen an die Anschrift:

wandrer@cibule.de

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