Herbert Helbig
Wandrerflausen

- Tiere -

Zweifelhafte Erzählungen und verworrene Gedanken eines
sächsischen Fußgängers

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© Herbert Helbig, Dresden 1998

Inhaltsverzeichnis Titelblatt Cibules Familienseite Impressum

Murmelfoto

Murmelpolitik

Haflinger in Urlaub

Alpendohlenmafia

Dackel auf Reisen

Impressum


Murmelfoto

Es pfiff, und alle anderen verschwanden.

"Salam alaikum!" rief ich, "Friede sei mit euch! Auf ein Wort in Ruhe!" Der Wachhabende auf der Gaistalalm reckte sich auf und beäugte mich eingehend. Dann winkte er mir, näher zu treten.

"Ich gebe Ihnen zwanzig Schilling, wenn ich Sie dafür in aller Ruhe fotografieren darf."

Mißtrauisch starrte das Murmeltier auf meinen Fotoapparat.

"Komische Marke", sagte es und schien nach einer verborgenen Stelle zu suchen, mit der vielleicht richtig geschossen werden konnte.

"Aus Ostdeutschland", sagte ich.

"Ach so. Na gut. Aber bitte in Münzen. Scheine verrotten bei mir."

Wieder pfiff es. Ein Kumpel von ihm tauchte auf und übernahm die Wache. Ich fotografierte und zahlte mit vier nickelglänzenden Fünfschillingstücken.

"Ruhiger Abend heute", versuchte ich das Gespräch fortzusetzen.

"Gott sei Dank. Die Schulferien sind endlich vorbei. Wochenende ist auch nicht. Heute früh hat's a bisserl geregnet. Da ist niemand zur Rotmoosalm hinauf. Und die Korona, die sich vom Parkplatz die vier Kilometer herschleppt und in der Hütte unten fressend und saufend verschnauft, steigt nicht noch die vierzig Meter hierher."

"Ich dachte, Sie seien für Fotopoints engagiert?"

"Bewahre", murmelte es, "die Wirtsleute können uns nicht leiden, wegen dem bisserl Geröll aus den Wohnungen. Auf der Alm sind die Kühe viel anziehender. Auch wenn man sie nicht sieht, bimmeln die, daß einem der eigene Pfiff fremd vorkommt. Aber bimmeln gehört zur Alm, haben die Touristen irgendwo gelesen. Also gibt es außer den Pferden, die das Geld einbringen, aber für die Glocke zu stolz sind, auch ein paar junge Rinder. Murmeltiere sind scheu, haben die Touristen gelesen. Also braucht's keine Murmeltiere. Und das Geröll stört die Lieblichkeit der Wiese, meint die Wirtin."

"Ziehen Sie doch ein Stück höher hinauf", schlug ich ihm vor. "Das ist nicht so einfach", wehrte es ab. "Da steht erst mal Wald, engt uns das Blickfeld ein. Noch höher kommt die Rotmoosalm. Eine richtige. Aber die ist schon voll von unseren Kumpels. Außerdem ist es dort viel kälter als hier. Das sind wir nicht mehr gewohnt."

"Ich werde mal mit der Wirtin reden", versprach ich ihm.

"Zwecklos", murmelte es, pfiff der Wache etwas zu und tauchte in seinen Bau.

Es war wirklich zwecklos, mit der Wirtin zu reden. Sie jammerte erst über die Geröllhaufen, dann über die Bauern, die ihr die Hütte nur verpachtet hatten und in ein elektrisches Kabel nicht investieren wollten, dann über die Gäste, die ungläubig an die Glühstrümpfe der Propangaslampen über den Tischen tatschten und sie zerquetschten, das Stück für fünfzig Schilling.

"Wenn die Leute unbedingt Murmeltierfotos wollen, kann ich ihnen auch ein ausgestopftes in die Wiese setzen", sagte sie und hatte recht.

So bekam ich einen weiteren Grund dafür, daß ich frühmorgens immer zusah, schnell über die tausendsechshunderter Höhenlinie zu kommen. Wo es möglich war, fuhren da zwar manchmal Landrover hoch, von den Bundesforsten oder der Bergrettung oder den Pächtern der Almhütten dort oben. Die aber paßten ins Bild und störten mich nicht.



Murmelpolitik

Das Murmelfoto verschaffte mir einen unerwarteten und lästigen Erfolg. Es war in aller Ruhe und aus nächster Nähe aufgenommen worden. Das sah man ihm an. Ich geriet in den Ruf eines Murmeltierexperten. Weil ich nicht gar zu hilflos meinen Bewunderern ausgeliefert sein wollte, las ich im Winter alles, was über diese Tiere gedruckt worden war und ich mit geringer Mühe erreichen konnte. Dabei verwunderte mich eines: Die Äußerlichkeiten der Tiere waren bis ins kleinste beschrieben, zwar nicht immer gleich, doch wohl voller Überzeugung. Aber das, was eine gute Berichterstattung kennzeichnet, hatte niemand vollbracht. Keiner der Autoren hatte auch nur ein Wort mit einem Murmeltier gewechselt.

Endlich wurde es Juli. Die Tiere hatten sehr wahrscheinlich ihren Winterschlaf beendet. Ich fuhr ins Gebirge, um mit ihnen zu reden.

Zunächst besuchte ich mein Bekanntes auf der Gaistalalm. Es freute sich über das Foto, nahm es aber nicht an, wegen der Feuchtigkeit in seinem Bau. Dann begann ich, es über seine Lebensverhältnisse auszufragen. Aus irgendwelchen Gründen redete es nur zögernd und um meine Fragen herum, wobei es sich aufmerksam nach allen Seiten umsah. Ich hörte nichts Eindeutiges heraus. Schließlich verwies es mich auf die Rathäusler, die oben auf der Rotmoosalm säßen. Es versprach, einen Termin mit ihnen zu beschaffen.

Wirklich: Am nächsten Morgen nannte es mir Tag und Stunde, wo ich in eindeutig ungefährlicher Haltung auf der Bank am Niderle sitzen sollte. Ich fand mich dort pünktlich ein und versuchte, jede Bewegung zu vermeiden, die hätte verdächtig sein können. Die Wachen ließen mich gewähren, ohne sich zu beunruhigen.

Wie das erste herangekommen war, habe ich nicht bemerkt. Es saß plötzlich ein paar Meter rechts vor mir und sah mich mit Augen, die wie durch eine Brille vergrößert wirkten, offensichtlich belustigt an. Diese Augen, eine hohe Stirn, eine lange Nase und volle Lippen machten, daß es ausgesprochen jüdisch aussah. "Ein Linkes", dachte ich, "denn es sitzt rechts von mir."

Wie ich es noch betrachtete und ihm freundlich zulächelte, hockte sich ein anderes neben ihn, leicht zerzaust, schlaksig, den Vorwurf ewigen Unverstandenseins im Gesicht, was eigenartig dem dümmlich-zynischen Ausdruck seiner Augen widersprach.

Und auch links von mir klirrten ein paar Steinchen. Ein eigenartig knochiges Wesen ließ sich dort nieder, den Kopf ganz kahl, riesige Füße, das Fell gemustert, als wolle es sich von seiner Umgebung nicht abheben. In einer Wiese wäre das auch richtig gewesen. Auf dem steinigen Untergrund aber fiel es erst recht auf.

Sie saßen da und warteten. Das Linke sah mich nachdenklich und lächelnd an. Das Zersauste bewegte nervös die Vorderpfoten und raschelte mit trockenen Grashalmen. Das Rechte stierte scharf an mir vorbei irgendwohin auf die Felsen.

Ich wußte nicht so recht, was ich tun sollte. Sie waren dazugekommen, also hätten sie grüßen müssen. Sprach ich sie jetzt an, erschraken sie vielleicht und stoben davon.

Als ich mich gerade durchgerungen hatte, trotzdem den Mund aufzutun und zu reden, bemerkte ich im Hintergrund eine langsame, aber durch ihre Achtsamkeit bedeutende Bewegung.

Mit langen, ungelenken Schritten, die offenbar Rüstigkeit vortäuschen sollten, kam ein großes, gewichtiges Murmeltier heran. Sein Fell glänzte zwar, zeigte aber auch die tiefe Schwärze hochgradiger Melanose. Selbst das von Tratz zuerst beschriebene Zittern glaubte ich zu bemerken. Aber das konnte eine Täuschung in der zunehmenden Dämmerung sein.

Das Schwarze baute sich zwischen dem Zerzausten und dem Knochigen auf und hob zu einer Rede an:

"Ich begrüße Sie herzlich in der Murmelrepublik Rotmoos und wünsche unserer Zusammenkunft einen gedeihlichen Erfolg."

Dann gab es ein umfangreiches Statement ab.

Seine Stimme tönte hohl, so, als wäre sein großes Inneres vorwiegend mit Luft gefüllt. Ich konnte mir nicht klar darüber werden, ob ich den Klang auch auf den Inhalt seiner Worte übertrug, oder ob es tatsächlich eine nichts sagende Rede hielt. Jedenfalls verlor es sich manchmal in Redewendungen, die einer Formelsammlung entnommen zu sein schienen. So sagte es über die Zukunft seiner Leute:

"Wenn ich die Augen schließe, so sehen wir vor uns blühende Matten mit den bequemen und sicheren Bauen unserer Gefolgschaft."

Das "Wir" konnte einfach ein Pluralis majestatis sein. Oder es nahm an, daß durch die zwingende Wirkung seiner Person alle anderen das gleiche sehen müssen, was auch es selbst mit geschlossenen Augen sah. Oder es hatte eben aus einem Handbuch für Redner zwei Wendungen entnommen und aneinandergefügt, ohne auf die Grammatik zu achten, in nachlässiger Verachtung seiner Zuhörer.

Trotz der Hohlheit konnte ich seinen Worten entnehmen, daß Rotmoos zu einer Genossenschaftei Ostmark gehörte, daß die menschlichen Landesgrenzen ungefähr auch denen zwischen Murmeltiernationen entsprachen, daß die Beziehungen zwischen den Völkern manchmal mehr, manchmal weniger belastet waren, daß es mühsam verhüllte Gebietsansprüche gab und daß Rotmoos die am besten regierte Murmelrepublik der Welt sei.

Nach dem Ende seiner Rede bot es mir an, Fragen zu beantworten. Die anderen Drei hatten bisher nichts geäußert, und das Schwarze schien sie als unbedeutendes Gefolge anzusehen. Aber bei seinen gewundenen Auslassungen zu den Gebietsansprüchen war das Knochige lebhaft geworden, was mich veranlaßte, zunächst nach den Verbreitungsabsichten der Murmeltiere zu fragen.

Ehe das behäbige Schwarze seine Gedanken gesammelt hatte, belferte das Knochige los: "Murmeltiergebiet sind die Pyrenäen, Südfrankreich, Norditalien, Süddeutschland. Im Geiste unseres Volkes ist das alte Gebiet Murmeltierland auch heute. Wir wollen zurück in unsere alte Heimat, aus der wir vertrieben worden sind."

"Wann war denn das?"

"Im Diluvium."

Als das Linke mein ratloses Gesicht sah, erläuterte es: "Pleistozän. Eiszeitalter. Vor etwa zwei Millionen Jahren."

Das Schwarze errang mühsam das Wort und widersprach: "Die gegenwärtigen guten Beziehungen zu unseren Nachbarn verbieten, daß wir Gebietsansprüche erheben. Freundschaft zu den Nebenvölkern in der Tierischen Union bestimmt unser Tun und Handeln."

"Zum Schwarzwald seid ihr doch schon vorgedrungen", sagte ich.

"Das haben die Vereinten Menschen gutgeheißen", entgegnete das Schwarze. Das Knochige murmelte pathetisch: "Sie sehen, nur wir vertreten die wahren Interessen der Nation."

Das Zerzauste wandte ein: "Habt ihr denn genug Gefolgschaft, um das alles besiedeln zu können?" und das Linke: "Ihr wollt doch nur mit dem Grundbesitz schachern. Sind denn auch Bobaks schon in Thüringen?"

"Was sollen denn die Bobbies dort?" fragte der Rechte zurück.

"Ihr altes Siedlungsgebiet." Das Linke fing an, mir zu erläutern: "Bobaks sind auch welche von uns, machen aber alles ganz anders. Sie sind sehr unterschiedlich. Es kommt darauf an, wo sie her sind. Es gibt große und kleine, dicke und dünne. Sie sind einfarbig. Aber alle haben längere Schwänze als wir und weiße Zähne. Unsere Weiber gucken immer ganz unanständig, wenn von ihnen die Rede ist, und manche sind scharf auf sie."

Ich fragte nach den Nachbarn. "Hinter dem Grat wohnen Deutsche", sagte das Linke, "Häuslebauer."

"Unsere nördlichen Nachbarn sind wirtschaftlich stark und können sich Prachtbaue leisten", unterbrach ihn das Zerzauste und sprach weiter mit zweideutigem Lächeln: "Sie sind sehr sauber und ordentlich. Das Geröll haben sie weggeräumt." Die grinsenden Augen des Linken wanderten zu einer Scharte, von der offenbar Massen von mittelgroßen Steinen auf die Rotmoosalm geworfen worden waren. "Alles warm ausgekleidet."

Das Schwarze lenkte ab: "Unsere Brüder und Schwestern im Osten haben unsere Hilfe dringend nötig. Besonders denke ich an die Tatraner, die eingegrenzt auf kleinem Gebiet sitzen."

"Geschützt im Nationalpark", wandte das Linke ein.

"Aber sie sind unfrei. Wir müssen uns mit ihnen wiedervereinigen, damit sie aufblühen ..."

"... und wir sie ausbeuten können." Das Schwarze warf eine verächtlich sein sollenden, doch eher giftigen Blick auf das Linke. Dies aber lächelte ihm freundlich zu.

"Weiter östlich wohnen die Brüder und Schwestern bis nach Kamtschatka. Auch sie müssen aus ihrer Lage befreit werden." Das Linke grinste schon wieder, als könnte es meine Gedanken lesen, die sich damit beschäftigten, aus welcher Lage die Ostmurmel heraus und in welche hineingebracht werden sollten. Dann warf das Knochige ein:

"Bobbies sind auch Mitmurmel. Aber sie stinken und verbreiten Pest und Cholera. Sie leben in der Steppe, fressen den Menschen die Felder kahl und werden von ihnen abgeschossen. Das Volk will sie nicht."

Das Schwarze tönte wieder: "Alle Murmel sollen in einer glücklichen Welt leben. Die Murmelrepublik Rotmoos wird helfen, die Probleme zu lösen und dann eine führende Rolle haben, blühen und gedeihen. Dafür werden wir wirken ..."

"... bis zu Ihrem wohlverdienten Ruhestand", unterbrach ihn das Linke.

"Wann ich abtrete, bestimmen die Wähler und nicht die Opposition", tönte das Schwarze.

"Die Vorsehung!"

"Der Liebe GOtt!"

"Der Sensenmurmel!"

Die anderen murmelten so laut durcheinander, daß es fast wie Zwischenrufe klang. Das Schwarze wandte sich dem Linken zu und strebte mit schlaksig-langen Schritten zu ihm hin. Das Zerzauste, das zwischen beiden saß, fühlte sich versehentlich angegriffen und stellte sich ihm entgegen. Dadurch gelang es dem Rechten, das Schwarze ins Hinterteil zu beißen, was es ursprünglich nur vortäuschen wollte und wovon es nun selbst überrascht war. Eine von den Wachen mißdeutete das Durcheinander - oder auch nicht - und stieß einen Warnpfiff aus. Meine Gesprächspartner stoben auseinander, und ich staunte, mit welcher Geschwindigkeit das ungelenke Schwarze unter der Erde verschwand.

Wie gut, daß wir die Sprache der Tiere nicht verstehen. Sonst würden die letzten Reste des Glaubens an die sanfte Gewalt der Vernunft endgültig dahinschwinden.



Haflinger im Urlaub

Erst als ich näher kam, wurde mir bewußt, daß die beigefarbenen Tiere, die unter den hohen Fichten beim Gaisbach auf der Hämmermoosalm merkwürdig klein wirkten, nicht Kühe waren, wie es mein Gehirn gewohnheitsmäßig registriert hatte, sondern Pferde. Sie standen mit den Köpfen zum Dickicht zu und zeigten der Wiese und mir ihre hellen Hinterteile mit den leicht gekräuselten Schwänzen. Was sie da machten, konnte ich nicht erkennen. Man hätte meinen können, sie starrten auf ein Fernsehgerät oder dösten auf andere Weise vor sich hin.

Ich ging langsam auf sie zu, nicht zu leise, damit sie nicht plötzlich erschraken und wegtrabten, aber mit fast unterwürfiger Freundlichkeit und einer gewissen Selbstironie, wie es ein österreichischer Gaul sicher gern haben mußte.

Als ich näher kam, stelzten sie davon, scheinbar ohne mich zu beachten, bis auf eines, das stehen blieb und mir sein rechtes Auge zuwandte.

"Guten Tag, Herr Haflinger", sprach ich ihn an, "schönes Wetter heute, nicht war?"

"Habe die Ehre", gab er zurück, "man hat's nötig. Sein S' auch im Urlaub hier? Wo kommen S' denn her?"

"Aus Dresden."

"Viele Autos, was?"

"Ja."

"Bei uns in Wien auch. Den Gestank hält keine Pferdenatur auf die Dauer aus. Wir sind hier zur Kur."

"Reine Luft und Ruhe. Aber doch wohl ein ungewohntes Klima?"

"Das Klima ist gut für den Kreislauf. Mehr Abwechslung. Nachts ist es manchmal recht kühl. Aber das macht nix. Wir rücken einfach näher zusammen. Aber die Ruhe, die belastet. Hören S' was?"

Er blickte mich fragend an. Ich nickte. Das Wasser im Gaisbach unten schoß über die Steine.

"Erst hab' ich gedacht, 's ist die Autobahn drüben am Inn, was da rauscht. Es war aber der Bach."

"Wozu", sprach er dann, "braucht der Mensch so viele Autos? Als der Beethoven noch lebte und der Schubert, da hatte es auch keine. Was für Werke haben die beiden geschaffen, welche bemerkenswerten Leute haben sie kennengelernt, wie nachhaltig haben sie ihr Zeitalter erlebt! Gut, der Mozart hätte sicher gern eins gehabt, ein großes, zum Protzen. Aber hat der Beethoven nicht die Neunte geschrieben und war kein Mal auf Mallorca? Heute war jeder dort. Auch der Benes Xaver, was mein Kutscher ist. Na gut, der schreibt auch keine Sinfonien."

Seltsam ist es, wie so ein Pferdekopf denkt. Meint er nun, der Verkehr hat so zugenommen, weil es keine Größe mehr gibt, oder beschuldigt er den Verkehr, keine Größe mehr zuzulassen?

"Überhaupt", sprach Herr Haflinger weiter, "alle Autos und Telefone und andere Hastprodukte braucht's doch nur, weil das Menschengehirn nicht mehr bis zum Ende durcharbeitet. Sonst würde ein kurzer, sachlicher Brief genügen, zwei, drei Geschäftsbesuche beim Partner in einem ganzen Menschenleben. Alles liefe stetig, ohne das zerstörerische Auf und Ab, Hin und Her, Vor und Zurück. Keine hochgespitzten Gewinne würde es mehr geben, das ist richtig. Aber auch keine abgrundtiefen Verluste. Das Leben würde sein wie ein Wald."

Auch ich stand nun mit dem Rücken zur Wiese und starrte gedankenverloren in das Dickicht. Schließlich riß ich mich doch noch zusammen:

"Aber es ist auch vieles besser geworden seither. Apfelsinen kann man haben zu jeder Jahreszeit, auch sonstige Waren aus aller Herren Länder. Man weiß, was überall auf der Welt geschieht, wie morgen das Wetter wird, wen die Großen dieser Welt lieben. Wenn ein Unglück eintritt, wird umgehend geholfen. Verwandte und Freunde kann man schnell aufsuchen."

"Schau'n S' genau hin", sagte er und hob verächtlich die Oberlippe, so daß ich seine großen gelblichen Zähne sehen konnte. "Das, was hier ankommt, sind schon lange keine richtige Apfelsinen mehr, aber Äpfel aus einem guten Keller sind ordentliche Äpfel. Und sind unsere Handwerker nicht genauso gut wie alle anderen? Warum dann Sachen rund um die halbe Erde transportieren? Und was nützt es, wenn Sie wissen, was in fernen Ländern geschieht? Können S' eingreifen oder ändern, wenn sich die Menschen abschlachten wie sonst keine Tierart untereinander? Der Wetterbericht? So genau ist er doch nie, daß Sie wissen, wie Sie sich kleiden sollen und was Sie tun können. Und warum soll man plötzlich eilig helfen müssen, wenn man hätte mit Voraussicht das Unglück verhindern können oder die Nachbarn eingreifen könnten, wenn sie wollten? Viel zu nachlässig macht den Menschen die Aussicht auf schnelle Hilfe. Lauschen 'S doch mal auf dies Gejaule der Rettungswagen den ganzen Tag über in den Straßen. Soviel Unglück und Not sollen sich nicht vermeiden lassen? Und je öfter Sie Freunde und Verwandte aufsuchen, desto häufiger gibt es Krach, und die Gefahr wächst, daß Sie auf dem Wege dahin an einem Straßenbaum sterben. Saldo: Lärm, Gestank, Hast und Tod. Alles für die Katz, mit Verlaub gesagt, ich kenne nämlich sehr angenehme Katzen."

Ich raffte mich auf.

"Nun gehen S' auf den Höhenweg, ich seh' es Ihnen an. Da macht's Sie dann froh, daß Sie mal ein Weilchen zweitausend Meter über allem sind."

"Auf Wiedersehen", sagte ich.

"Habe die Ehre", erwiderte Herr Haflinger.



Alpendohlenmafia

Paul und Maximilian stiegen nun schon zum zweiten Male in dieser Woche auf die Wangalm hinauf. Paul dachte mit leichter Furcht an den Rückweg. Da würden seine Knie wieder elend schmerzen. Maximilian, sein Enkel, dem man die Märchen noch vorlesen mußte, hoppelte leichtfüßig neben ihm her, obwohl er diesmal den kleinen Rucksack mit seinen Wettersachen und seiner Trinkflasche trug.

Die Sache hatte sich Paul selbst eingebrockt. Nun mußte er sie auch auslöffeln. Er hätte es wissen müssen, daß so ein kleiner Mann Ironie und Mystifikation nicht versteht. Maximilian hatte es jedenfalls ernst genommen, als Paul behauptete, die Wirtin gäbe den Alpendohlen ein Zeichen, wenn sie Kaiserschmarren serviert, und dann Erklärungen dafür zusammenspann, warum sie das tat. Ein Grund konnte sein: Sie ist eine Hexe, und die Vögel helfen ihr bei der Zauberei, sind Boten zwischen ihr und dem Teufel und tragen ihr auch sonst geheime Botschaften zu. Oder aber: Sie haben gedroht, den Gästen auf der Terrasse so einiges unter ihren Schwänzen hervor auf die Teller und in die Gläser fallen zu lassen, wenn sie nicht genügend Kaiserschmarren bekämen.

Maximilian hatte verständnisvoll und gläubig genickt. Das Erlebnis vorgestern war beweiskräftig genug. Die anderen Gäste auf der Terrasse hatten Getränke und Suppen vor sich stehen. Keiner dieser schwarzen Vögel war zu sehen gewesen. Maximilian hatte Kaiserschmarren essen wollen.

Er wußte zwar nicht, was das ist. Aber der Name reizte seine Einbildung. Kaiser war etwas sehr Feines und Schmarren etwas sehr Lustiges. Etwas Feines und etwas Lustiges zusammen, das mußte doch etwas Gutes sein!

Kaum war der Kaiserschmarren gebracht worden, standen drei oder vier Alpendohlen mit ihren roten Beinen auf der Brüstung und reckten ihre feinen gelben Schnäbel. Ein halbes Dutzend andere kreisten in der Luft. Also mußten sie herbeigerufen worden sein!. Und die Portion war groß genug , daß sie für Maximilian und die Vögel reichte.

Daß die Wirtin eine Hexe war, konnte man sich gut denken. Denn sie hatte eine gar zu lange Nase. Dagegen sprach allerdings, daß sie ziemlich jung war und die beiden Kinder in der Hütte Mama zu ihr sagten. Paul meinte allerdings, gerade die jungen Hexen wären die gefährlichsten und Kinder müßten auch da sein, wo kämen denn sonst immer wieder die Zauberer und Hexen her?

Jedenfalls hatten Großvater und Enkel den Vögeln von dem Kaiserschmarren abgegeben, und diese hatten sich mit Anstand bedient: sachlich, sauber, unaufdringlich, ohne eigentlich zu betteln und angemessen dankbar.

"Wo schlafen sie eigentlich?" fragte am Abend im Bett Maximilian. "Da oben im Teufelskopf, in Löchern", antwortete Paul und freute sich sehr, daß man dort nicht hingehen konnte.

"Und was für ein Zeichen gibt die Wirtin?"

Paul hob die Schultern. Maximilian überlegte und schlief darüber ein. Am nächsten Morgen verkündete er:

"Sie steckt hinter der Hütte eine dunkelgrüne Fahne an einem braunen Stock aus dem Fenster!"

Da begann Paul Schlimmes zu ahnen. Und wirklich: Nun stiegen sie zum zweiten Male in dieser Woche auf die Wangalm hinauf. Oben setzte sich Paul auf die Terrasse, dicht an die Brüstung.

Maximilian ging durch die Gattertür. Sie stand offen, denn das Vieh war schon ins Tal getrieben worden. Er trabte vorbei an dem Brunnentrog und hinter der Hütte ein Stück die Matte hinauf. Neben dem Kreuz und der Gedenktafel für die toten Schäfer wölbte sich ein Felsbrocken aus der Grasnarbe. Auf ihn setzte er sich, denn von hier aus konnte er die Rückseite der Hütte leicht und vollständig überblicken. Großvater würde Kaiserschmarren bestellen. Der Junge wartete auf das Signal.

Aber nichts war geschehen, als es plötzlich in der Luft unhörbar sauste wie von einem höllischen Sturme. Die Dohlen kamen im Sturzfluge heruntergeschossen, fingen sich gewandt dicht über der Matte ab und schwebten leichthin über das Dach. Da wußte Maximilian, daß der Großvater seinen Kaiserschmarren bekommen hatte und ging zurück auf die Terrasse. Trübselig schüttelte er den Kopf, als Paul ihn fragend ansah.

Was sollten sie noch tun? Paul aß und Maximilian und die Dohlen bekamen einen Anteil ab. Dann stiegen die beiden Träumer wieder zur Leutasch hinunter, Paul Schritt für Schritt und den Schmerz verdrängend, Maximilian leichtfüßig und die Langsamkeit des Großvaters zu allerlei Abschweifungen mit Füßen, Worten und Blicken ausnutzend.

Zwei Tage später war Sonntag, und es gab in ihrer Pension außer dem gewöhnlichen Frühstück für jeden noch ein Stück Kuchen. Paul mochte Kuchen nicht so sehr und zum Frühstück schon gar nicht. Auch sein Enkel hielt sich lieber an Wurst, Käse und Brötchen. Dann starrte er das Kuchenstück eine Weile an und fragte schließlich: "Opa, mögen die Dohlen auch Kuchen?" Sie packten die beiden Stücke in Papierservietten und Paul begann, sich vor seinem dritten Abstieg von der Wangalm zu fürchten.

Diesmal waren eine Menge Leute da. Die meisten aßen Speckknödel, niemand Kaiserschmarren. Von den Dohlen war nichts zu sehen. Paul bestellte Milch für sie beide. Maximilian fingerte vorsichtig einen Brocken Kuchen aus dem Rucksack und legte ihn verstohlen auf die Brüstung. Erschrocken spürten alle das unhörbare Sausen, und dann standen da die Schwarzgefiederten, Gelbschnäbeligen und warteten.

Als der Junge beinahe seinen ganzen Kuchen verschenkt hatte, schrie jemand entsetzt auf. Dann folgte ein lautes berlinisches Gezeter. In eine der Speckknödelsuppen war etwas Grauweißes, Glitschiges geplumpst. Paul freute sich, daß er schon bezahlt hatte, nahm Rucksack und Enkel und verschwand mit ihnen die Alm hinauf.

Dann saßen sie auf der Bank am Scharnitzjoch und gaben den Vögeln die Reste ihres Kuchens. Von hier aus konnten sie bequem beobachten, wie der Schwarm durch die Luft segelte, den Auftrieb an der warmen Felswand nutzte und seine Aufklärer über der Hütte im Auge behielt.

"Im Winter müssen sie bis nach Innsbruck fliegen, um was zum Fressen zu ergattern", sagte Paul, "aber abends kommen sie immer wieder zurück."

Maximilian, der eine Weile neidisch nach den Nisthöhlen im Teufelskopf gespäht hatte, erinnerte sich an den Abendbrottisch daheim mit Brot, Wurst, Tee, der rotkarierten Decke und wurde nachdenklich.

Zu Hause nach dem Urlaub wollte niemand glauben, daß der lauffaule Junge drei Mal auf die Wangalm gestiegen sein sollte. Maximilian sagte nichts dazu, dachte an das unhörbare Sausen, die feinen gelben Schnäbel und die stillen Blicke der Schwarzen. Paul betrachtete ihn und war zufrieden.



Dackel auf Reisen

Diese Eisenbahnwagen, mit denen die Interregios bestückt sind, fahre ich sehr gern, besonders deshalb, weil man an den Tischen der großen mittleren Abteile meist bequem schreiben kann in einer Atmosphäre von Landschaft, Ruhe und Geselligkeit. Ist der Zug stärker besetzt, lernt man den und jenen etwas besser kennen, was in den kleine Abteilen viel seltener vorkommt. So traf ich auch Bodo von Wallteufel.

Etwa eine halbe Stunde vor dem Zielbahnhof hatte sich im Nachbarabteil auf der Nichtraucherseite, was nicht durch eine Tür abgetrennt ist, lautes Geschwätz breit gemacht. Von "Mutti" und "Vati" und "Schatzilein" war die Rede. Es verwunderte mich, wie die Stimmen älterer Leute offensichtlich über ein ihnen zugehöriges Kind sprachen. Dann hieß es:

"Er hat ein Beruhigungsmittel bekommen. Da übersteht er die Bahnfahrt besser. Jetzt muß er laufen, daß er munter wird."

Dies nun gar erschreckte mich. Dann kam er. Er war ein rostbrauner, langhaariger Dackel mittleren Alters mit Wirbeln im Fell wie ein Rosettenmeerschweinchen, einem geraden Schwanz, einem langen, klugen Kopf und verständigen braunen Augen, die natürlich wegen der Tablette leicht benommen dreinblickten. Er wurde von einer ruheständischen Frau an kurzer Lederleine bis zur Tür des Raucherabteils geführt. Dort legte er sich nieder, und die Frau ließ ihn allein. Nach einer Weile tappte er zurück. Ich saß am Gang und sah ihn aufmerksam an.

"Wallteufel", stellte er sich vor.

Ich sagte meinen Namen und: "Sicher ein schweres Leben für Sie."

"Es geht. Ich habe ein Dach überm Kopf, wirklich angemessenes Essen, werde regelmäßig dem Arzt vorgestellt, komme ein wenig in der Welt herum und lerne freundliche Leute kennen." Ich lächelte geschmeichelt. "Zu Hause hatten Nachbarn noch ein paar Bedenken mehr als Sie und verständigten Kontrolleure. Meine Wirtin war ungeheuer erbost darüber, daß die Herrschaften vom Tierschutzverein kamen und nicht vom Sozialamt. Sie fanden alles in Ordnung."

"Aber die Leute", sagte ich, "die müssen Sie doch ertragen?"

"Halb so schlimm. Ich habe einen Zwinger mit Hütte, da kann ich mich zurückziehen. In der Hütte ist ein Bildschirm. Dort sehe ich Sendungen, die die Wirtsleute eingeschaltet haben. Meist unsäglicher Blödsinn, aber er lenkt ab. Wenn man klug ist, kann man auch daraus lernen. An Entsorgungscontainern habe ich mir ein paar Bücher gesammelt. Lauter ordentliche, sonst wären sie nicht weggeworfen worden. Sie sehen, ich habe ein gutes Leben."

Von drüben tönte es: "Schatzilein, Schatzilein, komm her zu Mutti und Vati!" Ein Wedeln mit dem Schwanz. Ich nickte ihm zu. Er ging seiner Wege.

"Armer Hund", dachte ich, "armer Hund", und wußte nicht, ob ich recht hatte.



Alle Rechte vorbehalten.
© Herbert Helbig, Dresden 1998

Unglücklicherweise habe ich verschiedentlich Striche und Häkchen an Buchstaben in den tschechischen Worten nicht anbringen können. Ich versichere, daß dies nicht aus Arroganz geschehen ist, und bitte meine tschechischen Leser um Entschuldigung.

Ich wünsche mir Kritiken und Fragen an die Anschrift:

wandrer@cibule.de

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