Herbert Helbig
Wandrerflausen

Zweifelhafte Erzählungen und verworrene Gedanken eines
sächsischen Fußgängers

Alle Rechte vorbehalten.
© Herbert Helbig, Dresden 1998

Inhaltsverzeichnis Titelblatt Cibules Familienseite Impressum

Wer ihn kennt, den Geruch der Luft über dem Gebirge im Sommer, den Geschmack des Schweißes auf dem Weg bergan, das Stechen kalten Regens im Gesicht und das Schweben des Blickes in einer Landschaft, wird dieses Buch verstehen.

Man spricht vom Gang der Dinge, höchstens noch von ihrem Lauf, nie aber von ihrer Fahrt oder gar ihrem Flug. Der Mensch, der fährt oder fliegt, überholt also die Dinge in ihrem Gang, kommt vor ihnen an. Nicht sicher ist allerdings, ob er am gleichen Punkt ankommt wie sie, denn nur schwer ist ihr Ziel vorherzusehen. So steht er dann und harrt der Dinge, die da kommen sollen. Oft kommen sie nicht, manchmal ganz andere aus überraschenden Richtungen.

Wandern ist ein Zustand, der den Menschen im Einklang sein läßt mit den Dingen.

Wandern kann vielerlei sein. Mühelos findet man zwei Dutzend Hauptworte zusammen, die auch mit den vorgesetzten Silben "wander" einen Sinn ergeben. Auch wer am Schreibtisch sitzt, kann wandern, vielleicht gar zwischen zwei Welten.

Wandern schillert in seiner Bedeutung für den, der es tut: Es kann Rausch sein und Suche, Weisheit und Sport, Ausflucht und Ertüchtigung, Abenteuer und Belehrung.

Wandern heißt vor allem schauen, nicht hastig hinsehen um lebenswichtige Informationen ergattern und eilig verarbeiten zu können. Wandern heißt auch bauen an Gedanken, denen es nichts ausmacht, verworfen zu werden, wenn sich herausstellt, daß sie nichts taugen. Und Wandern heißt, die Kraft zu entwickeln, sich gegen die Müdigkeit, das Wetter und die Unbilden der Landschaft durchzusetzen.

Wie unterschiedlich sind doch Landschaften, wenn sie nicht durch das platte Band der Straße auf den gleichen Nenner gebracht werden! Der Wanderer unterscheidet die Täler nach Milde und Herbheit, Enge und Weite, Freundlichkeit und Trotz und vielen anderen Eigenschaften. Ihn spricht der Bauer an auf dem Feld oder der Handwerker in der Kneipe. Er empfindet die Abgelegenheit eines Weilers und versteht die Haltung derer, die da wohnen. Er sieht den Eisvogel und erkennt die Reviergrenzen der Wasseramsel, weiß also, daß echte Schönheit aufblitzt und verfliegt, daß Lebensbereiche beschränkt sein müssen und können. Er atmet mit der Landschaft und schreitet in ihrem Rhythmus.

Schon Aristoteles und die Peripatetiker bemerkten, wie förderlich das Gehen auf die Ausbildung von Gedanken wirkt. Rousseau war ein Meister darin, dies auszuschöpfen und seine Gelenke nutzten sich dabei auf die gleiche Weise ab wie die heutigen. Zuletzt war er wohl noch in der Lage, viele Kilometer zu wandern, aber er konnte nicht mehr über einen auch noch so schmalen Bach springen. Viel von diesem Büchlein ist auf Wanderungen zusammengedacht worden. Noch viel mehr von dem gehend Erfundenen verwehte der Wind wie vermodertes Herbstlaub im Winter.

Der Wind, der die Wolken bringt und vertreibt, der wärmend streichelt und kalt peitscht, die Regentropfen waagerecht dahinfegt und die nasse Erde trocknet, ist der Spießgeselle des Wanderers. Ein verräterischer, muß man sagen. Oft bleibt er aus, wenn man seinen Hauch dringend notwendig hat. Oft auch schon hat er - heftig stürmend - Menschen unter Schnee, unter Sand begraben oder zu Tode gekühlt. Wie der Wind sich verhält, ist wichtiger für den Wanderer als die Machenschaften des Regens, die Launen der Temperatur oder die boshaften Strahlen der Sonne.

Wanderer sind nicht wie andere Leute. Also sind sie Narren. Sie gehen zu Fuß. Sie streben nicht auf dem kürzesten Weg zum nächsten Wirtshaus. Sitzen sie aber darinnen, ist es Bleibe für sie, nicht Gelegenheit zum Schlingen, Schlucken und Davoneilen.

Wanderer achten sorgfältiger auf das Wetter als andere Leute, aber sie unterwerfen sich ihm nicht. Sie schreiten durch Sturm und Regen genauso selbstverständlich wie durch Sonne und Glast. Umschwüngen können sie trotzen. Sie sind vorbereitet.

Wanderer erkennen einander auch in Verkleidungen, wie die Arbeistlosen, die Obdachlosen, die Trinker, die Musikanten, die Weisen und die Juden. Und überhaupt alle, die ganz auf sich selbst zurückgeführt sind, aus Charakterstärke oder äußerem Zwang.

Wanderer sind Narren, die sich aus dem Stinkicht einer besitzbeherrschten, autostrotzenden Gesellschaft ins Dickicht der Berge und Wälder flüchten ohne die Hoffnung, sich verbergen zu können.

So sind die Texte gedacht: Von einem Wanderer für einen Wanderer. Man bedenke aber, daß wir doch alle Wanderer durch das Leben sind. Vielleicht öffnen meine Worte manches Auge für die Fußwege im Geiste, und für den Blick auf eine Pflanze, ein Tier, einen Menschen.

Mehr will das Büchlein nicht.

zum Seitenanfang

  Inhaltsverzeichnis  
  Einleitung  
Berge

Landschaft

Tiere

Spuk

Narren

Legenden

  Impressum  


Pepík auf dem Rosenberg

An einem frühen Morgen öffnete sich langsam die Tür unter dem Vordach am Forsthaus von Rúzová, was auf deutsch Rosendorf heißt. Pepík hob sich auf die Zehenspitzen und schaute vorsichtig über die Brüstung auf die leere, sonnenüberflutete Straße. Dann kam er ganz heraus, lehnte einen Wanderstab an die Mauer, legte ein kleines Bündel dazu und schloß die Türe leise mit beiden Händen. Er nahm Stock und Bündel wieder auf, stieg die beiden Stufen zur Straße hinunter und ging mit Schritten, so rüstig, wie sie ein Fünfjähriger eben zustande bringt, aufwärts zum Dorf hinaus.

Die Smidtová, die gerade ihr Bettzeug zum Lüften auf die Fensterbänke in die warme Sonne legte, sah ihn vorbeiziehen mit dem Stock, den er geschultert hatte, weil er wohl doch ein bißchen zu lang war, als daß er hätte beim Gehen unterstützen können, mit dem Bündel und der viel zu kleinen grünen Jacke. Sie machte sich auf, um im Forsthaus nach dem Rechten zu sehen und fand den Großvater hinten im Obstgarten. Er verstand die alte, wortkarge Frau schnell. Nachdenklich betrachtete er sein linkes Handgelenk, das manchmal schmerzte, und dann den Ruzák, den Rosenberg. Die sechshundert Meter hohe Basaltkuppe, geheimnisvoll umhüllt von dichtem Rotbuchenwald, duldete wohlwollend und mürrisch das Dorf unter sich.

"Pepík ist ein ernsthafter Junge", sagte der Großvater. "Ich werd's dem Revierförster zu Mittag erzählen." Er nannte den Schwiegersohn immer nur nach seinem Amte. Die Smidtová nickte und ging.

Pepík bog inzwischen an den wie immer ein wenig stinkenden Futtersilos in die Wiesen ein. Am Úvoz, der eigentlich gar kein Hohlweg war, sondern ein schattiges, kühles, auf beiden Seiten von Eschen und Eichen und mancherlei Gesträuch geschütztes Stück Feldweg, blieb er stehen.

Bis hierher war er mit den anderen Jungen schon gekommen. Schatten und Regenschutz der Bäume, dichtes, trockenes, hartes Gras und der Abstand zum Dorf machten die Stelle anheimelnd und heimlich.

Er lehnte sich an ein Stück alten Zaun, blickte zögernd zu den Häusern zurück und dann vorwärts, um das nächste von den gelben Wegezeichen zu finden, die ihn zum Gipfel des Berges führen würden. Schließlich überschritt er die Grenze seines bisherigen Lebenskreises hinaus ins Sonnenlicht.

Gegenüber am Hutberg hatte der Revierförster ein paar Waldarbeiter eingewiesen und suchte mit dem Fernglas die Felder am Rúzák nach Hirschkühen ab, die vielleicht noch nicht in den Schatten des Waldes zurückgewichen waren. Er sah seinen Sohn, den Wanderstock, das Bündel und die grüne Jacke und erinnerte sich seiner lehrhaften Reden über unauffällige Kleidung im Walde und das Ziel der gelben Wegemarkierung. Das beruhigte ihn.

Pepík ging weiter den nun asphaltierten Weg am Waldrand entlang, dann rechts einen Trampelpfad durch den Farn. Schließlich begann dort, wo der Pfad den Fahrweg noch einmal berührte, der Aufstieg, erst geradenwegs, später in ständigen Kehren. Zweimal traf der Pfad auf den steilen Abfall in eine Geröllgrube. Von dort sah Pepík weit bis hinein ins Deutsche mit seinen sonderbar geformten Sandsteinbergen. Es ging nun steiler bergauf und wurde beschwerlicher durch Geröll, Brennessel und querliegende Baumstämme. Pepík war leicht, und die Schwierigkeiten beeindruckten ihn nicht. Nur Stock und Bündel störten ein wenig. Die warme Jacke knöpfte er auf. Am Abzweig, wo links der Weg ins Nachbartal geht und rechts zum Gipfel, bog er auch richtig ab. Oben fand er die Grundmauern des zerfallenen Gasthauses und die Klippen. An der unteren, kleineren Klippe, ein Stück vom Wege ab, setzte er sich müde ins Gras, kaute ein Hörnchen aus seinem Bündel und trank einen Schluck Wasser aus der Flasche. Der Aufstieg in dieser heißen Luft hatte viel von seinen kleinen Kräften verbraucht. Seine Gedanken, eben noch scharf auf den Weg, die Hindernisse und die Geräusche rundumher gerichtet, zerfielen. Er legte den Kopf auf das Bündel und glitt in einen zufriedenen Schlaf.

Seine Leute in der Försterei saßen am Mittagstisch. Die Mutter hatte vormittags im Gemischtwarenladen gearbeitet und sah nun ängstlich und erbittert auf die Männer, die ruhig ihre Suppe und ihren Knödel aßen und schwiegen.

Am Nachmittag stieg auch der Revierförster auf den Berg. Stark und im Steigen geübt, brauchte er eine Stunde bis zum Gipfel und weckte seinen Sohn, der noch immer schlief. Sie kehrten gemeinsam zurück. An den Lichtungen blickten sie bedächtig übers Land. Der Vater nannte die Namen der Berge und Dörfer.

Als der Abend zu dunkeln begann, hockten Großvater und Revierförster hinterm Haus mit ihrem Rotwein.

"Auf halbem Wege zur Wolfswiese holte mich mein Vater ein." Der Revierförster stammte aus dem Isergebirge. "Ich war losgegangen, um den Wolf zu suchen." Der Großvater betrachtete sein linkes Handgelenk und erinnerte sich an das Gefühl unbändiger Freiheit. Es hatte ihn auch nicht verlassen, als er beim Abstieg aus dem Riß rutschte und drei Meter tiefer auf dem Waldboden aufschlug.

Der Vater blickte auf den schwarzen, im Dunkel flüsternden Rosenberg, der Großvater auf das geöffnete Fenster unter dem Dach, wo Pepík schlief. "Mehr als ein Geburtstag", dachten sie, "der Tag, an dem es allein in die Welt ging."





Trotzig steht er da, einsam emporstrebend aus der Tiefe des Zschands, alles um sich her überragend. Zwar erreicht er nicht die Höhe des Massivs drüben, aber er steht weitab genug, daß er sich nicht vor Mächtigerem bücken muß.

So dachte wohl auch der recke zcum wintersteine, der hier im fünfzehnten Jahrhundert hauste. Die Landesherren und der Städtebund bedrängten ihn. Aber ein allein stehender Mensch ist weniger fest als ein allein stehender Fels. Nachdem man Nachbarn und Freunde gezwungen hatte, dem wilden Gesellen abzuschwören, wurde er gedemütigt und vertrieben.

Sand und Steine in Massen hat der Felsen abgeworfen, als er sich vom Massiv löste. Wasser und Wind haben das meiste davon mitgenommen. Eine mächtige Halde ist übriggeblieben und ein Blocksaum am Fuß des Felsens.

Beides überwindend erreicht man den Zugang der Höhle. Sie war ein Teil der Unterburg. Steinbänke sind hier aus jener alten Zeit und eine Feuerstelle aus neuer. Und natürlich die Leiter zu dem Band. Ohne sie wäre es nur Bergsteigern möglich, hinauf und in die Kluft zu gelangen, die zum Gipfel führt. Nach dem vorerst letzten deutschen Kriege waren die Steiganlagen verrottet und entfernt, und die Kletterer fanden siebzehn Wege, die alle den sächsischen Regeln entsprachen. Dann stellten eifrige Wanderer eine hölzerne Leiter auf. Das Band blieb frei. Heute ist alles aus Edelstahl. Zappelige, atemlose, kreischende Touristen schützt ein Fangkorb.

Ich steige hinauf. Es ist ein milder Sommerabend. Die wimmelnden Fremden hasten schon auf ihren Heimwegen.

Im oberen Teil der Leiter muß ich mich wie gewöhnlich flach auf sie legen. Der Rucksack schabt am Stein. Ich tappe durch die Kluft und halte mich dann rechts. Da ist der Riß. Ich muß den Rucksack abnehmen. Schließlich tauche ich auf das Plateau.

Oben sitzt einer, der so alt ist wie ich, und beobachtet mich. Ich nicke ihm zu und sehe mich in der Landschaft um, wie ich es gewohnt bin. Der Mann sagt:

"Komm her! Heute ist hier der beste Platz." Ich setze mich neben ihn und lasse wie er die Beine in einen Riß baumeln.

"Rotwein?" Er gießt den Rest aus seiner Flasche in meinen Becher. "Oft hier oben?"

"Früher. Jetzt nicht mehr. Zuviel Leute."

Er grinst.

"Abends geht's. Mußt nur sehen, daß de runterkommst, eh's dunkel wird. Sonst kannste dir de Knochen brechen."

Da hinten geht eine rotgelbe Sonne unter. Die Kette der Schrammsteine schwimmt wie dunkler Dunst in hellerem. Ich grabe aus meinem Rucksack die Flasche und schenke nun ihm ein. Er kostet.

"Na", sagt er, "auch aus'm Karton?"

"Für unterwegs ist er gut. Nicht zu süß,und man braucht nicht zu sparen. Außerdem ist er schön voll Luft durchs Schütteln. Zu Hause kriegt man das nicht hin."

Er schweigt eine Weile, als wäre er gerührt, daß ihm ein anderer seine Gedanken vorspricht. Die Sonne ist kaum noch zu sehen. Laue Luft beginnt, über den Felsen zu streichen.

"Nur einmal bisher habe ich unten gestanden und bin nicht hochgestiegen, an einem Abend zehn Tage vor Weihnachten. Der Schnee lag mehr als knöcheltief. Bis in die Höhle bin ich gekommen. Die alte Holzleiter stand noch drin. Das Band glänzte im Dunkel, schwarz, vereist. Eine Freundin war mit dabei. Die einzige in meinem Leben, der ich eine von meinen Stellen zeigen wollte. Sie hatte sich für die Tour nur mühevoll losmachen können. Wir sahen hinauf. Bei aller Unvernunft. Es ging nicht.

Unten auf der Zeughausstraße kam dann ein Taxi. Stell dir vor: Winter, Abend, diese Gegend, ein Taxi! Wahrscheinlich hatte es jemanden ins Ferienheim gebracht.

Wir fuhren zurück. Die ganze Zeit überlegte ich, ob mein Geld reichen würde.

Letzten Endes war aber alles ein Glück für uns. Ich hatte mich mit der Zeit völlig vertan. Ohne Eis und Taxi wären wir viel zu spät zurückgekommen."

Er schweigt eine Weile. Dann trinkt er langsam den Wein aus, so, wie ich es auch gern tue: Er füllt sich den Mund und wartet lange, ehe er schluckt. Dann spricht er mit langen Pausen:

"Wir waren nur kurz zusammen ...

... nicht mal einen Monat ...

... ich war neu, ganz neu und anders ...

... und habe ihr nie danken können."

Die Dämmerung wird zu tief. Wir steigen zurück.

"Willste übers Massiv oder zum Beuthenfall?"

Wir gehen nach Schmilka und sprechen miteinander nur noch die wenigen Worte, die der Weg notwendig macht.



Der Rachel

Drei Juwelen besitzt der Rachel: einen Smaragden, einen Rubin und einen Aquamarin. Kleinode, die er nicht im Tresor verborgen hat, weil sie niemand davontragen kann, und weil er sie, die Insignien seines Standes, nicht ablegen kann. Frei und offen strahlen sie jedem entgegen, kaum zu schützen vor Schmutz und Schändung.

Der See ist der Smaragd. Umgeben von steilen Hängen, die beinahe genauso senkrecht aufstreben wie die Fichten, die auf ihnen wachsen. Schweben die Wolken tief, ändert er seine Farbe, wird milchig, fast weiß. Alles scheint flacher zu werden: das Wasser, die Landschaft, das Licht. Im Herbst schmücken rote Vogelbeeren und buntes Laub seine Ufer.

Am besten, man ist morgens hier. Stille lebt ringsum. Die Insekten fliegen noch nicht. Die Vögel warten, daß der Tau auf ihrem Gefieder trocknet. Aber der Wald reckt sich schon ein wenig. Es knackt da und dort. Manchmal raschelt es auch.

Die Fläche des Sees ist unbewegt. Nicht, daß sie schwer lasten würde. Sie schwebt über dem Grund und atmet kaum. Der Hang gegenüber verdämmert im Dunst. Es ist kühl und feucht.

Dann tönen irgendwoher Stimmen. Ich fliehe den Berg hinauf.

In halber Höhe steht die Kapelle auf einem Felsvorsprung. Ganz aus Holz ist sie gebaut. An einer Seitenwand entlang kann man nach vorn gehen. Unten liegt still der smaragdene See. Noch immer verhängt Dunst die weitere Sicht. Die Tür der Gotteskate ist mit einem hölzernen Riegel mehr festgehalten als versperrt. Innen schimmert das blanke Holze, bedeckt von der Erinnerung an die Hände, die es berührten und bearbeiteten. Schrifttafeln sind da. Eine berichtet von Johann Lentner, dem Herrgottsschnitzer. Heilige Augen blicken hernieder. Eine Glocke im Gebälk kann rufen, wenn es nötig ist.

Rubinrot warm wird die Seele eingehüllt von der Andacht der Erbauer und der Beter dieser Hütte Gottes. Hocken möchte man hier, wenn Wetter und Jahreszeit den Grellen aus der Welt der Plakate mit ihren lauten Stimmen und verschleierten Zuschauerblicken den Weg hierher verleidet haben.

Heute steige ich weiter aufwärts.

Über den Gipfelklippen reckt sich hochauf das Kreuz. An feierlichen Tagen hebt ein tiefblauer Himmel das schwarzbraune Holz hervor aus dem unendlichen Raume und der Christus leuchtet silbrig, verkündend seine eindringliche Botschaft. In grauen Alltagen steht es mahnend, herausgehoben auf dem Berg, Sinnbild der Beständigkeit eines Glaubens.

Bei gutem Wetter krauchen unzählige Menschen vom überfüllten Parkplatz her die markierten Wege den Berg herauf. Zirkusbunt sind sie gekleidet in Sachen, die einem Regenguß oder einem stärkeren Wind nicht standhalten würden. Ihre Schuhe klagen noch mehr als die darinsteckenden Füße über die Beschwerlichkeiten des Weges. Laut und aufdringlich fegen ihre leeren Worte durch die Luft. Dann wimmeln sie um IHN herum. Selbst diejenigen, die sonst in Kirchen ein Kreuz zu schlagen pflegen, halten es hier nicht für nötig, hier, vor einem Altare, der nicht nur Heil und Triumph verkündet, der nicht nur erinnert an die Liebe zum Nächsten, sondern der auch die Verantwortung des Menschen für die Schöpfung beschwört. Man schwatzt, hoppelt über die Felsen und eigentlich langweilt man sich. Die Landschaft wird nicht betrachtet und das Kreuz nicht beachtet, es sei denn, jemand zückt seine Kamera zu einem Gruppenbild mit dem Herrgott.

Ein Frommer hockt am Fuße des Kreuzes bei Nebel und allein. Unauffällig. Er hebt sich kaum vom Stein ab. Die weiten Landschaften des Gebirges sind verborgen, aber er spürt sie. Ob er gläubig ist oder nicht: Andacht erfüllt ihn. Kraftvoll und standhaft leuchtet der Aquamarin im Dunst. Ruhig und sicher steigt der Wanderer wieder ins Tiefland hinab.

Drei Juwelen trägt stolz und bekümmert der Rachel.



Abend auf der Goldsteinaussicht

Endlich habe ich das letzte und beschwerlichste Stück hinter mir, bin oben auf dem Massiv und tappe über den Waldboden vor zur Aussicht. Das gehört zu meiner Ordnung auf dem Heimweg aus dem Großen Zschand: Den steilen Roßsteig geht es mit den letzten Kräften hinauf, ein bißchen hilft das Bier aus dem Zeughaus mit, und dann muß die Ruhepause auf der Goldsteinaussicht sein.

Abends ist niemand hier. Die einen streben nach Schmilka zum Zug und haben es eilig, wie ich manchmal. Sie laufen vorbei, wie ich trotz allem niemals. Die anderen hasten in ihr Urlaubsquartier. Sie ängstigen sich in der Dämmerung. Nichts zieht sie her.

Ich setze mich auf den bequemen Stein, der gerade die richtige Höhe hat, daß die Beine verschnaufen können, und einen Absatz, auf dem der Rucksack steht. Ich brauche mich nicht aus den Riemen zu winden, hole tief Luft nach den Mühen des Aufstieges und sehe hin.

Da ist gar nichts. Eine ergrauende Landschaft ohne diese schroff verzerrten Formen, die die Weithergekommenen an diesem Gebirge reizen. Unten ruht schwer das Tal, der Zschand, bis oben mit Fichten gefüllt. Im zerstreuten Licht mischt das Auge Baum und Stein. Dieser Fleck ist die Sommerwand und jene Spitze kein Wipfel, sondern ein Felsen am Klingermassiv. Doch ich will mich nicht auskennen, schwebend in diesem Raume bis zur Grenze von Himmel und Erde. Die Basaltkuppen da hinten im Böhmischen, sie sind da, ich muß sie nicht sehen.

Heute klirren keine Karabiner der Kletterer vom Goldstein herüber. Nachmittags hatte es geregnet, und es ist mitten in der Woche. Das Laub am Boden liegt still. Die Vögel sind schlafen geflogen.

Lautlosigkeit legt einen Reifen um das Gehirn. Es schmerzt. Die grauen Flächen bedrängen mich. Sie zerlaufen in der Dämmerung wie in der Zeit. Fahles Licht, auf dem ich gleite, in dem ich mich auflöse und Teil von ihnen werde.

Durch das Grau fließt Luft und zieht mich zurück auf meinen Sitz. Der Reifen löst sich. Das Bild sinkt in die Dunkelheit.

Niemals werde ich an der Goldsteinaussicht vorbeilaufen. Sie wiederholt sich nicht, wie auch meine Erinnerung wegtreibt. Immer gehe ich anders von ihr, als ich kam.



Stille

Über allen Gipfeln
Ist Ruh',
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Goethe, Wandrers Nachtlied

Die Kraft der Geräusche ist meßbar. Die Macht der Stille nicht. Auch der tiefsten Stille wohnt Bewegung inne. Ist der Mensch dahin gelangt, wo er die Stille empfindet, und läßt sich tiefer gleiten, wird die Bewegung stärker.

In Goethes Gedicht nur scheinbar nicht. Mit diesem "kaum" wird Bewegung angedeutet. Da bleibt der Hauch von einem Hauch, der die Tiefe der Stille ausmacht. Nicht, daß etwa die Blätter raschelten. Aber ein wenig bewegen sie sich. So, als ob sie zeigen müßten: sie leben, sie nehmen teil an der Stille.

Die Vögelein schweigen. Der Stadtmensch Becher hat geschrieben, daß damit "die Ruhe wiederholt wird, immer ruhiger, die Stille immer stiller wird". Er irrt. Sicher wird die Stille immer stiller, aber nicht dadurch, daß die Ruhe ruhiger wird. Goethe erinnert an die Vögelein. Da ist genügend Bewegung von ihnen zu hören. Das Rascheln eines Blattes am Boden. Der Luftstoß eines Flügelschlages. Das Knistern eines entlasteten Zweiges.

Ein Nachtlied. Am Ende ruht der Wandrer in der Natur und löst sich in ihr auf. Auflösung ohne Bewegung aber ist unmöglich.

Und ein stiller Wald ist voller Bewegung. Ihr Geräusch ist ganz leise, oft nur zu spüren, nicht zu hören. Selbst der Tanz der Moleküle in der Luft gehört zum Atem der Natur.

Es ist ein Nachtlied.

Tagsüber johlen die Touristen über die Gipfel, Flugzeuge dröhnen, der Wind saust durch die Bäume oder der Regen klatscht oder das Licht der Sonnenglut rauscht im Laub. Die Vögelein schweigen nicht. Sie lärmen, tauschen Signale, pfeifen aufdringlich nach den Weibern oder pladdern nur einfach so vor sich hin. In der Ferne randaliert die Technik.

Die Nachschlagewerke tun sich schwer mit der Bestimmung dessen, was Stille und was Ruhe ist. Aus den großen Deutschen Wörterbüchern liest man kaum einen Unterschied zwischen beiden Begriffen heraus. Nur in den übertragenen Anwendungen. Aber gerade das hätte doch die Autoren anspornen müssen, auch beim Grundbegriff genauer zu sein. Sie haben es versäumt oder nicht gekonnt. Es verblüfft dann um so mehr, daß in dem kleinen Bedeutungswörterbuch des DUDEN der feine Goethesche Unterschied voll erfaßt wird: Ruhe ist das Aufhören der Bewegung, der Stillstand, und Stille ist ein Zustand, bei dem kaum ein Laut zu hören ist.

Wenn den Menschen die Schwingungen des Ganzen durchdringen und er ihnen antwortet, dann ist Stille. Die Geräte des Physikers mögen etwas anderes anzeigen: Kirchenglocken, das ferne Fauchen eines Autos, das Brummen eines Flugzeuges.

Ein jeder hat seine eigene Stille.

Der alte Weise hockt inmitten wimmelnder Menschen, eine gläserne Glocke aus Gedanken über sich gestülpt.

Der Junge schläft, eingepackt in dröhnende Lautsprechermusik.

Der Nervöse schrickt selbst bei kleinen hörbaren Geräuschen zusammen.

Die Hausfrau sitzt mit einer Tasse Milchkaffee in der Küche neben dem summenden Kühlschrank und lauscht dem Knacken der Heizung.

Die Katze liegt mit geschlossenen Augen im Lüftungsloch einer Backstube, umgeben vom Tumult der Straße. Sie hat eine Seele und empfindet Stille. Mancher streitet das ab.

Der Wanderer ruht auf dem Stamm der windgefällten Buche und lehnt den Rücken gegen einen Ast. Die Geräusche seiner Schritte und das Knarren des Rucksackes haben ihn den ganzen Tag begleitet und sind nun verstummt. Die Vögelein schweigen im Walde. Der Abend dämmert in die Nacht hinein.

Jeder hat seine Stille.



Klang der Landschaft

Jemand sagt, ein Gebirge wäre mannigfaltiger und ihm deshalb als Urlaubsgegend angenehmer als ein Strand. Er braucht die Unruhe der Bilder beim Drehen des Kopfes, nicht ihren Inhalt. Ein anderer fährt lieber an die See als in die Berge, weil er gern faul herumhängt, und Sonne, Sand und schiere Weiber ihm genügen.

Es gibt Menschen, die sind musikalisch. Jeder Ton findet in ihrer Seele Widerhall.

Andere ergeben sich in der Stumpfheit ihrer Sinne den dumpfen Druckstößen entarteter Rhythmen aus hochgetürmter Elektronik, dem belanglosen Gefasel grinsender Schönlinge, diesem und jenem aus der Hochglanzwerbung.

In gleicher Weise verhalten sich die Menschen zu den Landschaften, einerlei, ob es Berge sind oder Ebenen, Strände oder Ströme. Die einen nehmen auf, die anderen verbrauchen.

Niemand soll sagen dürfen, ich würde hier unzulässig werben oder etwas unberechtigt vergessen. Deshalb werde ich keineswegs aufzählen, wo die Leute hinfahren und wohin nicht. Aber ein Gegenbeispiel will ich versuchen: den Klang der Landschaft unter dem Kipphorn. Ich verrate nicht, wo das ist. Denn es bestände die Gefahr, daß einige mehr hier auftauchen, die eine genormte Kulisse eigentlich besser befriedigt. Es wird nichts zu hören sein. Aber auch die Noten eines Musikers sind stumm. Nur dem erschließen sie sich, der sie zu lesen oder zu spielen versteht oder - ein seltener Fall - jemanden kennt, der sie ihm wahrhaftig ertönen läßt.

Ganz links will ich beginnen: Durch den Dunst dämmert eine Flanke vom Rosenberg, der Rest ist durch Wipfel verdeckt. Ruzová, Janov und Labská strán ducken sich auf die Ebenheit. Unten strömt die Elbe vorbei an Dolní zleb, an den Dalben einer Anlegestelle bei Hrensko und an der Gelobtbachmühle. Jenseits des Flusses ruhen schwer auf dem Land der Snêzník, der Große und der Kleine Zschirnstein. Die Häuser von Schöna und Reinhardtsdorf drängen sich zwischen Zirkelstein, Kaiserkrone und Wolfsberg. Dahinter in der Ferne schwimmen der Müllerstein und der Lampertstein. Davor lagert die Bande der linkselbischen Steine: Laasensteine und Kohlbornstein, Pfaffenstein, Gohrisch und Papststein - am Papststein sieht man immer noch die helle Narbe vom Felssturz - Kleinhennersdorfer Stein mit Kleinhennersdorf, der Königstein mit seiner Festung, Kleiner Bärenstein und Großer und der Rauenstein. Der Lilienstein, höher als alle, wuchtig und von der Elbe umflossen, herrscht über sie. Krippen, Bad Schandau, Postelwitz hocken im Tal, Weißig, Rathmannsdorf und Ostrau auf den Ebenheiten. Ganz rechts zieht sich die Schrammsteinkette hin.

Und dazwischen vieles, was eben eine Landschaft ausmacht: Wälder, Wiesen und Wege, Häuser, Hügel und Hänge, Färbungen, Felsen, Steinbrüche und der Fluß mit Fähren und Brücken.

Weiter unten jault manchmal eine Motorsäge, Vögel singen, still und langsam gleiten zwei Lastkähne stromauf. Gelegentlich brummt in scharfem Fluge eine Hummel vorbei. Die ist das scheinbar lauteste Geräusch, das selbst das Rollen des Zuges im Tal übertönt. An der Motorsäge bricht ein Baum nieder. Die Säge tönt weiter. Eine zweite mischt sich ein. Bald wird es wieder brechen.

Ein Grünfink hüpft rechts durch die Eberesche. Dann kommt er auf mich zu, wird aber mißtrauisch und fliegt weg.

Nun ist auch der zweite Lastkahn hinter den Bäumen im Tal verschwunden. Beide kamen stromauf, deshalb werden wohl die Schiffsführer nicht wegen Rauschgift, Schnaps, Zigaretten und heimlichen Fahrgästen bangen. Geschmuggelt wird in anderer Richtung.

An einem Schönwettertag in der Woche kommen höchstens zwanzig Leute hier herauf. Die Hälfte von ihnen bleibt nur die wenigen Minuten, die sie braucht, um das Häkchen im Verzeichnis zu machen und das Belegfoto anzufertigen. An guten Wochenenden kommen mehr, und ein größerer Teil bleibt länger.

Die Stille wird gefährlich. Draußen beginnt es zu flüstern und zu rufen. Ich verliere die Verbindung zum Felsen, auf dem ich sitze, zu den Bäumen, die ringsum leise rauschen, zu den Orten, wo ich herkomme und zu den Menschen, mit denen ich lebe.

Aber eine Landschaft hält gewöhnlich die Gebote. So wird der Bann von mir genommen, ehe es zu spät ist. Die Erinnerung bleibt.

Sela.



Leutascher Ache

Wenn der Gaisbach die Tillfußalm erreicht hat, nennt man ihn die Leutascher Ache. Ihre Wasser stammen von rechts aus der Mieminger Kette und von links aus dem Wettersteingebirge. Der Igelseebach, der Schwarzbach, der Kotbach, der Salzbach, der Klammbach und viele kleinere Bäche und Quellen fließen ihr zu. Hat sie sich dann schließlich durch die Talenge am Kalvarienberg gewunden, rauscht sie stattlich durch Oberleutasch dahin. Grünmilchig schimmert sie vom mitgeführten Kalkschlamm aus den Felsregionen nach einem Regen. Ist das Wetter trocken, wird sie allmählich klarer. Auch die Wasser aus den Mooren sind klar, aber ein wenig braun, und halten sich eine Weile getrennt von den anderen. Am Ausgang des Tales drückt sie sich dann durch die Leutaschklamm, um bei Mittenwald die Isar zu erreichen.

Ihr Bett ist gefüllt mit kalkigem Geröll. Das scheint ihr zu gefallen. Dazwischen liegen ein paar große Brocken. An den scharfkantigen schäumt sie spielerisch vorbei, über die runden streicht sie leicht hinweg. Die Stufen rauscht sie hinunter. An einigen Stellen haben die Menschen versucht, ihr mit Deichen Grenzen zu setzen. Jetzt im Sommer stört sie das nicht. Auch wenn es stark regnet, bleibt sie zwanglos in ihren Grenzen.

Der Städter aus dem Tiefland hält sie zunächst für schmutzig: Das Wasser trüb, die Ufer unaufgeräumt. Wenn er die Trübe sieht, denkt er an die vielzitierten "häuslichen Abwässer" mit Spülicht und Waschmitteln. Die verwilderten Ufer mit den großen Pestwurzblättern über dem Geröll verbindet er mit angeschwemmtem Unrat: leeren Bierdosen, Plastflaschen und allerlei anderen Abfällen.

Dann sieht er genauer hin und gesteht: die Trübe ist reines, unverfälschtes Naturprodukt und die Ufer blieben ganz ohne menschliche Zugaben. Trotzdem zögert er, sich auf eine der Bänke zu setzen, die der Tourismusverband aufgestellt hat, weil sein städtischer Instinkt auch nach der vernünftigen Erkenntnis noch immer den Gestank menschlicher Absonderungen fürchtet.

Er setzt sich dann aber doch. Vor sich hat er die Hänge und Schrofen des Wettersteingebirges, unten dunkelgrün vom Wald, darüber hellgrün die Matten und noch weiter oben in hellem Grau der blanke Fels mit weißen Schneeresten in Rinnen und Löchern, mit großflächigen braunen Einlagen und den schwarzen Flecken der Wasseraustritte.

Im Rauschen des Flusses glätten sich seine Gedanken. Sie schreiten dahin, geordnet in natürlichem Gang. Nur wenige zucken noch jäh auf wie eine springende Forelle.

Die Höhen locken ihn. Er weiß um den gelösten Frieden da oben, wenn nicht die Mühen und Gefahren schlechten Wetters und fehlenden Proviants drohen. Er kennt die weiten Blicke hoch über allen bedrückenden Kleinigkeiten des Alltagslebens. Er spürte den frischen und befreienden Wind.

Er hat aber auch die Mühen der Aufstiege und die oft noch größeren Anstrengungen der Abstiege erfahren. So schwankt er zwischen Sehnsucht und Bequemlichkeit. Er ist noch nicht gar zu alt, und das Bergweh ist noch immer stärker als die Furcht. Irgendwann einmal wird ihn oben das schlechte Wetter überraschen (oder ist er absichtlich hineingelaufen?). Er wird den Genuß des Sieges kennenlernen oder die weise Ruhe einer überwundenen Niederlage. Oder es wird nichts von seinen letzten Gedanken bleiben als die Eintragung in ein Gipfelbuch: "Plötzlicher Schneefall."

Grünmilchig rauscht die Ache dahin und nimmt behutsam auf, was die Menschen an ihren Ufern empfinden. Sie fließt. So wiederholt sich ihr nichts, auch wenn es jahrhundertelang immer wieder gedacht worden ist.



Wegweisen

Wegweisen ist eine Kunst. Eine lange Erfahrung des Gewiesenwordenseins gehört dazu, Weisheit und Charakter, die dem Anderen Schwächen und Fahrigkeit zugestehen. Wegweisen macht verantwortlich für die Leiden Irregehender.

In Zeiten, als es nur wenige Wege gab, genügte eine Kerbe in der Rinde eines Baumes, um den Wanderer wissen zu lassen, daß er sich nicht auf einem Wildwechsel befand. An den seltenen Kreuzungen zog man die Himmelsrichtung zu Rate. Jeder wußte, wo die Sonne auf- und wo sie unterging. In den Siedlungen konnte man einander fragen, denn der Fremde war noch nicht Ziel von Spott und Haß, und er schirmte sich nicht mit Glas und Blech von den anderen ab.

Als die Zahl der Straßen und Wege zunahm, mußten sie gekennzeichnet und benannt werden. Besonders notwendig war das in den unübersichtlichen Wäldern des Tieflandes. Wegzeichenschneider versahen die Bäume mit ihren seltsamen Sigeln. Die Menschen leiteten daraus bildhafte Namen ab.

Dann kamen Postmeilensäulen und Schilder auf. Damit wurde eine Grenze überschritten: Die Reisenden mußten lesen können.

Heute steht der Mensch wieder an einer Grenze, die er aber wohl nicht überschreiten kann: Die Zeit, die er braucht, um ein Wort zu lesen, aufzunehmen und zu verarbeiten. Die Schilder und ihre Schrift werden groß. Das in den Irrgärten der Autobahnabzweigungen dahinrasende Wesen muß sie früh genug lesen können, damit ihm ausreichend Sekunden bleiben für die Entscheidung, was es tun will, wenn es sie erreicht hat.

Der Wanderer, der noch nicht verdorben ist von der zerstörerischen Hast moderner Fortbewegung, kann still vor einem Pfahl stehen, bedachtsam die Schilder lesen und sein Gedächtnis und die Karte zu Rate ziehen, kann in Ruhe die Markierungen betrachten und seinen Weg wählen. Ist er geübt, wird er nicht irren.

Es sei denn, einer von Hastigen hat die Schilder angebracht; ohne Verstand für die Feinheiten des Geländes, wo rechts nicht einfach rechts ist und links nicht links, sondern beides eine Vielfalt von Richtungen; ohne zu bedenken, daß es gar nicht gleichgültig ist, woher man kommt, wenn man die Markierung erkennen und richtig deuten soll; ohne zu fühlen, daß für den Wanderer ein kilometerlanger Umweg auch ein stundenlanger ist und unter außergewöhnlichen Umständen der Tod.

Wegweisen ist eine Kunst. Und es ist wie bei jeder Kunst: Die Künstler beherrschen sie, den anderen kann sie nicht gelehrt werden.



Wegenetz

Wege haben ein zähes Leben. Gebirge lenken seit jeher die Schritte des Menschen in Täler und Schluchten, auf Sättel und Pässe. In den Niederungen bestimmen Sümpfe, Flußläufe und Furten den Verlauf von Weg und Steg. Auch heute, wo die Technik mit der rohen Gewalt ihrer Tunnel, Brücken und Einschnitte der Natur gerade Linien aufzuzwingen versucht, werden alte Verbindungen noch erkannt und verwendet. Selbst in den von Bauleuten und Bomben umgewühlten Städten bleiben Straßenführungen über Jahrhunderte erhalten.

Auf diese Weise wurde die Dresdner Heide ein von Wegen zerfurchter Wald. Immer wieder neue Verbindungen zwischen Siedlungen wurden geschaffen, neue Steige für die Jagd, neue Pfade für die Waldarbeiter, neue Abfuhrmöglichkeiten für das Holz. Sogar zur Gliederung und Verwaltung des Bestandes schlug man Schneisen und Flügel. Aber immer blieben dort, wo der Wald erhalten blieb, auch die alten Linien bestehen. Wenige nur verwuchsen. Lediglich ein paar hundert Meter wurden bewußt überpflanzt.

Der älteste Weg in der Heide ist der Rennsteig, mit dem Diebssteig als Nebenarm. Seit der Steinzeit wird er benutzt. Die alten Germanen kannten ihn und verloren auf ihm manches, was heutzutage wiedergefunden wurde und ihre Anwesenheit in der grauen Vergangenheit bestätigt. Dann war er Teil einer alten Salzstraße aus der Hallenser Gegend ins Böhmische, die klüglich die Niederungen mit ihren Städtegerechtsamen, schlammigen Straßen und Wegelagerern vermied.

Später, im Mittelalter, entstand eine neue Verkehrsader: der Bischofsweg. Er verband den Bischofssitz Meißen mit der bischöflichen Burg Stolpen und umging sorgfältig das Weichbild des markgräflichen Dresden. Im Jahre 1559 heimste Vater August, der Kurfürst, Stolpen ein. Mutter Anna, seine Frau, begann im Seigerturm ihre Lehrküche für Bäuerinnen zu betreiben, mit ihrem dänischen Verstand für wohlfeile und wohlzubereitete Speisen. Aber der Bischofsweg blieb.

Über die vielen kleineren Verbindungen, die sich die Menschen damals in der Heide schon geschaffen hatten, wurde ein Spinnennetz gespannt: die Stellflügel und Treiberwege des Dresdner Saugartens, den Vater August hatte anlegen lassen. Strahlenförmig gingen von der Helle die heute noch begehbaren Flügel aus, die verbunden wurden durch die konzentrischen Kreise der Treiberwege. Es scheint das Spielwerk eines Mathematikers zu sein: ein Polarkoordinatensystem. Mit Ziffern an den Achsen und Kreisen, nicht mehr mit den alten geheimnisvollen und verworren deutbaren Wegzeichen.

Dreihundert Jahre später versuchte sich ein anderer nochmals auf die mathematische Art: Cotta. Der nun nahm ein kartesisches System mit Buchstaben für die Flügel und Ziffern für die Schneisen.

Dazwischen geschah vielerlei: Die Schweden drangsalierten die Heidedörfer im Dreißigjährigen, die Preußen schossen tausende Stück Wild im Siebenjährigen Krieg. Die Kurfürsten wurden Könige und wieder Kurfürsten und wieder Könige und wieder Kurfürsten und wieder Könige. Und der Moritzburg-Pillnitzer Weg wurde gebaut zwischen dem Jagdschloß und der Sommerresidenz, eine frühe Umgehungsstraße um das zeitraubende Dresden herum.

Heutzutage sieht nun die Karte der Heide aus wie ein Schnittmusterbogen, dessen Linien zu den Teilen der Kleidungsstücke gehören wie die Steige, Wege und Straßen zu den Ständen der Epochen. In einem Netz von Verbindungen hat der Mensch den Wald gefangen und sich dienstbar gemacht.



Das Saugartenmoor

Medienmordkrimiwirksam ist das Saugartenmoor in der Dresdner Heide beileibe nicht. Wenn ich den Wissenschaftlern glauben würde, müßte ich sogar sagen, daß es gar kein echtes Moor ist. Zwar befindet es sich auf dem besten Wege dahin, eines zu werden - immerhin steht es seit fünfundzwanzig Jahren unter Naturschutz - aber sein Ziel hat es noch lange nicht erreicht.

Einer seiner Freunde wollte alles genau wissen und hat es ausgemessen. Dann schrieb er: "Dieses Moor hat eine Größe von 75 m x 60 m und eine Tiefe von maximal 2,85 m." Na also, kein halber Hektar. Und auch der Klumpen Trinitrotoluol, dessen Sprengkraft einer Hiroshima-Bombe entspräche, fände nicht genügend Raum in ihm.

Von solch menschlichen Dingen weiß es trotz langen Lebens und vielfältiger Erlebnisse glücklich nichts. Es stammt aus einer Mulde, die sich in der Eiszeit gebildet hat, besitzt ein weiches Bett aus Sand, und gut mit Bäumen getarnte Wälle aus hohen Dünen schützen es. Seit vierhundert Jahren hat es sich durch alle Trockenlegungen in der Heide durchmogeln können. Auf den alten Plänen heißt es noch "Saugartenteich". Nun will es etwas Feineres werden. Zu einem Flachmoor wird es wohl fürs erste reichen.

"Moor" nennen es auch schon die neuesten Karten. Interessierte Fremde suchen gelegentlich nach ihm und finden es meist nicht, obwohl es tatsächlich dort liegt, wo es eingezeichnet ist: nahe am Mittelpunkt der Heide im Geviert zwischen der Alten Acht, der Alten Eins, dem Topfweg und der Schneise 12. Diese schnippische junge Schneise ist erst hundertsechzig Jahre alt. Aber die anderen sind alles altehrwürdige Wege aus den Hohen Zeiten Sachsens, als im Saugarten wirklich noch wilde Sauen als Vorrat für die kurfürstlichen und königlichen Treibjagden gehalten wurden. Am Herrenhause, das der Zwingerbaumeister Pöppelmann errichtet hatte, trafen sich acht numerierte Wege. Vom Hause liegen nur noch Dielensteine da, aber die Wege hatten Bestand. Ein Gedenkstein steht am Kreuzungspunkt, eine Schutzhütte und ein Wald aus Buchen, der den Boden knöchelhoch mit Laub bedeckt. So findet der Ungeübte im Gewirr der Spuren wohl die Alten Eins, Drei, Vier und Fünf, die heutzutage oft begangen sind, aber die Acht übersieht er gewöhnlich.

Ich biege lässig in sie ein, damit niemand vermuten kann, daß ich vor Jahren an dieser Stelle mürrisch mit Karte und Kompaß hantiert habe. Der Weg ist bald deutlicher sichtbar, von dort an nämlich, wo er die Buchen hinter sich läßt und zwischen Kiefern verläuft. Er steigt ein wenig an, fällt dann wieder ab, bleibt aber immer oben auf der uralteiszeitlichen Düne, die ich einst für einen Damm hielt. Hat der Fremde einen schlechten Tag erwischt und sinniert über den gefallenen DAX, so läuft er fünfzehn Meter am Moor vorbei, ohne es zu bemerken. Wenn er die Karte richtig lesen kann, wundert er sich am steilen Abstieg ins Prießnitztal, sonst aber erst auf der Brücke. Ich natürlich sehe es rechts unten zwischen den Bäumen und auch die holzgeschnitzte, verwitterte Tafel am Wege, die weit über Augenhöhe an einen Baum genagelt ist.

Entrindete Stämme bilden ein Geländer und schützen Moor und Menschen voreinander. Ein schmaler Steg führt drei Meter über den Morast, damit der Kundige, mühsam auf Knien rutschend und die Brille gebrauchend, den berühmten Sonnentau sehen kann. Umrahmt von Fichten und Erlen ruht eine schwarze, unbewegte Wasserfläche, in deren Mitte Schilf träumt, falb: nicht gelb, nicht braun, nicht ocker. Vielleicht: weiß, auf das ein brauner Lichtschein fällt. Um das offene Wasser herum wächst der Torf unter grün-braunem Moos, breit gesäumt von heufarbenem Gras. Ein Vogel zirpt scharf. Ich setze mich unter den Farn auf den Rand eines Erdloches, stelle den Rucksack neben mich, hole Schwarzbrot mit Butter heraus, gieße Rotwein in den Blechbecher und denke nach.

Warum eigentlich? Noch immer scheint der Tod geheimnisvoller als das Leben. Das Moor erinnert an den Tod. Wo aber denkt man an das Leben? Dieses Versäumnis kann tödlich sein, für mich, für alle.



Murmelfoto

Es pfiff, und alle anderen verschwanden.

"Salam alaikum!" rief ich, "Friede sei mit euch! Auf ein Wort in Ruhe!" Der Wachhabende auf der Gaistalalm reckte sich auf und beäugte mich eingehend. Dann winkte er mir, näher zu treten.

"Ich gebe Ihnen zwanzig Schilling, wenn ich Sie dafür in aller Ruhe fotografieren darf."

Mißtrauisch starrte das Murmeltier auf meinen Fotoapparat.

"Komische Marke", sagte es und schien nach einer verborgenen Stelle zu suchen, mit der vielleicht richtig geschossen werden konnte.

"Aus Ostdeutschland", sagte ich.

"Ach so. Na gut. Aber bitte in Münzen. Scheine verrotten bei mir."

Wieder pfiff es. Ein Kumpel von ihm tauchte auf und übernahm die Wache. Ich fotografierte und zahlte mit vier nickelglänzenden Fünfschillingstücken.

"Ruhiger Abend heute", versuchte ich das Gespräch fortzusetzen.

"Gott sei Dank. Die Schulferien sind endlich vorbei. Wochenende ist auch nicht. Heute früh hat's a bisserl geregnet. Da ist niemand zur Rotmoosalm hinauf. Und die Korona, die sich vom Parkplatz die vier Kilometer herschleppt und in der Hütte unten fressend und saufend verschnauft, steigt nicht noch die vierzig Meter hierher."

"Ich dachte, Sie seien für Fotopoints engagiert?"

"Bewahre", murmelte es, "die Wirtsleute können uns nicht leiden, wegen dem bisserl Geröll aus den Wohnungen. Auf der Alm sind die Kühe viel anziehender. Auch wenn man sie nicht sieht, bimmeln die, daß einem der eigene Pfiff fremd vorkommt. Aber bimmeln gehört zur Alm, haben die Touristen irgendwo gelesen. Also gibt es außer den Pferden, die das Geld einbringen, aber für die Glocke zu stolz sind, auch ein paar junge Rinder. Murmeltiere sind scheu, haben die Touristen gelesen. Also braucht's keine Murmeltiere. Und das Geröll stört die Lieblichkeit der Wiese, meint die Wirtin."

"Ziehen Sie doch ein Stück höher hinauf", schlug ich ihm vor. "Das ist nicht so einfach", wehrte es ab. "Da steht erst mal Wald, engt uns das Blickfeld ein. Noch höher kommt die Rotmoosalm. Eine richtige. Aber die ist schon voll von unseren Kumpels. Außerdem ist es dort viel kälter als hier. Das sind wir nicht mehr gewohnt."

"Ich werde mal mit der Wirtin reden", versprach ich ihm.

"Zwecklos", murmelte es, pfiff der Wache etwas zu und tauchte in seinen Bau.

Es war wirklich zwecklos, mit der Wirtin zu reden. Sie jammerte erst über die Geröllhaufen, dann über die Bauern, die ihr die Hütte nur verpachtet hatten und in ein elektrisches Kabel nicht investieren wollten, dann über die Gäste, die ungläubig an die Glühstrümpfe der Propangaslampen über den Tischen tatschten und sie zerquetschten, das Stück für fünfzig Schilling.

"Wenn die Leute unbedingt Murmeltierfotos wollen, kann ich ihnen auch ein ausgestopftes in die Wiese setzen", sagte sie und hatte recht.

So bekam ich einen weiteren Grund dafür, daß ich frühmorgens immer zusah, schnell über die tausendsechshunderter Höhenlinie zu kommen. Wo es möglich war, fuhren da zwar manchmal Landrover hoch, von den Bundesforsten oder der Bergrettung oder den Pächtern der Almhütten dort oben. Die aber paßten ins Bild und störten mich nicht.



Murmelpolitik

Das Murmelfoto verschaffte mir einen unerwarteten und lästigen Erfolg. Es war in aller Ruhe und aus nächster Nähe aufgenommen worden. Das sah man ihm an. Ich geriet in den Ruf eines Murmeltierexperten. Weil ich nicht gar zu hilflos meinen Bewunderern ausgeliefert sein wollte, las ich im Winter alles, was über diese Tiere gedruckt worden war und ich mit geringer Mühe erreichen konnte. Dabei verwunderte mich eines: Die Äußerlichkeiten der Tiere waren bis ins kleinste beschrieben, zwar nicht immer gleich, doch wohl voller Überzeugung. Aber das, was eine gute Berichterstattung kennzeichnet, hatte niemand vollbracht. Keiner der Autoren hatte auch nur ein Wort mit einem Murmeltier gewechselt.

Endlich wurde es Juli. Die Tiere hatten sehr wahrscheinlich ihren Winterschlaf beendet. Ich fuhr ins Gebirge, um mit ihnen zu reden.

Zunächst besuchte ich mein Bekanntes auf der Gaistalalm. Es freute sich über das Foto, nahm es aber nicht an, wegen der Feuchtigkeit in seinem Bau. Dann begann ich, es über seine Lebensverhältnisse auszufragen. Aus irgendwelchen Gründen redete es nur zögernd und um meine Fragen herum, wobei es sich aufmerksam nach allen Seiten umsah. Ich hörte nichts Eindeutiges heraus. Schließlich verwies es mich auf die Rathäusler, die oben auf der Rotmoosalm säßen. Es versprach, einen Termin mit ihnen zu beschaffen.

Wirklich: Am nächsten Morgen nannte es mir Tag und Stunde, wo ich in eindeutig ungefährlicher Haltung auf der Bank am Niderle sitzen sollte. Ich fand mich dort pünktlich ein und versuchte, jede Bewegung zu vermeiden, die hätte verdächtig sein können. Die Wachen ließen mich gewähren, ohne sich zu beunruhigen.

Wie das erste herangekommen war, habe ich nicht bemerkt. Es saß plötzlich ein paar Meter rechts vor mir und sah mich mit Augen, die wie durch eine Brille vergrößert wirkten, offensichtlich belustigt an. Diese Augen, eine hohe Stirn, eine lange Nase und volle Lippen machten, daß es ausgesprochen jüdisch aussah. "Ein Linkes", dachte ich, "denn es sitzt rechts von mir."

Wie ich es noch betrachtete und ihm freundlich zulächelte, hockte sich ein anderes neben ihn, leicht zerzaust, schlaksig, den Vorwurf ewigen Unverstandenseins im Gesicht, was eigenartig dem dümmlich-zynischen Ausdruck seiner Augen widersprach.

Und auch links von mir klirrten ein paar Steinchen. Ein eigenartig knochiges Wesen ließ sich dort nieder, den Kopf ganz kahl, riesige Füße, das Fell gemustert, als wolle es sich von seiner Umgebung nicht abheben. In einer Wiese wäre das auch richtig gewesen. Auf dem steinigen Untergrund aber fiel es erst recht auf.

Sie saßen da und warteten. Das Linke sah mich nachdenklich und lächelnd an. Das Zersauste bewegte nervös die Vorderpfoten und raschelte mit trockenen Grashalmen. Das Rechte stierte scharf an mir vorbei irgendwohin auf die Felsen.

Ich wußte nicht so recht, was ich tun sollte. Sie waren dazugekommen, also hätten sie grüßen müssen. Sprach ich sie jetzt an, erschraken sie vielleicht und stoben davon.

Als ich mich gerade durchgerungen hatte, trotzdem den Mund aufzutun und zu reden, bemerkte ich im Hintergrund eine langsame, aber durch ihre Achtsamkeit bedeutende Bewegung.

Mit langen, ungelenken Schritten, die offenbar Rüstigkeit vortäuschen sollten, kam ein großes, gewichtiges Murmeltier heran. Sein Fell glänzte zwar, zeigte aber auch die tiefe Schwärze hochgradiger Melanose. Selbst das von Tratz zuerst beschriebene Zittern glaubte ich zu bemerken. Aber das konnte eine Täuschung in der zunehmenden Dämmerung sein.

Das Schwarze baute sich zwischen dem Zerzausten und dem Knochigen auf und hob zu einer Rede an:

"Ich begrüße Sie herzlich in der Murmelrepublik Rotmoos und wünsche unserer Zusammenkunft einen gedeihlichen Erfolg."

Dann gab es ein umfangreiches Statement ab.

Seine Stimme tönte hohl, so, als wäre sein großes Inneres vorwiegend mit Luft gefüllt. Ich konnte mir nicht klar darüber werden, ob ich den Klang auch auf den Inhalt seiner Worte übertrug, oder ob es tatsächlich eine nichts sagende Rede hielt. Jedenfalls verlor es sich manchmal in Redewendungen, die einer Formelsammlung entnommen zu sein schienen. So sagte es über die Zukunft seiner Leute:

"Wenn ich die Augen schließe, so sehen wir vor uns blühende Matten mit den bequemen und sicheren Bauen unserer Gefolgschaft."

Das "Wir" konnte einfach ein Pluralis majestatis sein. Oder es nahm an, daß durch die zwingende Wirkung seiner Person alle anderen das gleiche sehen müssen, was auch es selbst mit geschlossenen Augen sah. Oder es hatte eben aus einem Handbuch für Redner zwei Wendungen entnommen und aneinandergefügt, ohne auf die Grammatik zu achten, in nachlässiger Verachtung seiner Zuhörer.

Trotz der Hohlheit konnte ich seinen Worten entnehmen, daß Rotmoos zu einer Genossenschaftei Ostmark gehörte, daß die menschlichen Landesgrenzen ungefähr auch denen zwischen Murmeltiernationen entsprachen, daß die Beziehungen zwischen den Völkern manchmal mehr, manchmal weniger belastet waren, daß es mühsam verhüllte Gebietsansprüche gab und daß Rotmoos die am besten regierte Murmelrepublik der Welt sei.

Nach dem Ende seiner Rede bot es mir an, Fragen zu beantworten. Die anderen Drei hatten bisher nichts geäußert, und das Schwarze schien sie als unbedeutendes Gefolge anzusehen. Aber bei seinen gewundenen Auslassungen zu den Gebietsansprüchen war das Knochige lebhaft geworden, was mich veranlaßte, zunächst nach den Verbreitungsabsichten der Murmeltiere zu fragen.

Ehe das behäbige Schwarze seine Gedanken gesammelt hatte, belferte das Knochige los: "Murmeltiergebiet sind die Pyrenäen, Südfrankreich, Norditalien, Süddeutschland. Im Geiste unseres Volkes ist das alte Gebiet Murmeltierland auch heute. Wir wollen zurück in unsere alte Heimat, aus der wir vertrieben worden sind."

"Wann war denn das?"

"Im Diluvium."

Als das Linke mein ratloses Gesicht sah, erläuterte es: "Pleistozän. Eiszeitalter. Vor etwa zwei Millionen Jahren."

Das Schwarze errang mühsam das Wort und widersprach: "Die gegenwärtigen guten Beziehungen zu unseren Nachbarn verbieten, daß wir Gebietsansprüche erheben. Freundschaft zu den Nebenvölkern in der Tierischen Union bestimmt unser Tun und Handeln."

"Zum Schwarzwald seid ihr doch schon vorgedrungen", sagte ich.

"Das haben die Vereinten Menschen gutgeheißen", entgegnete das Schwarze. Das Knochige murmelte pathetisch: "Sie sehen, nur wir vertreten die wahren Interessen der Nation."

Das Zerzauste wandte ein: "Habt ihr denn genug Gefolgschaft, um das alles besiedeln zu können?" und das Linke: "Ihr wollt doch nur mit dem Grundbesitz schachern. Sind denn auch Bobaks schon in Thüringen?"

"Was sollen denn die Bobbies dort?" fragte der Rechte zurück.

"Ihr altes Siedlungsgebiet." Das Linke fing an, mir zu erläutern: "Bobaks sind auch welche von uns, machen aber alles ganz anders. Sie sind sehr unterschiedlich. Es kommt darauf an, wo sie her sind. Es gibt große und kleine, dicke und dünne. Sie sind einfarbig. Aber alle haben längere Schwänze als wir und weiße Zähne. Unsere Weiber gucken immer ganz unanständig, wenn von ihnen die Rede ist, und manche sind scharf auf sie."

Ich fragte nach den Nachbarn. "Hinter dem Grat wohnen Deutsche", sagte das Linke, "Häuslebauer."

"Unsere nördlichen Nachbarn sind wirtschaftlich stark und können sich Prachtbaue leisten", unterbrach ihn das Zerzauste und sprach weiter mit zweideutigem Lächeln: "Sie sind sehr sauber und ordentlich. Das Geröll haben sie weggeräumt." Die grinsenden Augen des Linken wanderten zu einer Scharte, von der offenbar Massen von mittelgroßen Steinen auf die Rotmoosalm geworfen worden waren. "Alles warm ausgekleidet."

Das Schwarze lenkte ab: "Unsere Brüder und Schwestern im Osten haben unsere Hilfe dringend nötig. Besonders denke ich an die Tatraner, die eingegrenzt auf kleinem Gebiet sitzen."

"Geschützt im Nationalpark", wandte das Linke ein.

"Aber sie sind unfrei. Wir müssen uns mit ihnen wiedervereinigen, damit sie aufblühen ..."

"... und wir sie ausbeuten können." Das Schwarze warf eine verächtlich sein sollenden, doch eher giftigen Blick auf das Linke. Dies aber lächelte ihm freundlich zu.

"Weiter östlich wohnen die Brüder und Schwestern bis nach Kamtschatka. Auch sie müssen aus ihrer Lage befreit werden." Das Linke grinste schon wieder, als könnte es meine Gedanken lesen, die sich damit beschäftigten, aus welcher Lage die Ostmurmel heraus und in welche hineingebracht werden sollten. Dann warf das Knochige ein:

"Bobbies sind auch Mitmurmel. Aber sie stinken und verbreiten Pest und Cholera. Sie leben in der Steppe, fressen den Menschen die Felder kahl und werden von ihnen abgeschossen. Das Volk will sie nicht."

Das Schwarze tönte wieder: "Alle Murmel sollen in einer glücklichen Welt leben. Die Murmelrepublik Rotmoos wird helfen, die Probleme zu lösen und dann eine führende Rolle haben, blühen und gedeihen. Dafür werden wir wirken ..."

"... bis zu Ihrem wohlverdienten Ruhestand", unterbrach ihn das Linke.

"Wann ich abtrete, bestimmen die Wähler und nicht die Opposition", tönte das Schwarze.

"Die Vorsehung!"

"Der Liebe GOtt!"

"Der Sensenmurmel!"

Die anderen murmelten so laut durcheinander, daß es fast wie Zwischenrufe klang. Das Schwarze wandte sich dem Linken zu und strebte mit schlaksig-langen Schritten zu ihm hin. Das Zerzauste, das zwischen beiden saß, fühlte sich versehentlich angegriffen und stellte sich ihm entgegen. Dadurch gelang es dem Rechten, das Schwarze ins Hinterteil zu beißen, was es ursprünglich nur vortäuschen wollte und wovon es nun selbst überrascht war. Eine von den Wachen mißdeutete das Durcheinander - oder auch nicht - und stieß einen Warnpfiff aus. Meine Gesprächspartner stoben auseinander, und ich staunte, mit welcher Geschwindigkeit das ungelenke Schwarze unter der Erde verschwand.

Wie gut, daß wir die Sprache der Tiere nicht verstehen. Sonst würden die letzten Reste des Glaubens an die sanfte Gewalt der Vernunft endgültig dahinschwinden.



Haflinger im Urlaub

Erst als ich näher kam, wurde mir bewußt, daß die beigefarbenen Tiere, die unter den hohen Fichten beim Gaisbach auf der Hämmermoosalm merkwürdig klein wirkten, nicht Kühe waren, wie es mein Gehirn gewohnheitsmäßig registriert hatte, sondern Pferde. Sie standen mit den Köpfen zum Dickicht zu und zeigten der Wiese und mir ihre hellen Hinterteile mit den leicht gekräuselten Schwänzen. Was sie da machten, konnte ich nicht erkennen. Man hätte meinen können, sie starrten auf ein Fernsehgerät oder dösten auf andere Weise vor sich hin.

Ich ging langsam auf sie zu, nicht zu leise, damit sie nicht plötzlich erschraken und wegtrabten, aber mit fast unterwürfiger Freundlichkeit und einer gewissen Selbstironie, wie es ein österreichischer Gaul sicher gern haben mußte.

Als ich näher kam, stelzten sie davon, scheinbar ohne mich zu beachten, bis auf eines, das stehen blieb und mir sein rechtes Auge zuwandte.

"Guten Tag, Herr Haflinger", sprach ich ihn an, "schönes Wetter heute, nicht war?"

"Habe die Ehre", gab er zurück, "man hat's nötig. Sein S' auch im Urlaub hier? Wo kommen S' denn her?"

"Aus Dresden."

"Viele Autos, was?"

"Ja."

"Bei uns in Wien auch. Den Gestank hält keine Pferdenatur auf die Dauer aus. Wir sind hier zur Kur."

"Reine Luft und Ruhe. Aber doch wohl ein ungewohntes Klima?"

"Das Klima ist gut für den Kreislauf. Mehr Abwechslung. Nachts ist es manchmal recht kühl. Aber das macht nix. Wir rücken einfach näher zusammen. Aber die Ruhe, die belastet. Hören S' was?"

Er blickte mich fragend an. Ich nickte. Das Wasser im Gaisbach unten schoß über die Steine.

"Erst hab' ich gedacht, 's ist die Autobahn drüben am Inn, was da rauscht. Es war aber der Bach."

"Wozu", sprach er dann, "braucht der Mensch so viele Autos? Als der Beethoven noch lebte und der Schubert, da hatte es auch keine. Was für Werke haben die beiden geschaffen, welche bemerkenswerten Leute haben sie kennengelernt, wie nachhaltig haben sie ihr Zeitalter erlebt! Gut, der Mozart hätte sicher gern eins gehabt, ein großes, zum Protzen. Aber hat der Beethoven nicht die Neunte geschrieben und war kein Mal auf Mallorca? Heute war jeder dort. Auch der Benes Xaver, was mein Kutscher ist. Na gut, der schreibt auch keine Sinfonien."

Seltsam ist es, wie so ein Pferdekopf denkt. Meint er nun, der Verkehr hat so zugenommen, weil es keine Größe mehr gibt, oder beschuldigt er den Verkehr, keine Größe mehr zuzulassen?

"Überhaupt", sprach Herr Haflinger weiter, "alle Autos und Telefone und andere Hastprodukte braucht's doch nur, weil das Menschengehirn nicht mehr bis zum Ende durcharbeitet. Sonst würde ein kurzer, sachlicher Brief genügen, zwei, drei Geschäftsbesuche beim Partner in einem ganzen Menschenleben. Alles liefe stetig, ohne das zerstörerische Auf und Ab, Hin und Her, Vor und Zurück. Keine hochgespitzten Gewinne würde es mehr geben, das ist richtig. Aber auch keine abgrundtiefen Verluste. Das Leben würde sein wie ein Wald."

Auch ich stand nun mit dem Rücken zur Wiese und starrte gedankenverloren in das Dickicht. Schließlich riß ich mich doch noch zusammen:

"Aber es ist auch vieles besser geworden seither. Apfelsinen kann man haben zu jeder Jahreszeit, auch sonstige Waren aus aller Herren Länder. Man weiß, was überall auf der Welt geschieht, wie morgen das Wetter wird, wen die Großen dieser Welt lieben. Wenn ein Unglück eintritt, wird umgehend geholfen. Verwandte und Freunde kann man schnell aufsuchen."

"Schau'n S' genau hin", sagte er und hob verächtlich die Oberlippe, so daß ich seine großen gelblichen Zähne sehen konnte. "Das, was hier ankommt, sind schon lange keine richtige Apfelsinen mehr, aber Äpfel aus einem guten Keller sind ordentliche Äpfel. Und sind unsere Handwerker nicht genauso gut wie alle anderen? Warum dann Sachen rund um die halbe Erde transportieren? Und was nützt es, wenn Sie wissen, was in fernen Ländern geschieht? Können S' eingreifen oder ändern, wenn sich die Menschen abschlachten wie sonst keine Tierart untereinander? Der Wetterbericht? So genau ist er doch nie, daß Sie wissen, wie Sie sich kleiden sollen und was Sie tun können. Und warum soll man plötzlich eilig helfen müssen, wenn man hätte mit Voraussicht das Unglück verhindern können oder die Nachbarn eingreifen könnten, wenn sie wollten? Viel zu nachlässig macht den Menschen die Aussicht auf schnelle Hilfe. Lauschen 'S doch mal auf dies Gejaule der Rettungswagen den ganzen Tag über in den Straßen. Soviel Unglück und Not sollen sich nicht vermeiden lassen? Und je öfter Sie Freunde und Verwandte aufsuchen, desto häufiger gibt es Krach, und die Gefahr wächst, daß Sie auf dem Wege dahin an einem Straßenbaum sterben. Saldo: Lärm, Gestank, Hast und Tod. Alles für die Katz, mit Verlaub gesagt, ich kenne nämlich sehr angenehme Katzen."

Ich raffte mich auf.

"Nun gehen S' auf den Höhenweg, ich seh' es Ihnen an. Da macht's Sie dann froh, daß Sie mal ein Weilchen zweitausend Meter über allem sind."

"Auf Wiedersehen", sagte ich.

"Habe die Ehre", erwiderte Herr Haflinger.



Alpendohlenmafia

Paul und Maximilian stiegen nun schon zum zweiten Male in dieser Woche auf die Wangalm hinauf. Paul dachte mit leichter Furcht an den Rückweg. Da würden seine Knie wieder elend schmerzen. Maximilian, sein Enkel, dem man die Märchen noch vorlesen mußte, hoppelte leichtfüßig neben ihm her, obwohl er diesmal den kleinen Rucksack mit seinen Wettersachen und seiner Trinkflasche trug.

Die Sache hatte sich Paul selbst eingebrockt. Nun mußte er sie auch auslöffeln. Er hätte es wissen müssen, daß so ein kleiner Mann Ironie und Mystifikation nicht versteht. Maximilian hatte es jedenfalls ernst genommen, als Paul behauptete, die Wirtin gäbe den Alpendohlen ein Zeichen, wenn sie Kaiserschmarren serviert, und dann Erklärungen dafür zusammenspann, warum sie das tat. Ein Grund konnte sein: Sie ist eine Hexe, und die Vögel helfen ihr bei der Zauberei, sind Boten zwischen ihr und dem Teufel und tragen ihr auch sonst geheime Botschaften zu. Oder aber: Sie haben gedroht, den Gästen auf der Terrasse so einiges unter ihren Schwänzen hervor auf die Teller und in die Gläser fallen zu lassen, wenn sie nicht genügend Kaiserschmarren bekämen.

Maximilian hatte verständnisvoll und gläubig genickt. Das Erlebnis vorgestern war beweiskräftig genug. Die anderen Gäste auf der Terrasse hatten Getränke und Suppen vor sich stehen. Keiner dieser schwarzen Vögel war zu sehen gewesen. Maximilian hatte Kaiserschmarren essen wollen.

Er wußte zwar nicht, was das ist. Aber der Name reizte seine Einbildung. Kaiser war etwas sehr Feines und Schmarren etwas sehr Lustiges. Etwas Feines und etwas Lustiges zusammen, das mußte doch etwas Gutes sein!

Kaum war der Kaiserschmarren gebracht worden, standen drei oder vier Alpendohlen mit ihren roten Beinen auf der Brüstung und reckten ihre feinen gelben Schnäbel. Ein halbes Dutzend andere kreisten in der Luft. Also mußten sie herbeigerufen worden sein!. Und die Portion war groß genug , daß sie für Maximilian und die Vögel reichte.

Daß die Wirtin eine Hexe war, konnte man sich gut denken. Denn sie hatte eine gar zu lange Nase. Dagegen sprach allerdings, daß sie ziemlich jung war und die beiden Kinder in der Hütte Mama zu ihr sagten. Paul meinte allerdings, gerade die jungen Hexen wären die gefährlichsten und Kinder müßten auch da sein, wo kämen denn sonst immer wieder die Zauberer und Hexen her?

Jedenfalls hatten Großvater und Enkel den Vögeln von dem Kaiserschmarren abgegeben, und diese hatten sich mit Anstand bedient: sachlich, sauber, unaufdringlich, ohne eigentlich zu betteln und angemessen dankbar.

"Wo schlafen sie eigentlich?" fragte am Abend im Bett Maximilian. "Da oben im Teufelskopf, in Löchern", antwortete Paul und freute sich sehr, daß man dort nicht hingehen konnte.

"Und was für ein Zeichen gibt die Wirtin?"

Paul hob die Schultern. Maximilian überlegte und schlief darüber ein. Am nächsten Morgen verkündete er:

"Sie steckt hinter der Hütte eine dunkelgrüne Fahne an einem braunen Stock aus dem Fenster!"

Da begann Paul Schlimmes zu ahnen. Und wirklich: Nun stiegen sie zum zweiten Male in dieser Woche auf die Wangalm hinauf. Oben setzte sich Paul auf die Terrasse, dicht an die Brüstung.

Maximilian ging durch die Gattertür. Sie stand offen, denn das Vieh war schon ins Tal getrieben worden. Er trabte vorbei an dem Brunnentrog und hinter der Hütte ein Stück die Matte hinauf. Neben dem Kreuz und der Gedenktafel für die toten Schäfer wölbte sich ein Felsbrocken aus der Grasnarbe. Auf ihn setzte er sich, denn von hier aus konnte er die Rückseite der Hütte leicht und vollständig überblicken. Großvater würde Kaiserschmarren bestellen. Der Junge wartete auf das Signal.

Aber nichts war geschehen, als es plötzlich in der Luft unhörbar sauste wie von einem höllischen Sturme. Die Dohlen kamen im Sturzfluge heruntergeschossen, fingen sich gewandt dicht über der Matte ab und schwebten leichthin über das Dach. Da wußte Maximilian, daß der Großvater seinen Kaiserschmarren bekommen hatte und ging zurück auf die Terrasse. Trübselig schüttelte er den Kopf, als Paul ihn fragend ansah.

Was sollten sie noch tun? Paul aß und Maximilian und die Dohlen bekamen einen Anteil ab. Dann stiegen die beiden Träumer wieder zur Leutasch hinunter, Paul Schritt für Schritt und den Schmerz verdrängend, Maximilian leichtfüßig und die Langsamkeit des Großvaters zu allerlei Abschweifungen mit Füßen, Worten und Blicken ausnutzend.

Zwei Tage später war Sonntag, und es gab in ihrer Pension außer dem gewöhnlichen Frühstück für jeden noch ein Stück Kuchen. Paul mochte Kuchen nicht so sehr und zum Frühstück schon gar nicht. Auch sein Enkel hielt sich lieber an Wurst, Käse und Brötchen. Dann starrte er das Kuchenstück eine Weile an und fragte schließlich: "Opa, mögen die Dohlen auch Kuchen?" Sie packten die beiden Stücke in Papierservietten und Paul begann, sich vor seinem dritten Abstieg von der Wangalm zu fürchten.

Diesmal waren eine Menge Leute da. Die meisten aßen Speckknödel, niemand Kaiserschmarren. Von den Dohlen war nichts zu sehen. Paul bestellte Milch für sie beide. Maximilian fingerte vorsichtig einen Brocken Kuchen aus dem Rucksack und legte ihn verstohlen auf die Brüstung. Erschrocken spürten alle das unhörbare Sausen, und dann standen da die Schwarzgefiederten, Gelbschnäbeligen und warteten.

Als der Junge beinahe seinen ganzen Kuchen verschenkt hatte, schrie jemand entsetzt auf. Dann folgte ein lautes berlinisches Gezeter. In eine der Speckknödelsuppen war etwas Grauweißes, Glitschiges geplumpst. Paul freute sich, daß er schon bezahlt hatte, nahm Rucksack und Enkel und verschwand mit ihnen die Alm hinauf.

Dann saßen sie auf der Bank am Scharnitzjoch und gaben den Vögeln die Reste ihres Kuchens. Von hier aus konnten sie bequem beobachten, wie der Schwarm durch die Luft segelte, den Auftrieb an der warmen Felswand nutzte und seine Aufklärer über der Hütte im Auge behielt.

"Im Winter müssen sie bis nach Innsbruck fliegen, um was zum Fressen zu ergattern", sagte Paul, "aber abends kommen sie immer wieder zurück."

Maximilian, der eine Weile neidisch nach den Nisthöhlen im Teufelskopf gespäht hatte, erinnerte sich an den Abendbrottisch daheim mit Brot, Wurst, Tee, der rotkarierten Decke und wurde nachdenklich.

Zu Hause nach dem Urlaub wollte niemand glauben, daß der lauffaule Junge drei Mal auf die Wangalm gestiegen sein sollte. Maximilian sagte nichts dazu, dachte an das unhörbare Sausen, die feinen gelben Schnäbel und die stillen Blicke der Schwarzen. Paul betrachtete ihn und war zufrieden.



Dackel auf Reisen

Diese Eisenbahnwagen, mit denen die Interregios bestückt sind, fahre ich sehr gern, besonders deshalb, weil man an den Tischen der großen mittleren Abteile meist bequem schrieben kann in einer Atmosphäre von Landschaft, Ruhe und Geselligkeit. Ist der Zug stärker besetzt, lernt man den und jenen etwas besser kennen, was in den kleine Abteilen viel seltener vorkommt. So traf ich auch Bodo von Wallteufel.

Etwa eine halbe Stunde vor dem Zielbahnhof hatte sich im Nachbarabteil auf der Nichtraucherseite, was nicht durch eine Tür abgetrennt ist, lautes Geschwätz breit gemacht. Von "Mutti" und "Vati" und "Schatzilein" war die Rede. Es verwunderte mich, wie die Stimmen älterer Leute offensichtlich über ein ihnen zugehöriges Kind sprachen. Dann hieß es:

"Er hat ein Beruhigungsmittel bekommen. Da übersteht er die Bahnfahrt besser. Jetzt muß er laufen, daß er munter wird."

Dies nun gar erschreckte mich. Dann kam er. Er war ein rostbrauner, langhaariger Dackel mittleren Alters mit Wirbeln im Fell wie ein Rosettenmeerschweinchen, einem geraden Schwanz, einem langen, klugen Kopf und verständigen braunen Augen, die natürlich wegen der Tablette leicht benommen dreinblickten. Er wurde von einer ruheständischen Frau an kurzer Lederleine bis zur Tür des Raucherabteils geführt. Dort legte er sich nieder, und die Frau ließ ihn allein. Nach einer Weile tappte er zurück. Ich saß am Gang und sah ihn aufmerksam an.

"Wallteufel", stellte er sich vor.

Ich sagte meinen Namen und: "Sicher ein schweres Leben für Sie."

"Es geht. Ich habe ein Dach überm Kopf, wirklich angemessenes Essen, werde regelmäßig dem Arzt vorgestellt, komme ein wenig in der Welt herum und lerne freundliche Leute kennen." Ich lächelte geschmeichelt. "Zu Hause hatten Nachbarn noch ein paar Bedenken mehr als Sie und verständigten Kontrolleure. Meine Wirtin war ungeheuer erbost darüber, daß die Herrschaften vom Tierschutzverein kamen und nicht vom Sozialamt. Sie fanden alles in Ordnung."

"Aber die Leute", sagte ich, "die müssen Sie doch ertragen?"

"Halb so schlimm. Ich habe einen Zwinger mit Hütte, da kann ich mich zurückziehen. In der Hütte ist ein Bildschirm. Dort sehe ich Sendungen, die die Wirtsleute eingeschaltet haben. Meist unsäglicher Blödsinn, aber er lenkt ab. Wenn man klug ist, kann man auch daraus lernen. An Entsorgungscontainern habe ich mir ein paar Bücher gesammelt. Lauter ordentliche, sonst wären sie nicht weggeworfen worden. Sie sehen, ich habe ein gutes Leben."

Von drüben tönte es: "Schatzilein, Schatzilein, komm her zu Mutti und Vati!" Ein Wedeln mit dem Schwanz. Ich nickte ihm zu. Er ging seiner Wege.

"Armer Hund", dachte ich, "armer Hund", und wußte nicht, ob ich recht hatte.



Hochzeitsnacht

Tinka und Toddy waren gegen halb vier nachmittags in Horní Tanvald losgegangen, über den Hang des Spicák nach Mariánská Hora gelaufen und stiegen nun den langen Weg zu den Mariánskohorské Boudy hinauf. Die Flocken schwammen schon sanft herab, seit sie sich von dem tschechischen Jäger verabschiedet hatten, dem sie die Schlüssel zur Hütte verdankten. Sie waren gewitzt genug gewesen, gleich die Gamaschen anzulegen und die Ponchos über sich und die Kraxen zu ziehen. Dort wo der Weg nach oben sich von der Forststraße trennt, am Sattel zwischen dem Mariánská Hora und dem Bucina, erreichten sie die Höhe, wo der Schnee auf dem Wege nicht mehr taute. Es war schon dunkel geworden, und sie konnten die neue Weiße gut gebrauchen.

Die Boudy lagen verlassen. Nirgends sahen sie ein Licht. Sie gingen über die Kreuzung und bogen hinter der Hütte der Naturschützer links in den Waldweg ein, der nach Rozmezí führt. Inzwischen reichte ihnen der Schnee schon bis an die Knöchel. Sie hatten sich heiß gearbeitet und an den Innenseiten der Ponchos spürten sie gefrorenes Wasser.

"Es ist nicht mehr weit", sagte Toddy, "wir sind auch richtig. Aber hart wird's schon noch. Der Weg bleibt schlecht."

Es war ein beschwerliches Gehen über den zerfahrenen, meist noch ungefrorenen schlammigen Grund, dessen Tücken man unter dem Schnee in dem kalkmilchigen Dunkel nicht erkennen konnte. Aber sie brauchten auch für die letzten drei Kilometer nur eine Stunde. Als sie den Schatten der Hütte zwischen den Bäumen erkannten, reichte ihnen der Schnee schon bis an die Waden.

Ihm war es zu mühsam, wegen der Taschenlampe die Kraxe unter dem Poncho abzunehmen. Er tastete nach dem Vorhängeschloß und fand es, und auch das Türschloß konnte er im Dunkel öffnen. Sie traten hinein in den Geruch aus Holz und Teer, und trotz der Kälte fanden sie es behaglich.

Feuerzeug und Kerze waren das, was er zuerst in den Außentaschen fand. Es wurde Licht, und sie sah sich um. Der Ofen war das Auffälligste. Schwer gemauert stand er in der einen Ecke und nahm ein Viertel des Raumes ein. An seiner langen Seite stand die Bank, vor ihr der Tisch. In der Schmalseite unten, schwarz umrandet, wartete hinter einer gußeisernen Tür die Feueröffnung. Daneben lagen Holzscheite, noch von den vorigen Bewohnern hereingeholt. Dann kam schon die Schwelle.

In der Ecke dem Ofen gegenüber stand eine breite Pritsche, dick belegt mit trockenem Farnkraut. Zwei Fenster spiegelten: gegenüber dem Tisch und an seiner Schmalseite. Von außen lagen Läden davor. Ein paar Wandborde waren da. Auf dem einen neben Gläsern mit Salz, Mehl, Zucker, auch Kerzen und Streichhölzer.

Toddy sagte: "Das wichtigste bei der Erschaffung der Welt waren Erde, Wasser und Feuer. Jetzt erstmal Feuer."

Es dauerte keine Minute, und im Ofen knisterte und knackte es. Tinka saß auf dem einen Ende der Bank, hatte die Hände in den Anoraktaschen verborgen und lauschte der Freude, die in ihr aufbrach.

Toddy zog einen riesigen eisernen Behälter aus einer Höhlung des Ofens, nahm den Deckel ab und ging hinaus. Es freute ihn, daß der Topf ausgegossen worden war und er den neuen Schnee nicht mit vielleicht auch noch rostigem Wasser entheiligen mußte. Nach dem Geräusch fand er die Quelle, füllte das Ungetüm und brachte es mühsam und vorsichtig wieder an seinen angestammten Platz. Dann löste er die Verriegelungen der Fensterläden, nahm den Korb unter der Bank hervor und ging noch dreimal hinaus: zweimal um Holz zu holen und einmal, um die Klappen aufzuschlagen und festzuhängen. Dann verschloß er die Tür endgültig, löste seine Gamaschen und zog die Bergstiefel aus.

Tinka stand auf, sagte: "Nun die Erde", und begann, allerhand Hörnchen, Hähnchen und Rotwein aus ihrer Kraxe zu fingern, während Toddy die Schlafsäcke auf die Pritsche warf und endlich auch die Baudenschuhe erreichen konnte. Die Hütte erwärmte sich. Schließlich saßen die beiden auf der Ofenbank und merkten nach den ersten Bissen und den ersten Schlucken, wie sehr hungrig und durstig sie eigentlich waren.

Auch der schönste Hunger hat einmal ein Ende (der Durst nicht so bald). Hausfraulich-mütterlich räumte Tinka ab. Toddy zerrte den Band Essays von diesem alten Franzosen aus dem Rucksack. Das Buch zeigte alle Spuren von vierzig Wanderungen. Aber es war immer noch nicht ausgelesen, vielleicht deshalb, weil so viele Seiten zwei- und dreimal durchgeackert worden waren. Tinka brachte einen dicken Lederband zum Vorschein. "Mein Tagebuch", nuschelte sie zur Erklärung und begann, drin mit einem Bleistift herumzukritzeln.

Sie saßen geborgen vor Wetter und Zeit. Es war nicht zu hören, nicht zu spüren, wie draußen die Flocken fielen und die Minuten vorüberstrichen.

"Ist es nun ein Anfang oder ein Ende?" fragte sie.

"Ein Anfang ist immer zugleich ein Ende, ein Ende ein Anfang."

"Na gut, Philosoph." Dann: "Wie eine Hochzeitsnacht. Nur, daß die beiden darin gewöhnlich nicht verheiratet sind."

"Die beiden in einer Hochzeitsnacht sind immer verheiratet", berichtigte er sie.

"Aber miteinander", gab sie zu bedenken. Als die Kerze erlosch, war es draußen heller als drinnen, obwohl der Himmel sicher mit dicken Wolken von der Erde getrennt war, denn es schneite noch immer in großen, sanften Flocken. Es war aber kein Anfang und kein Ende, denn es war keine Zeit in der Hütte. Ohne Zeit aber gibt es keinen Anfang und kein Ende.



Nacht mit Story und Katze

Als Kon zum siebzehnten Male in seinem Leben las, wie Nick die eingelegten Aprikosen aus der Tasse schlürfte, nachdem er seinen schweren Packen von der Station über das verbrannte Land bis zu dem Platz über dem Fluß geschleppt hatte, dem erhöhten Platz unter den Kiefern, den er sich zum Lagern auserkoren hatte, klopfte es zaghaft.

Kon schob die Petroleumlampe und das Heft auf dem Tisch zurück, stand von der Ofenbank auf, ging aus dem Zimmer über den kalten, dunklen, steingepflasterten Flur und öffnete die Haustür, bereit, einen Angreifer mit lange geübtem Griff außer Gefecht zu setzen.

Draußen, auf dem Absatz über den Stufen stand schlank und aufrecht inmitten der gemächlich fallenden Flocken eine junge Frau in Wanderkleidung und mit einem erheblichen Rucksack auf dem Rücken. Blonde Locken quollen unter ihrer Kapuze hervor, daß er anfangs dachte, es wäre der Rand eines Pelzfutters. Als sie ihn sah, begann sie tschechisch etwas zu erklären, was er nicht verstand. Für solche Fälle hatte er ein geflügeltes Wort bereit: "Pomaleji, prosím, langsamer bitte, rozumím cesky jen trochu." Entweder kramte das Gegenüber dann seine Deutschkenntnisse aus, oder es begann wirklich, langsamer und deutlich zu sprechen. So verstand Kon jedes dritte Wort. Das reichte gewöhnlich.

Diesmal verstand er "sníh" und "mráz" und "unavená". Der nächste Ort war vier Kilometer und beinahe vierhundert Höhenmeter entfernt. Er trat zur Seite, um die Frau herein zu lassen.

Im Flur noch wischte und schüttelte sie den Schnee von Rucksack und Kleidung, dann trat sie ins Zimmer und zog gleich die Wanderstiefel aus.

"Chcete caj?" fragte er, worauf sie nickte und er von dem immer leicht kochenden Wasser auf der Herdplatte in einem Glas einen Teebeutel aufgoß. Sie holte zwei Hörnchen und ein Stück Käse aus dem Rucksack, setzte sich auf die Ofenbank, zog sein Heft zu sich und blickte lange nachdenklich auf den Titel und die ersten Zeilen der Story. Dann schob sie das Heft weg und begann, an den Hörnchen und dem Käse zu knabbern und von dem heißen Tee zu nippen. Er setzte sich wieder an seinen Platz und las langsam Wort für Wort weiter, wo er aufgehört hatte, als sie klopfte. Er konnte den Text beinahe auswendig, ärgerte sich aber, daß er mit der Übersetzung diesen Kult trieb. Das Original verstand er zwar, aber es blieb ihm fremd.

Als die junge Frau Hörnchen und Käse aufgegessen hatte, holte sie einen Block und Stifte aus ihrem Rucksack und begann zu zeichnen. Forellen, die aus dem Wasser sprangen, Kiefern mit einem Zelt, die verbrannte Stadt Seney mit den Grundmauern des Mansion House Hotels und stehengebliebenen Schornsteinen, die Hemingway gar nicht erwähnt hatte. Ein Männerkopf war auch dabei, ein seltsames Gemisch aus dem Gesicht des Amerikaners, wie man es von Fotos aus seinem Alter kennt, und den Zügen von Kon. Das war wohl Nick. Dann wurden ihre Striche langsamer, unsicher. Sie warf gelegentlich ein Blatt zerknüllt auf den Boden. Ihre Augen starrten angespannt und zornig. Er wußte, womit sie nicht zurecht kam. Es war der Große doppelherzige Strom. Der Amerikaner hatte beinahe siebentausend Worte für ihn gebraucht.

Das Mädchen starrte Kon verzweifelt an. Er schüttelte den Kopf. "Nemozné", sagte er. Aber sie begann wieder. Verworrene Striche, ungegenständlich, ungeordnet. Schließlich gab sie es endgültig auf. "Barvy", sagte sie. Aber auch farbig würde sie es nicht schaffen. "Nemozné", sagte er wieder.

Sie drehte die Flamme der Petroleumlampe klein und legte sich rücklings auf die Ofenbank, den Kopf auf seinen Oberschenkel. Er blickte in ein ernsthaftes, nachdenkliches Gesicht. Dann begann er leicht, über ihren Pullover zu streichen, dort wo sich darunter schwach ihre kleinen Brüste erhoben. Sie atmete schwer.

In der gegenüberliegenden dunklen Ecke des Zimmers erhob sich räkelnd eine Katze, die dort auf einem Packen Kissen geschlafen hatte. Er konnte sich nicht an das Tier erinnern. Im Haus war es nicht gewesen, als er nachmittags gekommen war, und hereingelassen hatte er es auch nicht. Die Katze stakte steifbeinig und vorsichtig quer durch das Zimmer herüber, sprang auf die Ofenbank, rollte sich an seiner freien Seite zusammen und schnurrte tief zufrieden.

Draußen vor dem Fenster fielen noch immer die sanften, großen Flocken. Sie fielen gerade herunter, obwohl ein Wehen zu hören war, als bewege sich das Haus gleichmäßig und irgend etwas fließe schmeichelnd an ihm vorbei.

Er strich weiter über die Brüste der jungen Frau, deren Atem in ein leises Stöhnen überging. Sie lockerte den Bund ihrer Daunenhose, damit ihre Hände freies Spiel bekämen. Schließlich schrie sie fast. Dann legte sie sich still auf die Seite, den Kopf immer noch auf seinem Oberschenkel, und ihm war, als ob nun auch sie schnurrte. Er angelte die Decke vom Stuhl an der Schmalseite des Tisches und hüllte den weichen Körper ein.

Die Katze räkelte sich erneut. Sie tappte vorsichtig über die Decke und kuschelte sich dann in die Kniekehlen der Frau.

Als er fröstelte und erwachte, füllte schneeweißes Licht das Zimmer. Die Katze lag auf der Decke neben ihm. Aber die Frau war fort. Er suchte nach den Spuren von der Nässe an ihren Bergstiefeln und fand nichts. Als er Wasser holen ging, war die Haustür von innen verriegelt. Nur vor dem Feuerloch am Ofen lag ein kleines Stück Zeichenkarton mit einem seltsamen Krakel darauf.

Dann frühstückte er, kraulte die Katze, die er nicht hereingelassen hatte, die jedoch neben ihm saß, und dachte an die verlorene Frau, die immerhin über den Flur in die Stube gegangen war, an die verbrannte Stadt Seney und an das nächtliche Wehen ums Haus. Er war unzufrieden und glücklich.



An der Strecke

Eigentlich war Bartel zeitig genug losgewandert, um noch bei Tageslicht hinunter bis an den Strom und die Bahnstation zu gelangen, aber dann hatte es begonnen zu schneien.

Das beunruhigte ihn anfangs nicht. Er war den Weg schon mehrmals gegangen, der im Tal mit der verlassenen, gleislosen Eisenbahnstrecke meist über die Wiesen führte, ab und zu über einen Steg und an engen Stellen, wo sich der Zug vor vielen Jahren durch Tunnel gezwängt hatte, gelegentlich auch etwas den Hang hinauf. Aber allmählich wurde er dann doch unsicher. Der Pfad verlor sich mehr und mehr unter der Schneedecke und war auf den flachen Wiesen kaum mehr zu erkennen. Das Ziel schien nicht mehr bei Tageslicht erreichbar zu sein, denn Bartel wurde immer langsamer. Mit vier Kilometern in der Stunde hatte er gerechnet auf dem ebenen Gelände. Jetzt schaffte er nur noch drei. Wenn ihm der Schnee dann bis über die Knöchel ginge, würden es wohl gerade mal zwei sein.

Tatsächlich dunkelte es sehr schnell. Er fühlte, daß er keinen Weg mehr unter den Füßen hatte, sondern über die blanke Wiese stapfte und bemühte sich, den Bahndamm zu erreichen. Aber auch der würde keine ausreichende Sicherheit bieten. Die Brücken waren nicht alle mehr begehbar. Bartel rechnete auch damit, daß die Tunnel inzwischen zugemauert waren.

Er fand einen Fahrweg, der quer über die Wiesen zur alten Strecke führte. Am Übergang stand noch das Häuschen des Schrankenwärters. Darin brannte Licht. Irgend jemand hatte das Büdchen wohl billig erworben, und nutzte es als Wanderhütte. Bartel klopfte. Nach einer Weile öffnete sich ruckartig die Tür. Er sah vor sich eine zierliche blonde Frau in anliegenden dunklen Sachen. Sie stand in einer eigenartigen Haltung da, als wolle sie gleich irgendeine asiatische Kampftechnik anwenden.

"Guten Abend", sagte Bartel, "entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich finde den Wanderpfad über die Wiesen nicht mehr. Sagen Sie mir bitte, wo dieser Weg hier hinführt oder wie ich sonst einigermaßen sicher hier weiterkomme!"

Die Frau dachte ein wenig nach und antwortete dann: "Sicher kommst du heute gar nicht mehr aus dem Tal raus. Am besten ist, du bleibst über Nacht hier. Komm rein!" Sie trat zur Seite.

Bartel schüttelte den Schnee vom Poncho, und gleich als er die Schwelle in den Flur überschritten hatte, löste er die Gamaschen und zog die Bergstiefel aus. Dann fitzte er sich aus dem Poncho, setzte den Rucksack ab und hängte Hut und Anorak an einen Haken. Die Frau öffnete die Tür zu einer Stube, von der Bartel als erstes Wärme, eine Bank, einen großen Kachelofen und einen beleuchteten Tisch mit verstreuten Papieren warnahm. Die Frau wies auf ein Ende der Bank, etwas entfernt von den Papieren. Er setzte sich. Aus einem Wandschrank holte sie eine riesig anmutende Steinguttasse von der Art, wie schon eine auf dem Tisch stand. Sie goß heißes Wasser aus dem Topf in der Ofenhöhle hinein, warf einige Stücke Würfelzucker hinterher, rührte sorgfältig und nachdenklich um. Schließlich fügte sie einen mächtigen Schuß einer bräunlichen Flüssigkeit hinzu. Dann stellte sie die Tasse vor Bartel hin, erhob die andere und sagte:

"Verena."

Bartel griff zu der seinen und antwortete: "Bartel."

"Mach dir's bequem." Sie setzte sich zu ihren Papieren, schrieb zwischen langen Denkpausen kurze Sätze oder strich weite Strecken aus.

Bartel holte aus dem Rucksack ein Buch dieses schmalgesichtigen Poeten, dessen Gedichte man lesen mußte, als wären sie Prosa. Sie fingen dann ganz wundersam zu schwingen und zu klingen an, so verführerisch, daß schließlich Tisch und Ofen und das ganze Häuschen mitschwangen und mitklangen.

Aber plötzlich war Stille. Dahinein drang ein rhythmisches Schlagen vermischt mit einem Schnaufen. Schließlich pfiff eine Lokomotive. Erstaunt sah er Verena an.

"Wieso fährt er noch?"

"Seit die Strecke eingeweiht wurde, fährt er schon immer um diese Zeit", antwortete sie, obwohl das gar keine Antwort auf seine Frage war. "Es ist der Abendzug."

"Komm, wir gehen schlafen", sprach sie ihn nach einer Weile an und fügte schnell hinzu: "Keine Angst. Ich bin auch nicht mehr die jüngste."

Als sie still im Bett nebeneinander lagen, kam ein gleichmäßiges Rollen das Tal herunter.

"Der Aufseher mit der Draisine. Er fährt zu seinem Hause an der Hauptstrecke. Besichtigt dabei noch alles. Die letzte Fahrt heute."

Dann schliefen sie ein.

Bartel erwachte in gleisender Helle, stahl sich von Verenas Seite, zog seine Sachen an, nahm den Rucksack auf und machte sich davon. Es schneite nicht mehr. Der Pfad über die Wiesen war deutlich zu erkennen. Als er sich umdrehte, sah er das Schrankenwärterhäuschen weit hinter sich.

An der Bahnstation verwunderte ihn, daß es schon später Nachmittag war. Aber seine Armbanduhr bestätigte ihm die Zeit.

Dann löste er die Fahrkarte und stutzte über das Datum. Aber auch diesmal wurde ihm versichert, daß es richtig sei. Zwischen Anfang und Ende seiner Wanderung hatte es nur für ihn diese Nacht gegeben.



Die Schloßjungfrau zu Schandau

"Nicht alles, was in Büchern steht, ist richtig.

Vermutlich ist sogar das meiste falsch.

Daß ich nur aller fünfhundert Jahre erlöst werden kann, zum Beispiel, stimmt nicht. In solch einem Zeitraum ändern sich die Denkweisen der Menschen derartig, daß die gestellten Bedingungen gar nicht mehr ordentlich wirksam werden. Außerdem gewöhnt man sich an den Zustand und hat keine Lust mehr, ihn zu verändern. Der Herr Meiche hätte dann auch gar nicht von mir berichten können. Die ersten fünfhundert Jahre waren zu seiner Zeit noch nicht vorbei."

Ich schrak auf, klappte das Sagenbuch zu, dachte, daß ich jetzt erst einmal eine Runde schlafen müsse, blickte aber trotzdem vorsichtig neben mich.

Was so gelehrt zu mir sprach, war ein junger Mensch weiblichen Geschlechts, auf den die Bezeichnung Fräulein im alten Sinne des Wortes ausgezeichnet paßte. Sie war fein, bescheiden, den Umständen und dem warmen Frühlingswetter entsprechend angezogen, trug wohlgekämmtes, empfindsam geschnittenes, blondes Haar, hatte eine glatte, nicht zu weiße Haut und vollführte abgewogene Bewegungen.

"Auch die Bemerkung mit dem Goldschatz ist erlogen. Die Überbleibsel hier sind von einer kleinen Fortifikation. Eine Handvoll Reiter sollte den Elbübergang schützen."

Ich fand mich mit der Lage ab und dachte mir, Fragen bringt mich zurück in die Wirklichkeit.

"Aber wieso geistern dann Sie hier herum?"

"Eine gewöhnliche Geschichte. Einer von der Besatzung trieb es manchmal mit unserer Jungmagd in der Scheune. Ich war damals ein dummes, kindliches Ding und sah unbemerkt zu. Erst neugierig, dann leidenschaftlich. Ich hätte mich auch gern beteiligt, wußte aber nicht, wie ich es anstellen sollte. Jedenfalls verliebte ich mich regelrecht in ihn.

Als der recke zcum wintersteine belagert wurde, die Berken sich von ihm losgesagt hatten und er seine Burg an den Städtebund verkaufen mußte, verloren die Reiter hier ihren wichtigsten Rückhalt, denn sie hatten ihm mit Nachrichten zugearbeitet. Weil viele Mägde in der Stadt von ihnen belustigt worden waren, und auch allerlei Räubereien und Drangsalierungen auf ihre Rechnung gingen, stürmten die Schandauer das Fort und brannten es nieder.

Ich wollte mein Idol warnen, fand in die Befestigung hinein, aber nicht wieder heraus und kam im Feuer um. Mein Vater war Kaufmann, angesehen wegen seines Geldes, aber auch angefeindet, weil er aus Böhmen stammte. Er sah sich genötigt, mich zu verfluchen.

Dort", sagte sie und deutete vage auf ein Gebüsch, "handelten ein Schwarz-Roter und ein Weiß-Goldener den Verbleib meiner Seele aus. Der Schwarze war im Nachteil, weil ich aus Liebe gehandelt hatte, aber der Weiße konnte sich auch nicht durchsetzen, wegen des Fluchs und weil meine Liebe doch nicht so ganz göttlicher Vorschrift entsprochen hatte. Sie einigten sich schließlich auf ein Erlösungsabkommen."

Ich vermutete einen ganz blödsinnigen Ausdruck auf meinem Gesicht, starrte die kühle Erzählerin aber unverwandt an.

"Na, wie ist es, wollen Sie mich erlösen? Ein Schatz ist allerdings nicht zu haben, wie Sie wissen. Ich kenne zwar ein paar Goldseifen in der Zauke, die die Wäscher seinerzeit nicht gefunden haben, aber damit können Sie heutzutage doch nichts anfangen."

Ich dachte mir, daß es mit dem Untier, als das sie dann auftauchen würde, so schlimm nun nicht sein könnte, und fragte:

"Wann?"

"In fünf Tagen, also am fünfundzwanzigsten, fünf Stunden nach Sonnenaufgang."

Ich nickte. Als hätte ich damit einen Schalter betätigt, war sie verschwunden.

Pünktlich saß ich dann wieder auf dem Schloßberg, pünktlich tauchte auch das Untier auf. Es war eines von den schwarz und schlampig gekleideten Mädchen, deren Gesichtshaut durch Zigarettenrauch, Schlafmangel und ungestillten Bedarf an Licht und Luft verunstaltet ist. Sie trug an einer groben Kette ein großes Henkelkreuz um den Hals, kunstlos aus Zinn gegossen. Am meisten aber fielen ihre riesigen schwarzen Lederschuhe auf, die deutlich zeigten, wie sehr das Weib über den Onkel lief.

"Da guggst'e, was?" Sie hockte sich neben mich.

"Na los. Dreie sinn Flicht!"

Ich grub verzweifelt in meinem Gedächtnis nach, ob Aids auch schon durch Küssen übertragbar sei, fand nichts, dachte mir aber, so schlimm würde es nicht gleich werden. Also nahm ich ihren Kopf in meine Hände und küßte sie beinahe gefühlvoll, probierte auch, ein wenig mit der Zunge zu spielen, worauf sie aber nicht einging. Als ich sie losließ, sah sie mich ein wenig verschleiert und verwirrt an, sagte aber nichts und fing sich nach einer kleinen Weile. Da wagte ich die zweite Ausfertigung, bemerkte etwas mehr Entgegenkommen: Ich konnte ihr sogar ein wenig die Zähne öffnen. Die Dritte nun gar verlief in schönem Überschwange. Das Mädchen ließ sich los, wurde aber kein bißchen wild.

Nachdem ich sie freigegeben hatte, setzte sie sich aufrecht hin und sprach die Worte:

"Wenn de denggst, nu gannst'e mid mir rumbummsen, da irrst'e dich."

"Ich denke das nicht. Von Rumbummsen steht nichts in der Sage."

Sie blickte in die Ferne. Ich tat es ihr nach. Draußen flimmerte das Sonnenlicht im gelblichen Frühlingsgrün. Der Wind streifte vorsichtig über das Gras. Drei weiße Haufenwolken schmückten den Himmel. Als sie sich regte, wandte ich mich nach ihr um.

Da stand sie, in ein langes, glattes Gewand aus hellbraunem Leder gekleidet. Durch Schlitze im Rock und den Ärmeln leuchtete rote und grüne Seide. Ihr Haar war nun kastanienfarben. Das braun-grün-rote Barett saß gerade und sittsam darauf.

"Mêj se dobre", sagte sie, "mêj se dobre, a zustan láskyhodným muzem, jestli je mozný. Mêj se dobre." Dann waren da nur noch das Flimmern, die Wolken, das gelbe Grün und eine sanfte Müdigkeit.



Daniels Freund

Es ist freundlich, wenn an hervorragenden Stellen in Landschaften Bänke, Schutzhütten und Tische aufgestellt werden. Dem Wanderer wird die Rast angenehm gemacht. Obwohl er gern auch darin schwelgt, im Gras zu sitzen, den Rücken an einen Stein oder einen jungen Baum zu lehnen und in einen weiten Ausblick zu träumen. Allerdings locken Bequemlichkeiten oft Menschen an, die nicht kommen, um zu erleben, sondern nur, um ihre Liste vollzogener Standorte zu ergänzen. Sie zerstören mit Geschwätz, Geschrei, Tumult und Dummheit jede stille Freude.

Deshalb war ich erst mit beginnendem Abend auf den Kleinen Bärenstein gestiegen, wo auf dem Fleck des verschwundenen Gasthauses all die Annehmlichkeiten aufgebaut sind, die tagsüber die Schwärme der Ausflügler anziehen. Denn die finden sich spät am Tage nicht mehr ein, weil sie ihre gewohnte Abendbrotzeit nicht versäumen wollen und weil sie einen Abstieg in der Dämmerung oder gar im Dunkeln fürchten. Ich hatte mir Kaffee gekocht und aß.

Schwerfälliges Tappen von Bergstiefeln ließ mich aufhorchen. Am Ausgang der alten Treppe tauchte einer von den uralten Bergsteigern auf, die man gelegentlich im Gebirge trifft. Wenn sie wandern, gehen sie meist allein, denn ihre jungen Freunde wollen lieber klettern und ihre alten sind weggestorben. Man sieht sie manchmal auch noch am Felsen, auf klassischen Wegen, meist nicht den einfachsten. Spüren sie, daß man ihnen geneigt ist, stürzen sie sich gierig auf die Gelegenheit, ausgiebig zu schwatzen. Sie laufen in alten Baumwollanoraks herum, mit Pudelmützen oder ausgebleichten Hüten voller Abzeichen, in Kniehosen aus Kord, Bergstiefel einer längst verschollenen Form aus glattem Leder an den Füßen und mit zerschlissenen Rucksäcken, die ihnen faltig von den Schultern hängen. Immer wirken sie krummbeinig, aber ihre Knie federn beim Gehen.

"Guten Abend", sagte er. Und: "Guten Appetit." Und: "Freut mich, daß sie an einem Stück Wurst kauen und nicht an einer Möhre. Nimmt ja seltsame Formen an, die Esserei heutzutage. Mein Freund Denni Buhn damals im Westen ist schließlich auch wieder von der milden Kost frommer Denkart abgekommen."

Ich starrte ihn an. Wenn er wirklich Daniel Boone meinte, war das mehr als zweihundert Jahre her.

"Guten Abend", erwiderte ich schließlich. Und: "Danke." Und: "Ich bin doch kein Karnickel."

"Denni war auch keins. Er hielt sich nur damals besonders an die Bücher Mose, wo doch alles so schön einfach beschrieben ist. Er zog die Grenzlinien zwischen den Menschen nicht zwischen Weiß und Rot oder Weiß und Schwarz und schon gar nicht zwischen Schwarz und Rot, sondern nur zwischen Gut und Böse. Daß verhältnismäßig viele Indsmen auf die böse Seite gerieten, lag nur an ihrem fiesen Charakter. Als er dann Boonsborough gegründet hatte, verschob sich auch einiges. Jetzt zählten eine Menge von Trappern, diesen armen Hunden, zu den Bösen. Denn Neid auf Reichtum macht gierig und aufsässig. Die Händler von der Ostküste wechselten mehr und mehr auf die gute Seite."

Na, mein Lieber, dachte ich, du kommst aus einer ganz schön roten Seilschaft.

"Aber mit der Ernährung bekam er Schwierigkeiten. Er nahm die Sache mit dem allerlei Kraut und den allerlei fruchtbaren Bäumen, die GOTT der HERR Adam und Eva allein zur Speise gab, in der Kindheit sehr ernst und aß kein Fleisch. Als er in die Wälder ging, wurde ihm das schwer, denn der Mensch, der dauernd in Bewegung und auf Angriffe gefaßt sein muß, braucht etwas Ordentliches zwischen die Zähne, und ein Viehzeug ist schneller geschossen als die notwendige Menge Kräutlein und Sämlein gesammelt. Da fand er schnell heraus, daß GOTT dem Abel mit seinen Hammelherden besser gesonnen war als dem Kain mit seinen Früchten des Feldes, betrachtete das zwar nicht als Selbstkritik des HERRN, denn eine solche war schlechterdings unmöglich, sondern lediglich als Anlaß, die Dinge im Zusammenhang zu betrachten.

Auch die Auslassungen von GOTT dem HERRN über die Vermehrung nahm er sehr wörtlich, und er verstreute seinen Samen hart, aber gerecht über alle Töchter des Landes. Er war ein starker Mann, und als wir einmal am Green Creek, so einem kleinen, schweigsamen Flüßchen - heute ist es längst eine Kloake - herumkrochen und wochenlang keine Menschenseele, geschweige denn einen Weiberkörper gesehen hatten, versuchte er es sogar mit der Hündin, die uns zugelaufen war. Aber die wehrte sich unverständlicherweise und ließ sich auch nicht mit Feuerwasser willfährig machen wie die Indianerinnen.

Was das Essen betrifft, scheint er von seinen Zweifeln nicht losgekommen zu sein. Ich habe gehört, als er seßhafter wurde, hätte er wieder mit dem Gemüse angefangen. Ist auch schwer zu verstehen, was der alte Mose wirklich gemeint hat. Aber wahr ist das schon, was da steht, daß der Vegetarier Kain den Hammelbrater Abel erschlagen hat. Das versuchen die Kains doch heute auch. Allerdings verzichten sie auf das nachträgliche Zeichen des HERRN, denn sie haben keine Furcht, daß sie einer totschlage, der sie findet, denn wir leben in einem Rechtsstaat. Da hat derjenige Vorteile, der zuerst totschlägt. Er kommt in ein wohlausgestattetes Gefängnis und lebt fürderhin bequem. Nicht zu vergleichen mit dem dauernden Rumgeschleiche im Gestrüpp wegen der Indsmen und dem Planschen im Wasser wegen der Fallen.

Aber sie streiten gegen GOTTES Gebot, wenn sie vom Schutze unseres Planeten schwafeln. Denn der HERR hat wohlweislich gesagt: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet - wirklich: füllet - die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Die Herrschaft wird wohl eine Intensivhaltung sein müssen und die allmähliche Vernichtung allen grünen Krautes und aller fruchtbaren Bäume, weil anders die Fülle nicht ernährt werden kann. Denn SEINE Absicht war wohl, daß die Erde genauso wenig unsterblich sein sollte wie seine andere Schöpfung. Gegen SEIN Gesetz läßt sich nicht verstoßen."

Der Alte schwieg, sah hinüber nach der Festung wo ein Fenster nach dem anderen aufleuchtete, hinunter nach Weißig, das einen Dunstschleier über sich zog und nach der schwarzen Masse des Großen Bärensteines. Dabei wurde seine Gestalt immer durchsichtiger, bis sie sich ganz im Gewirr der Birken aufgelöst hatte.



Schweres Gepäck

Hin und wieder sieht man in der Sächsischen Schweiz Wanderer mit auffällig großen Rucksäcken. An den Touristenmeetings drücken sie sich meist scheu vorbei. Nur einige schreiten aufrecht und verächtlich durch die Menge. Ihr eigentlicher Ort aber sind die einsamen Gebiete weit genug entfernt von den Parkplätzen.

Oft sind die Rucksäcke nicht nur groß, sondern auch schwer. Ihre Träger setzen langsam Fuß vor Fuß, schwitzen aber nicht, und außer der Gangart bemerkt man kein Zeichen von Anstrengung an ihnen.

Kletterer tragen so ihre Ausrüstung mit sich herum. Auch die modernen Seile, Schlingen und Schnüre sind umfangreich und Karabiner schwer. Aber der Verdacht liegt nahe, daß sie sonst noch vielerlei mit sich schleppen: Schlafsack und Matte, Kocher, Taschenlampe, Pullover, reichlich Proviant, Wasser, Fotoapparat und Tagebuch.

Und auch solche, denen man selbst leichte Kletterwege kaum zutraut, schleppen sich unmäßig ab.

Mit unnützen Gegenständen?

Woran sie tragen, sind Ängste und Hoffnungen. Die meisten ihrer Hoffnungen sind auch Ängste und die meisten Ängste Hoffnungen.

Die Wolken hängen tief. Schon auf der Ebenheit wird Nebel sein. Vor vielen Jahren einmal haben sie sich im Zschand bei Nebel verlaufen, einen anderen getroffen, der auch nicht wußte, wo er war.

Ihre Hoffnung befürchtet, es könnte heute wieder geschehen. Heute sind sie gerüstet. Heute haben sie alles bei sich, um unter einem Überhang auf besseres Wetter harren zu können.

Damals wollten sie nach Hause. Sie hatten dies und jenes vor.

Bald aber verklärte sich ihnen das Erlebnis. Heute warten sie , daß es wieder geschehen möge. Sie hoffen auf Stunden der Stille und Abgeschiedenheit, auf dieses satte Gefühl duldender Ruhe, auf die Umarmung der Landschaft.

Ihre Hoffnung wird kaum in Erfüllung gehen. Sie kennen sich inzwischen zu gut aus. Und wirklich dichte Nebel sind sehr selten. Sie könnten zwar so tun, als hätten sie sich verirrt. Manchem Phantasten gelingt es. Aber die meisten sind zu ehrlich dafür.

Sie schleppen ihre großen Rucksäcke durch das Gebirge, Rucksäcke, schwer gefüllt mit Sehnsucht.



Alte Kameraden

Eine von diesen Gefühlsregeln, die er aus der Kindheit mitschleppt, heißt: Schuhe wirft man nicht weg, und auf gar keinen Fall verbrennt man sie. Dieser Satz stammt wohl aus der kargen Nachkriegszeit oder von noch viel früher, als sie die wertvollsten und langlebigsten Kleidungsstücke waren. Er versteht nicht, wie sich in den großen Geschäftsstraßen die Schuhläden so dichtgedrängt halten können. Wie oft müssen doch die Leute ihre Schuhe wegwerfen, wenn diese Läden alle ihren Umsatz machen sollen!

Er versteht nicht und wird nicht verstanden. Niemand begreift, warum er sommers mit seiner verblichenen Baumwolljacke in die Berge zieht und im Winter in einer Lodenjoppe, warum er seinen Hut, der ursprünglich vielleicht einmal als Steinklopfer geformt war - oder auch nicht - noch immer trägt, statt ihn gegen eine moderne Wettermütze auszutauschen. Keiner kann sein Lächeln nachempfinden, wenn er am Rastplatz mit der Hand in die Tiefe seines Rucksackes fährt und die Wärme spürt, die mit der Teeflasche hineingelangte und durch sorgfältige Anordnung der Gegenstände über lange Stunden aufbewahrt worden ist.

Seine Bergstiefel hat er in einem der teuersten Läden gekauft, nach langer Beratung mit einer freundlichen jungen, aber sachverständigen Verkäuferin und nach einer unendlichen Geschichte mit reibenden und drückenden Vorgängern. Ihre Schrammen erzählen von seinen Touren, glücklichen und alltäglichen, gewagten und gefährlichen, anstrengenden und spielerischen. Die Senkel haben Rillen ins Leder gedrückt und Falten zusammengeschoben. Aber das Profil der Sohlen reicht noch immer aus. Es lohnt sich, teure Ware in einem guten Geschäft zu kaufen.

Diese neumodischen dünnen Anoraks mag er nicht. Er traut ihnen zu, daß sie bei der ersten Berührung mit einem kantigen Stein zerfetzen. Seine Jacke ist dicht und schwer und muß regelmäßig mit essigsauerer Tonerde imprägniert werden. Sein Rücken hat sie über Felsen geschabt, sein Kopf sie als Kissen benutzt, und sie hat die schlagenden Zweige der Dickungen gespürt. Legt er sie zusammen, erwidert sie seinen Händedruck.

Er vertraut auch seiner Lodenjoppe, die im Winter den Körper warm hält und den Schweiß nach außen befördert, wo sie bald pulvriges Eis bedeckt. Einmal war der Hüftgurt des Rucksacks auf ihr festgefroren.

Mit allen seinen Sachen kann er über gemeinsame Erlebnisse reden, wenn er dahockt zu Hause oder irgendwo in der Landschaft. Trauliche, aber auch traurige Worte sind es zumeist. Denn die Bunten, Lärmenden verdrängen ihn von seinen liebsten Gipfeln, aus seinen heimlichsten Schluchten, von seinen lieblichsten Wiesen.

Er gehört zu einer aussterbenden Art, ungeschützt durch Wildhüter und Stiftungen.



Das Urvieh

Das Urvieh ist einer von den neueren Kletterfelsen. Es hockt bei den Lehnsteigtürmen auf der Südseite des Breiten Horns und konnte sich lange klein genug machen, so daß es von den Erfolgshungrigen, die zu den Gipfeln weiter vorn strebten, übersehen wurde. Schließlich fanden die Herren Klettergewaltigen Ludewig, Golbs und Heinicke aber doch heraus, daß es das Mindestmaß für einen Klettergipfel hatte, und kraxelten zielstrebig an ihm herum. Neunzehnhundertachtzig fanden sie zwei dreier Wege und einundachtzig noch ein paar siebener dazu.

Nach einer Weile hörte unser Horst davon, und wie er so ist - ein bißchen rechthaberisch, ein bißchen spöttisch und dazu immer bereit, großartiges Getue auf ein ehrliches Maß zurückzuführen - ging er los, sich die Sache zu besehen. Von oben natürlich. Auf dem schnellsten Wege. Das aber war ein neuer und nach Horstens Meinung nur eine Eins.

Nun ging der Knatsch los. Der Alte Weg eine Drei, gemacht von Könnern mit Ämtern. Und dann findet dieser hinterlistige Linke eine Eins! Da müßte man doch die Abseilöse wieder herausbrechen! Das kann nicht sein!

Die sonst unliebsam gestrengen Herren, knauserig mit Schwierigkeitsgraden, stuften den Weg endgültig als Drei ein. Horst knurrte erst, dann feixte er.

Wenn mal jemand schnell aufs Urvieh will, nehme er also den Bergweg! Das ist nur eine Eins.



Wilder Mann

Die Sonne sinkt zum Horizont, aber der Himmel bleibt fahlblau. Wolkenstreifen heben sich kaum von ihm ab. Die Wiesen verschwimmen in einem weißlichen Grün. Es ist noch warm. Aber die Feuchtigkeit der Luft läßt eine kühle Nacht erwarten.

Der alte Mann sitzt still vor seiner Hütte in der Kuhle unter der ausladenden Straßenkurve. Vom Abend ungebrochen rauscht über ihm der Verkehr. Er hört ihn kaum. Der meiste Lärm streicht oben hinweg. Reste siebt ein Streifen Gesträuch, ehe sie die Ohren des Versunkenen erreichen. Und er ist seit Jahrzehnten daran gewöhnt.

Damals nach dem Kriege war die Straße schon genauso breit wie jetzt und hatte auch schon das Pflaster aus kleinen Granitsteinen. Die Nazis hatten ihre Straßen vorausschauend gebaut: geräumig, fest, die Kurven weit, wo es möglich war. Nur wenige Fahrzeuge benutzten sie: Benzin und Technik waren knapp.

Er wollte Elisa und Susan das Dorf zeigen, aus dem seine Eltern in den Roaring Twenties nach den Staaten ausgewandert waren. Frau und Tochter wohnten einige Wochen als Besucher in der Bamberger Garnison. Sein Commander gab ihm Urlaub für den Trip. Die Russen waren noch ganz freundlich. Ein Kollege aus einer der neuen deutschen Zeitungen lieh ihm das Auto. So stand der Fahrt nichts im Wege.

Sie trödelten in ihrem Wagen gemächlich dahin. Es war ein Vormittag im März. Tag und Frühling lagen vor ihnen. Die Straße senkte sich etwas nach der Kuhle zu, die Kurve holte weit aus. Sie war spiegelglatt. Der Wagen glitt seitlich weg, polterte nach unten. Die Drei wurden hinausgeschleudert. Dann explodierte der Tank.

Als der Mann zu sich kam, lag er auf einem Brettertisch in einem Schuppen. Unbekannte bewegten sich um ihn. Er versuchte, nach Susan zu rufen, brachte aber nur ein Murmeln zustande. Ein älterer Herr mit Metallbrille und grauweißem Spitzbart beugte sich über ihn, flößte ihm eine Flüssigkeit ein, die er gierig trank, und sagte dann:

"Schlafen Sie erst mal."

Elisa und Susan waren tot. Er quittierte seinen Dienst so schnell es ging, fuhr in die Staaten, legte sein Vermögen möglichst sicher an, kehrte nach Deutschland zurück, kaufte die Kuhle unter der Straße und baute den Schuppen so weit aus, daß er darin wohnen konnte.

Frau und Kind lagen auf dem Friedhof drüben im Dorf begraben. Das war wohl der Grund dafür, daß ihm die Leute wohlwollend begegneten, obwohl sie seine Lebensweise nicht verstanden. Hierzulande war es üblich, erst einmal ein festes Haus zu haben und dann einen Kühlschrank. Er aber ließ Elektro- und Telefonkabel zu der Bretterbude legen. Er machte sie fest und dicht, stattete sie innen mit allen Feinheiten einer modernen Wohnung aus und begann mit Hilfe seiner Dollars ein Leben, daß er bis heute fortgeführt hatte. Man nannte ihn Wilder Mann, wie früher die Einsiedler in den Wäldern.

Er wachte über die Kurve. Den Hang von der Straße zu seiner Kuhle herunter bepflanzte er mit Gebüsch, das den Fall eines Wagens mild aufhalten sollte. Neben seiner Behausung lag stets ein reichlicher Vorrat Streusand, und in eisigen Nächten war er ständig draußen, um die Fahrbahn in der Kurve abzustumpfen. Er verfügte über alles, was zur Ersten Versorgung von Verunglückten notwendig war.

Seither war der Unfalltod seinem Bereich ferngeblieben.

Die ihn kannten oder von ihm hörten, empfanden eine mit Erstaunen gemischte Achtung. Leute suchten ihn auf, die mit irgend etwas in ihrem Leben nicht zurechtkamen. Sie sprachen ein wenig, zur Sache oder auch nicht. Sie saßen eine Stunde oder einen Tag oder einen Tag und eine Nacht bei ihm. Auf der Bank draußen oder an dem blanken Küchentisch drinnen. Wenig Worte wurden gewechselt. Sie murmelten einen Dank und gingen. Manche kamen oft. Andere schickten eine Flasche Whisky, eine Kiste Tee. Ihm waren alle lieb.

Der Alte, grauhaarig nun, graubärtig, dicke Falten von Wind und Sonne im Gesicht, in Jeans und einem karierten Hemd, lauscht auf das Sausen über ihm. Sie fahren nun zu Millionen, wohl wissend, wie viele von ihnen dadurch in jeder Minute sterben. Zu wenige hat er bewahren können, in der Kurve und im Leben.

Er ist müde. Still fließt das Dämmerlicht des Abends. Schlaf breitet sich aus in ihm, übermächtiger Schlaf, Schlaf ohne Erwachen.



Schmilkaer Fährleute

Als unsere Kinder noch Kinder waren und die Überfahrt nur einen Groschen kostete, arbeiteten zwei einprägsame Männer auf der Seilfähre in Schmilka.

Der eine, größere, trug stets eine Schiffermütze, sommers eine offene schwarze Weste über dem hellen Hemd, ansonsten die Uniform der Dresdner Verkehrsbetriebe, zu denen die Fähre gehörte. Apfelbäckchen schmückten sein großes, kindliches Gesicht mit dem stetigen, freundlichen Lächeln. Sicher gehörte er einer demütigen christlichen Sekte an, die Bescheidenheit und Menschenliebe predigte.

Der andere war deutlich kleiner, fülliger, schien immer mürrisch und hatte eine melancholisch gerade Nase. Die Uniform sah man oft an ihm, auch die Mütze. Im Sommer trug er dunkel karierte Oberhemden.

Ob sie Fährleute mit Leib und Seele waren - wie man so sagt - das weiß ich nicht, denn ich habe sie nie außerhalb ihres Dienstes gesehen. Aber diesen Dienst verstanden sie als Dienen. Wenn die ersten Leute aus einem Dresdner Zug die Anlegestelle erreichten, lag die Fähre da. Und die letzte Fähre zum Zug war auch wirklich die letzte Möglichkeit, ihn noch zu erreichen.

Davon allerdings kenne ich eine Ausnahme.

Wir kamen an einem Sommerabend von einer großen Tour, von Ceská Kamenice über den Rosenberg, der uns sehr angestrengt hatte. Die Kinder hatten in Hrensko noch einkaufen wollen. Jedenfalls erreichten wir zu einer Zeit die Anlegestelle, als der Zug schon hätte abfahren sollen. Die Fähre dümpelte gerade herüber, langsam, denn es war Sommer, der Wasserstand niedrig, und sie mußte ja die Strömung für ihre Bewegung nutzen. Der apfelbäckige Fährmann sah uns zögern, winkte, hievte uns an Deck noch bevor das Boot richtig angelegt hatte, warf das Steuer herum und half hastig mit einer Stange der Fahrt nach, während er etwas von "Verspätung" murmelte. Wir hörten das Echo des Wagenrollens an der rechten Talwand, sprangen auf den Ponton, hasteten zum Bahnsteig und erreichten noch den Zug. "Danke", haben wir gesagt. Ob wir auch bezahlt haben, weiß ich nicht mehr.

Und noch ein Erlebnis hat sich mir eingeprägt.

Auch diesmal war ich aus dem Böhmischen gekommen. Aber es war Winter, abends, dunkel und eiskalt. Das letzte Wegstück hatte den Rest meiner Kräfte verbraucht, denn am späten Nachmittag hatte es begonnen zu regnen, und die Dunkelheit hatte sich bösartig mit Glatteis gegen mich verbündet. Ich schleppte mich zur Fähre in der Hoffnung, daß wenigstens drüben am Haltepunkt der Warteraum offenstünde. Der Zug fuhr erst in einer Stunde. Vor der Anlegestelle kam mir der füllige Fährmann entgegen. Er wollte sicher zu seiner Frau hineinschauen und etwas Warmes trinken. "Du hast noch Zeit", sagte er, "setz' dich rein." Er ging noch einmal zurück und ließ mich aufs Boot. Damals hatten die Seilfähren am Heck unter dem Steuerbaum eine niedrige Kajüte. Darin stand im Winter ein Kanonenofen, der geheizt war. Ich setzte mich auf die Bank, die Wärme packte mich, und ich schlief fest ein. Der Fährmann weckte mich zur richtigen Zeit. Auch diesmal weiß ich nicht, ob ich bezahlt habe. Aber "danke" habe ich jedenfalls gesagt.

Wie alle Märchen beginnt auch dieses mit "Es war einmal". Wie in jedem Märchen aber sind die Personen und ihr Handeln wirklich gewesen.

Heute arbeiten junge Leute auf der Fähre, sicher zuverlässig und fleißig genug, genau nach ihren Vorschriften und Fahrplänen. Genüßlich liegt die Fähre herüben und drüben fahren ungerührt die Züge ein und aus. Na ja, sie verkehren auch häufiger als früher. Das tiefe Vertrauen in Kunst und Wohlwollen des Fergen stellt sich nicht mehr ein.

Einen von den Jungen habe ich allerdings im Verdacht, daß er nicht nur ein richtiger Fährmann ist, sondern auch ein guter werden will. Ich werde ihn im Auge behalten.



Schandauer Ratsstube

Ich, Johannes Christlieb Bartholomäus, Pfarrer zu Schandau, habe dieses niedergeschrieben denen, die mir folgen, zu Lehre und Gleichnis. Es geschah im Jahre unseres HERRN sechzehnhundertundsiebzehn, daß ein Streit ausbrach unter den Ratsherren allhier, um eine Nichtigkeit. Denn es gienge darumb, wann dem Fergen an der Bornfähre solle der Fährpfennig ausgehendiget werden. Sagten die einen, deren Wortführer der ehrenwerte Kaufmann Georg Hoyer und der fromme Hieronymus Kuntze, der Beutler, es müsse dies vor der Überquerung geschehen, sonst der Ferge die Arbeit vollbracht und dann sehen müsse, daß er so oder so um den Lohn geprellt wäre, wenn sein Gast leeren Beutels sei oder leichtfüßig davoneile. Meinten aber doch der Zimmermann Hans Streller und mit ihm all die braven Handwerker, niemand sonst erhalte Lohn, bevor er nicht sein Werk endgültig vollbracht, und könne doch der Ferge sich zeigen lassen, ob ein Pfennig da sei, wäre wohl auch stark genug, einen Flüchtigen zu halten. Widersprachen dem Herr Hoyer, weil niemand solle einem wie dem Fährmann sein Vermögen offenbaren müssen, und unser lieber Kuntze, der uns in seiner Frömmigkeit eine wahre Hilfe immer gewesen, wollte dem Fergen eine polizeiliche Handlung wie das Festhalten nicht gewähren.

Wäre also ein Entschluß möglich gewesen, hätten sich Kuntze und Herr Hoyer nicht zerstritten darüber, ob der Pfennig zu geben sein möge, wenn der Gast noch auf dem Stege oder schon im Kahne sei. Herrn Hoyer sagte, seie der Gast erst einmal im Kahne, wäre er wohl schwer wieder hinaus zu bringen. Redete Kuntze dawider. Denn der spöttische Ferge hatte dem Frommen manch Streich aufgehalset, und letzterer nun vermutete, er würde gelegentlich trotz übergebenem obolus nicht aufgenommen werden.

Diese problema wäre minder Bedeutung geblieben, beschäftigte aber den Hohen Rat seit Mariä Lichtmeß und war Mariä Heimsuchung noch immer nicht gelöset. Mußte auch über die Verbesserung der Brunnen und die Abwehr der pestilencia beschlossen werden, aber sie stritten über den Fährpfennig und waren die Bürger von Schandau sehr erbost darüber und rumoreten mächtig.

So einigten sich die Herren Räte schließlich darauf, den Schösser auf Hohnstein um Schlichtung anzurufen.

Waren sie wohl geübet, sich gegenseitig Schimpf an den Kopf zu werfen, fehlte ihnen jedoch die Fertigkeit, in gesetzten Worten ihr Anliegen vorzubringen und baten mich deshalb, als ihr secretarius ihnen auf Hohnstein beizustehen. Ich fande mich dazu bereit, sintemalen mein Herr Vater selig gelahrter advocatus in Dresden gewest, und ich in meiner Jugend gar manches von seinem Tun und Treiben abgeluchset hatte. War auch der Schösser ein Freund aus meiner Kindheit. Sah aber manche Gefahr in der Unternehmung, ist doch die Fähre in Verwaltung des Amtes Hohnstein und nur gepachtet, und die Stadt hatte kaum einige Rechte an ihr.

So zogen wir eines Morgens im Juli dahin. Zu Fuß, versteht sich, um dem Schösser Ergebenheit zu beweisen, und weil wohl der Borg der Gäule für Streller und mich hätte müssen aus dem Stadtsäckel bezahlet werden. Die letzten Tage waren schwüle gewesen, und wir hatten mit zeitigem Aufbruch wollen die von der Nacht verbliebene Kühle nutzen. Es drückete aber wie am hellen Tag.

Voran schritten Herr Hoyer und unser lieber Kuntze, der sich an meine Seite hatte schlagen wollen, aber den Platz durch Streller besetzt fand. Dieser mochte wohl gar nicht sich neben dem hochmütigen Kaufmanne finden und zog mich vor, den Pfarrer, den er achtete auf eine mürrische Art. Auch jetzt war er schweigsam und bedauerte wohl den Verlust des Arbeitstages um einer lächerlichen Nichtigkeit willen, die Eitelkeit zu ungehörigem Maße geblähet.

Als wir schon eine Stunde gegangen und den so genenneten Tiefen Grund empor strebeten, deutete Streller auf eine dunkle Wolke und sprach:

"Es wird wittern."

Gleichsam als Antwort grummelte es in der Ferne. Das veranlaßte unseren lieben Kuntze, kräftig auszuschreiten, auch wenn der wohlbeleibte Kaufmann in seinen theuren Kleidern auf der ansteigenden Straße kaum folgen konnte. Früher schon verwunderte ich mich, daß der Beutler so viele Worte unserer Heiligen Schrift flüssig hersagte, die sich auf Blitz und Donner bezogen, und fand die conclusio, er fürchte Gewitter. Schließlich begann es zu regnen, und weil wir noch eine Stunde Weges bis Hohnstein vor uns hatten, stellten wir uns unter einem überhängenden Felsen zusammen, das Wetter abzuwarten, was wohl nach seiner Art heftig sein, aber nicht lang dauern würde. Wie auch geschrieben steht: "Da wird man in der Felsen Höhlen gehen und in der Erde Klüfte vor der Furcht des Herrn und vor seiner herrlichen Majestät, wenn er sich aufmachen wird, zu schrecken die Erde."

Standen wir also geducket und gedränget, während Blitz um Blitz niederfuhr, der Regen auf die Erde schlug und Gottes Donner gar fürchterlich von den Felsen widerhallete. Drüben rauschete der Bach immer stärker und ein Rinnsal leckte nach unseren Füßen.

Unser lieber Kuntze hatte sich ganz in den niedrigen Hintergrund gezogen, und seine Beinkleider hatten sich gefeuchtet, daß zu befürchten stand, es würde sich bald ein Gestank ausbreiten. Herr Hoyer mühte sich, sein schmuckes Wams den hereingetrieben Tropfen zu entziehen. Streller allerdings stand weit vorn und schien sich daran zu erfreuen, daß ihm Stirn und Wangen gekühlet wurden. Da begann der Beutler zu murmeln und zu beten:

"Des entsetzt sich mein Herz und bebt. O höret doch, wie sein Donner zürnt, und was für Gespräch von seinem Mund ausgeht! Er läßt ihn hinfahren unter allen Himmeln, und sein Blitz scheint auf die Enden der Erde. Ihm nach brüllt der Donner, und er donnert mit seinem großen Schall; und wenn sein Donner gehört wird, kann man's nicht aufhalten. Gott donnert mit seinem großen Donner wunderbar und tut große Dinge und wird doch nicht erkannt."

Streller hörte zu, drehte sich dann heftiglich um und schrie: "Und der Herr antwortete Hiob aus dem Wetter und sprach: Wer ist der, der den Ratschluß verdunkelt mit Worten ohne Verstand?" Welch Kenntnis der Schrift mich überraschte. Fügte auch hinzu: "Wenn das Wetter vorüber, gehe ich zu meiner Arbeit. Mögen die Herren beim Schösser sprechen, wie ihnen lieb ist."

Sagte Herr Hoyer: "Lieber Herr Pfarrer, entschuldigen Sie uns auf Hohnstein, ich bitte sie inständig. All Kosten will ich Ihnen doppelt vergüten. Ist doch der Ferge Manns genug, sich seinen Lohn zu sichern ohne unsere rätliche Beihilf."

Als das Wetter vorüber, strebte Streller rüstigen Schrittes dahin zu seinen Hölzern, Hoyer entwandelte, Kühle, Feuchte und erfrischtes Grün genießend, und mit Abstand hinterdrein schlich stinkend unser lieber Kuntze, um den sich niemand kümmerte.

Ich verbrachte einen köstlichen Abend mit meinem Freunde zu Hohnstein bei Wein und Braten auf Herrn Hoyers Kosten. Am Morgen wanderte ich nach Schandau zurück, lüftete mein Gehirn und schmunzelte bei der Höhle, in die wir uns gerettet, und die künftig bei allem Volke zu aller Zeit sollte "Schandauer Ratsstube" benamset werden.

Gelobt sei der HERR, der in seiner unendlichen Güte sogar kleinliche Dummheit mit einem Donnerwetter corrigieret.



Aufstieg eines Königs

Vor zwei Jahren, als die Schweden ins Land einfielen, hat unser königlicher Herr und Kurfürst wohl kaum bemerkt, daß die Bauern hier im Gebirge ihre alten Zufluchten wieder hergerichtet haben und es mancherorts zuging wie im großen Kriege vor siebzig Jahren. Aber das Feuer, als Fritz mit den Burschen hier oben seinen Geburtstag feierte, hat er gesehen, obwohl der Stein beinahe 200 Fuß höher als die Festung ist. Wenn er schon nicht in Warschau residieren kann, weil ihn der Schwedenkönig von dort vertrieben hat, wollte er also wenigstens den Stein besteigen. Vielleicht aus Langeweile, vielleicht, um zu beweisen, daß er trotz aller Mißerfolge noch Manns genug sei.

Wir erwarteten ihn auf der Südseite an der Stelle, wo der Pfad der Burschen vom Feldweg abzweigt und den bewaldeten Hang hinaufführt. Dort begann wohl früher auch der Zugang zu der alten böhmischen Veste, denn der Pfad ist fester gestampft, als es die Füße der Burschen vermocht hätten. Auch sind weiter oben im Felsen Tritte ausgehauen und die Widerlager für hölzerne Stufen. So ist der Aufstieg für einen gelenkigen Menschen nicht schwer zu bewältigen.

Ich stand da also mit einigen Burschen, und er kam pünktlich. Er hatte ein kleines Gefolge bei sich aus einigen Herren, die wohl lieber in der bequemen Festung geblieben wären, und einem Offizier mit fünf Soldaten. Letztere waren mir lieb, denn ich fürchtete, ich würde mit meinen Leuten die Herren nicht alle hinaufbefördern können, und hoffte auf die Hilfe des Militärs.

Aber es kam anders. Der König klopfte mir freundlich auf die Schulter, nickte den Burschen zu und befahl seiner Begleitung, auf ihn zu warten. Dann zog er mit uns los. Es war eine rechte Plackerei für den Herrn. Für die Burschen nicht, was sie sehr gewundert hat. Er hat sich redlich Mühe gegeben, mit eigener Kraft nach oben zu kommen, obwohl er sehr schwitzte und schnaufte. Er ist immerhin achtunddreißig Jahre alt. Aber die Jagd hat ihn wohl trotz seines Leibesumfanges beweglich gehalten.

Wir haben für den Aufstieg keine ganze Stunde gebraucht. Oben verschnaufte der König ein wenig, besichtigte dann eingehend die alten Gemäuer, kletterte auch weit auf die westlichen Felstürme hinüber, wobei er zwei Mal einen gefährlichen Sprung wagte. Er beobachtete eine Weile mit gerunzelter Stirn die Festung, ließ sich aber dann auf einem Steinblock im östlichen teil der Gipfelfläche nieder, wo man den Strom und die Ortschaften im Tale , die Steine am anderen Ufer und die Dörfer dabei bequem betrachten und weit ins Land hinaussehen kann. Wir boten ihm von unserem Proviant an: Rauchfleisch, Schwarzbrot, billiger Rotwein. Er war erfreut, bediente sich genießerisch, aber nicht unmäßig und dankte freundlich. Dann saß er und schaute. Niemand sprach. Mancher von den Burschen schlief zwischendurch ein Weilchen. Es war ein seltsam stiller Fleck in dem kriegsgeschüttelten Land mit dem vom Schicksal geprüften König.

Als er sich erhob, hatte die Sonne den Scheitel ihrer Bahn schon einige Zeit hinter sich. Es fiel ihm schwer, sich aus der Umarmung der Landschaft zu lösen. Ohne daß wir ihn weisen mußten, fand er zurück. Abwärts schwitzte und schnaufte er nicht, aber zwei Burschen, die vor ihm waren, führten ihm gelegentlich den Fuß, weil er wegen seiner Wohlbeleibtheit die Tritte nicht sah, die er benutzen konnte. Als wir bei seinem Gefolge ankamen, das sich offenbar mühsam durch die langweilige Warterei gehungert hatte, faßte er mich bei der Schulter und schüttelte mich wortlos. Dann nickte er den Burschen zu, stieg langsam auf sein Roß und ritt davon.

Einige Tage später erhielt ich vom Amtmann den Befehl, den "Zugang auf den Felsen ersteiglicher zu machen". Zwei Steinmetzen bekam ich dazu , einige Forstarbeiter. Ein junger Baumeister aus der Hauptstadt zeichnet Pläne, die wir nicht brauchen, aber ich gönne ihm die Möglichkeit, auf Kosten der kurfürstlichen Kasse in der Gegend herumzustreifen. Die Leute werken, ich kann sie hören. Das Wetter ist gut: trocken, aber nicht zu warm. Unten liegt ein Obelisk, der heraufgebracht werden soll, wenn die Arbeiten beendet sind. Die Inschrift ist lateinisch. Der Baumeister hat lange gerätselt, was sie bedeuten soll. Er kann sie deuten, aber nicht so richtig übersetzen.

Man hört, der König habe seine katholischen Priester ersucht, bei Sankt Ägidius für ihn um Unterstützung zu bitten. Die Leute verwundern sich darüber, weil doch dieser Heilige zwar ein Nothelfer ist, aber doch nichts mit Politik und Krieg zu tun hat. Aber der Stein hier ist nach ihm benannt. Vielleicht war er es, der bewirkt hat, daß die Schweden in Rußland einfallen wollen. Als der Zar auf der Festung zu Besuch war, sah er ganz danach aus, als könnte er es mit allen seinen Feinden aufnehmen.

Zwei Wochen wird es noch dauern, dann ist der Aufstieg gebaut und der Obelisk aufgerichtet. Die Burschen werden wohl auch künftig noch manches Fest hier oben feiern. Aber traulich und heimelig wird es nie mehr sein.



Wie das Dorf Seltensaat wüst wurde

Keiner im Dorf Seltensaat wußte, wie man so etwas anpackt und keiner auch hätte die Mittel gehabt, es auszuführen. Alle waren Bauern. Sie verstanden genug von Feld und Vieh, manches auch von Ausbesserungen an Haus und Hof. Aber keiner kannte sich im Brunnenbau aus. So verkam die Wasserstelle unter dem Lilienstein mehr und mehr. Vor fünfzig Jahren, als die Burg auf dem Felsen noch bestand und deren Vogt sich kümmerte, brachte sie reichlich Wasser. Jetzt nun langte es nicht mehr aus, und nach einem heißen Sommer begannen die Leute, um den Bestand ihres Dorfes zu bangen.

Da entschied der Schultheiß mit landesherrlicher Genehmigung durch Georg den Bärtigen und im Einverständnis mit den Bauern, die Quelle zu verkaufen unter der Bedingung, daß der zukünftige Besitzer den Wasserbedarf des Dorfes gegen Entgelt und bei einem nur mäßigen Gewinn für sich zu befriedigen habe. Er hielt Umschau im Land nach einem geeigneten Manne für dieses Unternehmen, und seine Wahl fiel auf Herrn Hoyer aus Schandau.

Das war ein Kaufmann, reich geworden durch den Getreide- und Salzhandel mit den Böhmen, lange schon hier ansässig. Sein jüngerer Sohn Johannes hatte das Bauhandwerk in Italien von Grund auf gelernt, und man hörte ihn häufig von den alten Aquädukten schwärmen. Weil Herr Hoyer nahebei wohnte, traute ihm der Schultheiß ein Gewissen für das Wohlergehen des Landes zu.

Der Kaufmann bekam die Quelle und ein Stück Land drumherum für den sinnbildlich gemeinten Preis von einem Apfel und einem Ei und sein Sohn übernahm es, Pläne zu zeichnen, Bauarbeiter zu werben und für die nötigen Dinge zu sorgen. Hoyer hatte sorgfältig gerechnet, was ihm wohl Schachtung, Abdichtung und Fassung der Quelle nebst Brunnenhaus und Verwaltung kosten würden, und alles für sich erträglich gefunden. Als ihm Johannes sein Vorhaben beschrieb, wurde er unruhig. Wie der Sohn es im Süden gesehen hatte, wollte er nicht die Quelle nur fassen, sondern auch ihr Wasser in geschlossenen Kanälen und Röhren bis in die Höfe leiten. Das natürliche Gefälle des Geländes fordere dies geradezu von der Vernunft.

Der Alte überlegte, wen er wohl als zweiten Geldgeber gewinnen könnte, und fand den von Schleynitz, von niederem Adel und auch Kaufmann in Schandau, dessen Tochter Christiane, die ungewöhnlich gebildet war und sich selbst ketzerisch "Krystel" schrieb, eine freiheitliche und doch recht innige Beziehung zu Johannes pflog.

Die Väter kamen überein, gemeinsam die Mittel für das Seltensaatvorhaben aufzubringen, um damit eigene Einkünfte für Johannes zu schaffen und dann die Kinder zu verheiraten. Für beide war dieser Handel vorteilhaft, und den jungen Leuten war es recht. Zwar sahen sie nicht so sehr aufs Geld, lebten in der Liebe und ihren Gedankenwelten und verließen sich auf die Talerkisten der Alten. Aber irgendwann - das sahen sie ein - würden sie wohl auch selbständig werden müssen.

Im Frühjahr begannen die Arbeiter von Johannes zu schachten und zu schaffen und erzeugten damit den ersten Ärger aus seiner Unbedachtsamkeit. Auch während der Bauzeit brauchten die Höfe in Seltensaat natürlich Wasser, und das war aus dem Hoyerschen Born nun erst einmal nicht mehr zu haben. Es mußte aus anderen Quellen weither geholt werden, und einige begannen gar, uralte Brunnen auf ihren Höfen wieder instand zu setzen. Der alte Kaufmann witterte Gefahr für den künftigen Absatz seiner flüssigen Ware und drängte den Sohn, die Arbeiten zu beschleunigen und abzukürzen. Der aber ließ sich nur wenig beeinflussen. Viele schöne Tage gab es in diesem Jahr. Die jungen Leute zogen früh von Schandau hinauf auf die Sellnitz. Johannes beaufsichtigte und lenkte seine Leute. Krystel kannte drei, vier Plätze, wo sie gern saß und auf den Königstein und die anderen Felsgebilde jenseits der Elbe oder auf die Sandsteinwände im Osten blicken konnte. Sie führte stets eine Schreibtafel mit sich und verfaßte Gedichte und andere Schnurren.

Mit dem Sommer ging auch der Bau zu Ende. Die Arbeiter zogen fort, sich einer andere Anstellung zu suchen, hatten aber wohl auch genügend verdient, um sicher über den Winter zu kommen. Johannes entwarf ein Lagerhaus für den von Schleynitz, und Krystel saß vor dem väterlichen Kamin, fand im Flackern der Flammen ähnliche Anregungen wie im Flirren der Landschaft und kritzelte ihr wirres Zeug. Auf den Höfen von Seltensaat lief das Wasser stetig und sicher aus den Röhren, allerdings nur, wenn in der Gegenrichtung auch das Geld floß und vom Verwalter die Schieber geöffnet wurden. Aber niemand war so recht willens, den hohen Preis zu zahlen. Der alte Hoyer hatte zwar aufrichtig, bescheiden und endgültig gerechnet, Abschreibungen, Betriebskosten, Steuern, den kleinen vereinbarten Gewinn und die Ergiebigkeit der Quelle ins Verhältnis gesetzt und trotzdem verdammt viele Pfennige für den Trog voll Wasser herausbekommen. Der Schultheiß und auch der Schösser in Hohnstein mußten seine Rechnung anerkennen.

Da nutzten die einen von den Bauern lieber notdürftig ihre schlechten Brunnen, die anderen holten das Wasser noch immer von weither. Die Befürchtungen Hoyers aus der Zeit des Baubeginns bestätigten sich.

Im Frühjahr holte Johannes einen Teil seiner ehemaligen Arbeiter zusammen und ein paar neue und begann mit dem Lagerhaus. Der Vater murrte über die Spärlichkeit der Einnahmen aus dem Brunnengeschäft. Aber der von Schleynitz, aus adeliger Tradition gewohnt, über lange Zeiträume zu denken, beruhigte ihn.

Und siehe: Es wurde wieder einmal ein trockener Sommer. Nur der Hoyerborn gab zuverlässig Wasser. Wohl oder übel mußten die Bauern den hohen Preis zahlen. Nach der Ernte waren alle hoch verschuldet. Dazu kam, daß sie ein Mißtrauen gegen den sittenstrengen Kaufmann gefaßt hatten, wohl wegen der Baugeschichte und des hohen Preises, und sich Geld borgten bei einem landesherrlich genehmigten, aber gerade deshalb wucherischen Banker in Dresden. Sie feierten ein bitteres Weihnachten.

Schon im nächsten Frühjahr gab die Hälfte der Bauern ihre Wirtschaften auf und zog davon. Hoyer brachte ihr Land und ihre Gehöfte an sich und bot ihnen an, auf seine Rechnung für ihn zu arbeiten. Aber sie ließen sich nicht halten.

Es dauerte noch zwei Jahre, und die gesamte Gemarkung gehörte Hoyer. Johannes ließ die veralteten Höfe wegreißen und baute statt ihrer eine moderne Meierei, wohin er mit Krystel zog. Diese ergriff voller Eifer und Geschick das Zepter in Haus und Hof. Keiner hätte dem versponnenen Weibsbild diese Zielsicherheit zugetraut. Johannes reiste in der Gegend umher, um seine Baustellen zu betreuen. Auch des nachts waren sie mit Freuden fleißig, denn er wußte manche reizvollen Spiele aus dem sinnenfrohen Italien, und Krystel hatte einiges gelernt, als sie ihrer französischen Erzieherin zusah, die nach dem Tode der Mutter auch den Vater betreute. Ob sie von dem Fräulein unmittelbar ausgebildet worden war, darüber schwieg sie mit einem verträumten Lächeln. Aber ein Kind wollte sich nicht einstellen.

So lebten sie froh und zufrieden, bis die Pest über das Land kroch. Johannes brachte sie von seinen Fahrten mit in die Meierei und steckte auch sein Weib an. Das Gesinde floh. Krystel und Johannes tranken ein Arkanum, das die Frau schon lange in ihrer Truhe aufbewahrte. Sie starben in Frieden. Die unbehüteten Gebäude der Meierei gingen in Flammen auf. Unter der Asche fand man nur noch einige Knochen und die Schädel des Paares.

Das Volk in der Gegend schrieb die Schuld am Untergang des Dorfes Seltensaat dem welschen Freigeist Johannes und der kinderlosen Hexe Krystel zu, die selbst ihren christlichen Namen derart verstümmelt hatte, daß er den kristallschützenden Berggeistern angenehm sein mußte. So sagte man schließlich, die beiden hätte der Teufel geholt.



Alle Rechte vorbehalten.
© Herbert Helbig, Dresden 1998

Unglücklicherweise habe ich verschiedentlich Striche und Häkchen an Buchstaben in den tschechischen Worten nicht anbringen können. Ich versichere, daß dies nicht aus Arroganz geschehen ist, und bitte meine tschechischen Leser um Entschuldigung.

Ich wünsche mir Kritiken und Fragen an die Anschrift:

wandrer@cibule.de

Ein Klick auf die Adresse öffnet gewöhnlich ein fertiges Mail-Fenster.

zum Seitenanfang